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Landwirt lässt Würmer für sich arbeiten

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Regenwürmer machen den Boden fruchtbar, locker und durchlässig für Regen.
Regenwürmer machen den Boden fruchtbar, locker und durchlässig für Regen. © dpa

Biobauer Braun setzt auf Nachhaltigkeit: Er versucht, die Technik zu begrenzen und lässt stattdessen Regenwürmer, Schnecken und Käfer für sich arbeiten. Von Mauritius Much

Von Mauritius Much

Sepp Braun schultert den Sack voller Klee- und Kressesamen, klettert auf die Sämaschine und schüttet die Samen in die Maschine. Dann klettert er wieder zurück, setzt sich auf den Fahrersitz seines Traktors und fährt vom Hof auf das Feld gegenüber, wo er dann mit der Sämaschine die Samenmischung in den Ackerfurchen verteilt.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Arbeit von Bauer Braun in Freising bei München nicht von der anderer Landwirte. Braun benutzt auch maschinelle Hilfsmittel wie Traktoren und Sämaschinen, erst wenn man genauer hinschaut, erkennt man den Unterschied. Denn der Biobauer verfolgt ein Konzept der Nachhaltigkeit: Er versucht, den Einfluss von Mensch und Technik zu begrenzen, er lässt Regenwürmer und andere Tierchen wie Schnecken oder Käfer im Boden für sich arbeiten. "Die Natur organisiert sich selbst am besten. Man muss nur den Mut haben, sie zu lassen", sagt Sepp Braun. Deshalb sät er an diesem Tag eine Mischung aus aromatischen Gewürzkräutern aus, das ist angeblich die Leibspeise seiner Regenwürmer. Und die Ackerfurchen, in denen das Saatgut landet, dürfen nur maximal sechs Zentimeter tief sein, damit die Regenwürmer nicht verletzt werden. Einen richtigen Pflug hat Bauer Braun deshalb nicht, seine Äcker lockert der 49-Jährige mit einem Stoppelhobel mit ganz flachen Scharen auf.

Braun hat sich auch einen kleineren Traktor gekauft, der bei 72 PS nur knapp drei Tonnen wiegt. Ein gewöhnliches Modell wiegt fast das Doppelte und verfügt über 20 zusätzliche Pferdestärken. Außerdem hat er weniger Luft in die Reifen gepumpt, damit Boden und Regenwürmer nicht zusammengedrückt werden. "Die Regenwürmer sind meine Partner, auch wenn sich das ein bisschen seltsam anhört", sagt Braun auf dem Acker mit lauter Stimme. Obwohl der Traktor mit gemächlichen sieben Stundenkilometern über das Feld tuckert, muss Braun gegen das Dröhnen des Motors und das Rattern der Sämaschine im Führerhaus ankämpfen. "Je mehr Regenwürmer in einem Boden sind, desto fruchtbarer ist er." Bei Sepp Braun bevölkern zwischen 350 und 400 Tiere einen Quadratmeter Acker, auf konventionell bewirtschafteten Äckern sind es gerade mal 16. Die Regenwürmer graben Röhren von bis zu zwei Metern Länge in die Erde und lockern sie damit viel effektiver als ein Pflug. Außerdem durchmischen sie den Boden, indem sie Erde von unten nach oben befördern und Pflanzenhalme und Blätter von der Oberfläche in ihre Röhren ziehen. Durch die Röhren kann der Boden aber auch stündlich 150 Liter Wasser pro Quadratmeter aufnehmen und im Grundwasserspeicher lagern.

Dafür gönnt Sepp Braun seinen Helfern die Gewürzkräutermischung. Sobald Klee und Kresse auf 30 Zentimeter Höhe gewachsen sind, mäht der Landwirt sie ab und lässt die Kräuter auf dem Acker liegen. Die Regenwürmer verspeisen sie und düngen dann mit ihrem Kot den Boden. Durch die Arbeit der Regenwürmer entsteht auf Brauns Äckern eine breite Humusschicht - die wiederum bindet pro Hektar bis zu 15 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Sepp Braun spart sich somit nicht nur Düngemittel, sondern tut auch etwas gegen den Klimawandel.

Bauer Braun dreht an einem Knopf, die Sämaschine hebt sich, der Landwirt wendet seinen Traktor, dann wird die Aussaat fortgesetzt. Eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Pflanzen und Tieren wolle er, sagt Braun. Dazu möchte er die Trennung zwischen Landwirtschaft, Gartenbau und Forstwirtschaft aufheben. Vorbilder sind für ihn Naturvölker wie die Aborigines in Australien.

Wie er sich das vorstellt, zeigt er nach der Aussaat auf einem Feld hinter dem Hof. Dort ist der Roggen fast einen Meter hoch. Zwischen dem Getreide wachsen verschiedene Kleearten und Kornblumen. "Je mehr ich mische, desto abwechslungsreicher ist die Nahrung für den Regenwurm", erklärt Sepp Braun und zupft eine Ähre vom Acker. "Außerdem ist eine Monokultur wie Fastfood. Man züchtet sich vielleicht eine Getreideart kurzfristig hoch, aber für den Boden ist die Artenvielfalt wichtiger."

Mitten ins Roggenfeld hat der Biobauer im Abstand von drei Metern Pappeln gepflanzt. Noch sind sie nur hüfthoch und sehen eher aus wie Sträucher, doch nach vier Jahren haben sie ihre optimale Größe erreicht. Die Vorstellung ist gewöhnungsbedürftig, dass bald mehrere parallele Pappelalleen das Getreidefeld durchziehen werden, aber in Brauns Naturkonzept ergeben die Bäume durchaus Sinn: Sie sollen das Feld vor Wind schützen, wodurch der Boden während des Jahres durchschnittlich um zwei Grad wärmer wird und das Getreide besser wächst. Durch die Wurzeln des Baumes werden Mineralstoffe an die Oberfläche geholt und im Herbst wird das Laub zum Futter für die Regenwürmer.

Zwischen dem Roggenfeld und dem Hof ist eine Kuhweide. Sepp Braun hat ihre Ränder mit Birken, Eschen und Weiden umgeben - nicht nur wegen einer größeren Nahrungsauswahl, sondern auch aus medizinischen Gründen."Wenn eine Kuh eine Verstimmung in einem ihrer Mägen hat, weiß sie genau, welche Blätter sie essen muss, damit es ihr besser geht", erklärt Braun, öffnet den elektrischen Weidezaun und geht an der Herde vorbei zum Hof. Vor zwanzig Jahren hätte er seinen Kühen noch Medizin gegeben und seine Felder mit Kunstdünger bewirtschaftet. Doch dann lernte er Mitte der 80er Jahre von befreundeten Bauern in der Landjugend, wie schädlich die Chemie für Pflanzen und Tiere ist, kurze Zeit später explodierte ein Reaktor in Tschernobyl. "Da habe ich gelernt, dass der Mensch nicht Schöpfer spielen und alles umsetzen sollte, was er sich ausdenkt", sagt Braun.

Mittlerweile sitzt der Biobauer in einem kleinen Raum neben der Eingangstür des Wohnhauses und schaltet seinen Computer an. Er arbeitet gerade an einem Powerpointvortrag über seine Regenwürmer, den er bald vor anderen Landwirten im Allgäu halten wird. "Wenn ich anfange, von den Regenwürmern zu erzählen, schauen die meisten Zuhörer erst einmal sehr erstaunt", sagt Braun und lächelt.

Mittlerweile ist er in ganz Deutschland unterwegs, um für seinen Ansatz zu werben. Kritiker halten ihm vor, dass seine Methode sehr zeitintensiv sei. Braun antwortet dann, dass er mit seiner Idee nicht nur die Umwelt schütze, sondern auch die Ernteerträge erhöhe: Statt für jährlich durchschnittlich drei Tonnen Weizen sorgen Brauns Regenwürmer für fünf Tonnen pro Quadratmeter.

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