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Plastikmeer in einem japanischen Supermarkt. An der Kasse werden die verpackten Waren trotzdem nochmal eingetütet.

Japan

Ein Land im Verpackungswahn

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Japan trennt zwar religiös den Müll, erzeugt aber auch viel zu viel davon. Jetzt streitet das Land über die kostenlose Plastiktüte.

Wenn Frau Takayama einen Karton mit Sojamilch zu Ende getrunken hat, dann kümmert sie sich liebevoll um das leere Tetrapack. Sie schneidet es auf, wäscht es aus, glättet es und hängt es zum Trocknen auf. Wenn sie einen schönen Stapel leerer Packungen beisammen hat, bindet sie ihn zusammen und bringt ihn um die Ecke zum nahen Discount-Supermarkt „Power Larks“. Mit Sorgfalt deponiert sie das blitzsaubere und geometrische Pack in der Recyclingbox am Eingang. „Jeder muss gewissenhaft bei der Mülltrennung mitmachen!“, doziert die 57-jährige Bewohnerin des Tokioter Stadtteils Nerima.

So wie Frau Takayama beschäftigt sich ganz Japan emsig mit der korrekten Entsorgung des Abfalls. Das Poster des Bezirksamts von Nerima mit den Regeln zur Mülltrennung sieht aus wie der Bauplan einer komplexen Maschine. Nur durch Farbkodierung und alphanumerische Klassifikation der Wertstofftypen lässt sich überhaupt Überblick herstellen.

Die Etiketten von Polyethylenflaschen kommen in den Plastikmüll, ihre Kappen sind dagegen eine eigene Müllklasse ebenso wie die Flasche selbst. Die Müllabfuhr holt den Plastikmüll dienstags und die PET-Flaschen donnerstags ab. Korken, brennbarer Müll für die Verbrennungsanlage, Dosen, Batterien, Energiesparlampen – alles hat seinen Platz. Ganz wichtig: Es muss sauber gewaschen am Sammelplatz ankommen, sonst gibt es Ärger mit den aufmerksamen Nachbarn. Japan kommt so auf eine sehr hohe Recyclingquote.

Viele Waren sind fünfmal eingewickelt

Kein Zweifel, die Bürger verhalten sich hier umweltfreundlich. Kritiker sehen jedoch ein Problem mit dem Abfallzirkus: Es gibt kaum Anreize, Müll zu vermeiden. Die Japaner verbrauchen beispielsweise im Durchschnitt 200 Plastiktüten pro Jahr. In der EU waren es bis vor kurzem zwar fast ebenso viele, doch neue Regeln sollen die Zahl bis in zwei Jahren auf 90 senken. In Deutschland sind es bereits weniger als 70 Tüten, Tendenz fallend.

Eine der größten Gegnerinnen des Verpackungswahns ist die Gouverneurin von Tokyo, Yuriko Koike. „Solange Plastiktüten kostenlos verteilt werden, verwendet kein Mensch sie mehrfach“, sagt Koike. Die Plastikschwemme führe zu einer Flut von Problemen, sagt die frühere Umweltministerin. Für eine Inselnation besonders besorgniserregend sei die Verschmutzung der Meere. Sie selbst verwende längst selbst eine „niedliche“, zusammenfaltbare Mehrwegtüte.

Koike will den Einzelhandel in Tokio ab dem Jahr 2020 zwingen, Geld für die Tüten zu verlangen. Sie stößt damit jedoch auf erstaunlichen Widerstand der Wirtschaft. In diesem Herbst steht nun die nächste Runde in einer Diskussion an, die bereits seit einem Jahrzehnt hin- und hergeht. Ist Japan ohne Einwegtüten noch japanisch?

In Japan gibt es über 50 000 sogenannte Convenience Stores: blitzsaubere, strahlend helle Minimärkte, die oft rund um die Uhr offen haben und auf die Schnelle alles Nötige fürs Leben bieten. Die Convenience Stores sind Teil der japanischen Alltagskultur. Wenn ein Japaner eine Filiale betritt, fühlt er sich aufgehoben und zu Hause. Die „Konbini“ sind jedoch auch für ihre Verpackungsexzesse bekannt. Wer dort ein Reisbällchen, eine Dose Bier oder einen Radiergummi kauft, bekommt immer mindestens eine Plastiktüte dazu.

Viele Waren sind sogar fünfmal eingewickelt. Kekse sind in der Papppackung nicht nur in Zellophan eingehüllt, sondern zusätzlich noch einzeln eingeschweißt. Der Kassierer steckt die Kekspackung dann erst in eine hübsche Papiertüte, bevor er sie in die größere Einkaufstüte aus Plastik legt.

Jeder Kunde bekommt automatisch noch eine Tüte

Das entspricht ganz dem japanischen Sinn für Ordnung und Hygiene – und ist ein Alptraum für Umweltschützerinnen wie Koike. Die Betreiber der Konbinis befürchten gleichwohl, dass Kunden wegbleiben oder sich aufregen, wenn sie für die gewohnte Tüte bezahlen müssen. „Wir waren einmal ein Land, das vorsichtig mit Ressourcen umgegangen ist, und heute gehören wir zu den größten Verschwendern“, sagt Koike. Sie spricht sich auch insgesamt für mehr Mehrweg in Tokio aus.

Da, wo Frau Takayama wohnt, verbreitet sich immerhin das Bewusstsein, dass Tüten schlecht sind. Im nahen Supermarkt „Summit“ fordern Schilder an der Kasse dazu auf, nach Möglichkeit darauf zu verzichten. Die Kunden können bereitliegende Pappkarten in den Einkaufskorb legen, um dem Kassierer den Verzicht auf die Tüte zu signalisieren. „Vielen Dank für die Zusammenarbeit beim Umweltschutz!“ lautet dann die roboterhaft vorgetragene Formel. Allerdings bekommt weiterhin jeder Kunde automatisch eine Tüte, der es nicht ausdrücklich anders verlangt.

Aiko Takayama selbst hat bereits umgedacht. Sie bringt ihre eigenen Stoffbeutel mit, wenn sie bei Summit oder Power Larks einkaufen geht. „Das hat bei mir bestimmt mehr positive Effekte für die Umwelt als bei Gouverneurin Koike“, glaubt sie. „Ich bezweifele, dass die noch oft selbst einkaufen geht.“

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