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Hilfe zur Selbsthilfe sieht Bruno Watara als oberste Maxime in der Flüchtlingspolitik.

Deutschland

Land der guten Bürger

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Deutschland wird gerne als gespaltenes Land dargestellt. "Wir wollten wissen: Was ist das Gemeinsame?", sagt der Gütersloher Forscher Orkan Kösemen. Und präsentiert in einer neuen Studie Überraschendes.

Manchmal geht die Integration ins deutsche Vereinswesen ganz schnell. Bei Ennio Spina war es nur ein Zuruf seines Präsidenten im Karnevalsverein: „Du trägst die Standarte.“ Dann stand der 36-Jährige in Ornat und Smoking mit der Standarte der „Harlekins Berlin“ auf der Bühne und gehörte dazu. Nur, dass er in der Eile keine Handschuhe dabei hatte, fiel auf. Das war eigentlich ein Sakrileg. Aber in der Berliner Karnevals-Diaspora geht vieles nur mit ein bisschen Improvisation. Karnevals-Vereine, gerade außerhalb des Rheinlands, sind einer der letzten Bereiche der Gesellschaft, in denen man kaum Menschen mit außerdeutschem Hintergrund trifft. Insofern ist Ennio Spina, Sohn eines italienischen Restaurant-Betreibers und einer Berlinerin, ein Exot unter Exoten.

Das große Engagement in Vereinen ist einer der letzten Punkte, die migrantische und nichtmigrantische Deutsche noch trennen. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zum „Bürgersinn in der Einwanderungsgesellschaft“. In einer repräsentativen Umfrage wurden 2058 Menschen in Deutschland befragt, was sie unter einem „guten Bürger“ verstehen. 892 hatten keinen Migrationshintergrund, 569 waren in Deutschland geborene Kinder von Migranten, 598 waren Einwanderer. Alle drei Gruppen konnten sich auf dieselben Grundwerte einigen: Sehr wichtig war allen, dass Ältere Respekt verdienen, dass Gesetze befolgt werden müssen, dass man für seinen Unterhalt selbst sorgen soll, aber auch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

„In aktuellen Debatten ist oft das Trennende das beherrschende Thema. Wir wollten wissen: Was ist das Gemeinsame?“, berichtet Orkan Kösemen, der Verantwortliche für die Studie bei der Bertelsmann-Stiftung. „Die Ergebnisse lassen vor allem einen Schluss zu: Wir können eine Annäherung hier geborener Menschen mit Migrationshintergrund an die Mehrheitsgesellschaft feststellen. Bei den im Ausland geborenen Migranten sind die Werte eigener Unterhalt, Recht und Ordnung achten, Steuern zahlen und auch der Stolz auf Deutschland überrepräsentiert. Diese Menschen wollen sich beweisen, dass sie dazugehören, dass sie es schaffen können.“

Es sind Menschen wie Ennio Spinas Vater Ivo, der vor mehr als 40 Jahren aus San Benedetto de Tronto an der Adria nach West-Berlin kam. Sein Bruder Mariano hatte die Familie in Italien um Hilfe gebeten, die Restaurants der Familie zu führen. Die Werte, die ihm sein Vater vermittelt hat, seien klar und unmissverständlich gewesen: „Wir sollen die Regeln und Gesetze des Landes achten, wo wir leben. Und unser eigenes Geld verdienen“, sagt der Sohn. Sein Vater habe immer gesagt: „Und wenn du Toiletten putzen gehst, geh arbeiten. Du kannst dich im Spiegel anschauen und weißt, du hast für dich selbst gesorgt.“

Toiletten putzen musste Ennio Spina nie, seinem Vater im Restaurant half er dennoch immer in den Sommerferien und später auch nach der Schule. Er hängte eine Gastronomie-Lehre in der Südwestpfalz dran und lernte dort seine Frau Jennifer kennen, Tochter eines US-Soldaten und einer Deutschen aus Mannheim. Sie gingen wieder nach Berlin, eine ganz normale deutsche Familie mit zwei halben Migrationshintergründen. Matteo und Maria Sophie heißen ihre Kinder. Opa Ivo spricht mit ihnen stets Italienisch, und im Sommer fährt die ganze Familie nach San Benedetto de Tronto. Wie jedes Jahr, seit Ennio denken kann.

Seit diesem Jahr sind alle vier Spinas bei den Harlekins dabei, die Kinder bei den kleinen Tänzern, Jennifer bei der Showtanzgruppe und Ennio eben als Standartenträger. Der Kontakt kam über Matteos frühere Kindergartengruppe zustande. Für die Harlekins ist es ein Glück, auch die Nord-Berliner Karnevalstruppe sorgt sich um Nachwuchs – wie viele Vereine in Deutschland.

Das hat auch die Bertelsmann-Studie festgestellt. Orkan Kösemen sagt: „Die große Bedeutung des Engagements in Vereinen ist ein westdeutsches, nichtmigrantisches Phänomen. Und es ist zudem ein Phänomen der Älteren. Engagement war Jugendlichen am wenigsten wichtig, bei migrantischen Jugendlichen ist der Wert noch einmal niedriger.“ Die Neuankömmlinge der letzten Jahre haben Kösemens Leute nicht befragt. Die Umfrage richtete sich an Menschen, die zum großen Teil bereits mehr als zehn Jahre in Deutschland sind.

Bruno Watara lebt seit 21 Jahren hier. Die ersten neun Jahre verbrachte der 56-Jährige nach seiner Flucht aus Togo in einer Unterkunft mitten im Wald von Mecklenburg-Vorpommern. Nur um einkaufen zu gehen, musste er jedes Mal acht Kilometer Fußmarsch bewältigen. Bis heute nennt Watara den unfreundlichen Ort nur das „Dschungelheim“.

Eines Tages begannen er und die anderen Flüchtlinge sich gegen die Bedingungen im Heim zu wehren und organisierten einen Protest. Zusammen erreichten sie, dass Orte wie das „Dschungelheim“ durch andere Unterkünfte ersetzt wurden. Hilfe zur Selbsthilfe, das sieht er als oberste Maxime in der Flüchtlingshilfe.

„Die deutschen Bürger haben viel geholfen“, findet er. Aber er denkt auch, dass sie nicht vehement genug mehr Rechte für Geflüchtete eingefordert haben, zum Beispiel beim Thema Familiennachzug. „Man kann nur jemandem helfen, der Rechte hat und diese auch kennt“, sagt der 56-jährige Wahl-Berliner. Deswegen versuche er Geflüchteten immer als erstes ihre Rechte zu erklären. „Ich helfe keiner einzelnen Person, ich passe darauf auf, dass das Grundgesetz eingehalten wird“, sagt Watara. Er engagiert sich auch in einer Initiative namens „Familienleben für alle“, die sich für den Nachzug von Familien von geflüchteten Menschen einsetzt. Bevor er anderen helfen konnte, musste Watara aber erst einmal lernen, sich selbst zu helfen.

„Die Bindungskraft der deutschen Gesellschaft wird unterschätzt“, sagt Orkan Kösemen. „Migranten fühlen sich genau so oft als gute Bürger wie der Rest der Bevölkerung und sehen sich somit als Teil der Gesellschaft.“

Überdurchschnittlich wünschen sich Migranten Respekt vor anderen Religionen und Toleranz – Werte, die sie selbst nicht immer erleben. Für Bruno Watara war das der Grund, warum er noch immer nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, obwohl er es längst dürfte. „Ich kann mich nicht deutsch fühlen, wenn ich nachts auf der Straße immer noch Angst haben muss“, sagt er. Angriffe von Rassisten habe er bereits mehrfach erlebt, sowohl in Mecklenburg als auch in Berlin.

Ennio Spina hingegen hat seit seiner Geburt den deutschen Pass – und den italienischen. Er musste sich nicht zwischen einer seiner beiden Identitäten entscheiden. Dennoch hat es ihn streckenweise belastet, in Berlin genau so wie an der Adria als halber Fremder wahrgenommen zu werden. „In Deutschland bin ich der Italiener, in Italien bin ich der Deutsche. Als Jugendlicher hatte ich Probleme damit, immer etwas Halbes und nie etwas Ganzes zu sein“, erzählt er. „Bis ich mir irgendwann sagte: Das ist mir egal. Nehmt mich, wie ich bin.“

Typische Situation

Für den Forscher Kösemen ist das eine ganz typische Situation. Er weist auf die großen Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Befragten in der Studie hin und hat eine wichtige Feststellung gemacht: „Viele Debatten, die wir in Deutschland haben, kommen im Gewand von Migrationsdebatten daher, sind aber eigentlich zum Teil Generationenkonflikte. Das hat auch damit zu tun, dass junge Menschen aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrungen eine andere Wahrnehmung haben. Für Jugendliche ist Vielfalt normaler.“

Die wirklichen Konflikte in der Gesellschaft bestehen also nicht ganz platt zwischen „Deutschen“ auf der einen und „Ausländern“ auf der anderen Seite. Die Konfliktlinien liegen tiefer. Dass deutlich weniger Junge und Migranten es wichtig finden, sich politisch zu informieren und wählen zu gehen, gehört zu den bedenklichen Ergebnissen der Studie. Kösemen schreibt von „Defiziten bei der Vermittlung von politikbezogenen Merkmalen des Bürgersinns bei Migranten mit niedriger Bildung“.

Ebenso auffällig ist, dass Ostdeutsche viele Fragen anders beantworten als Bürger in den westlichen Bundesländern. Deutlich weniger Ostdeutsche würden sich selbst als „guten Bürger“ bezeichnen – und deutlich weniger Ost- als Westdeutsche geben an, dass es zu den „sehr wichtigen“ Bürgertugenden gehört, die geltenden Gesetze zu befolgen. Hier verweist Kösemens Studie auf eine tief sitzende Distanz zum aktuellen politischen System – wenn auch nur bei einer Minderheit der Ostdeutschen. Und auch im Osten sagen 90 Prozent der Befragten, dass jeder ein „guter Bürger“ werden kann, egal wo er oder sie geboren wurde.

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