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Jeden Tag infizieren sich im Kongo mindestens zwölf Menschen mit dem Virus.

Interview

Ebola-Epidemie: „Die Lage ist explosiver als je zuvor“

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Experte Maximilian Gertler über die Gefahr weiterer Ansteckungen

Maximilian Gertler ist Arzt und Epidemiologe am Tropeninstitut der Berliner Charité und Ebola-Experte bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Herr Gertler, sind Sie überrascht, dass die Ebola-Epidemie im Ostkongo selbst ein Jahr nach ihrem Ausbruch noch nicht unter Kontrolle gebracht worden ist?
Ja. Nach den guten Erfahrungen mit dem Impfstoff und all den Erkenntnissen, die wir nach der großen Epidemie in Westafrika gesammelt hatten, war ich vor einem Jahr noch optimistisch.

Was lief falsch?
Entscheidend ist die Situation im Ostkongo – die bürgerkriegsähnlichen Zustände dort und die Vernachlässigung der Gesundheitsversorgung im Allgemeinen. Da funktioniert der vertikale Ansatz der Ebola-Eindämmung nicht.

Was ist das, ein „vertikaler Ansatz“?
Wenn man sich ganz auf die Ebola-Hilfe konzentriert, während die übliche Gesundheitsversorgung so brachliegt wie seit Jahrzehnten. Die Ostkongolesen erleben schon seit langem Gewalt, Vertreibung und gefährliche Erkrankungen am eigenen Leib oder in ihrer unmittelbaren Umgebung. Sehen sie einen Ebola-Ausbruch in einem 50 Kilometer entfernten Dorf tatsächlich als ihre Hauptgefahr? Wenn man das nicht mit Ja beantworten kann, muss man die Ebola-Eindämmung in Hilfe einbetten, die unabhängig von der Epidemie nötig ist. Aus ärztlicher Sicht bedeutet das eine Gesundheitsversorgung, die diesen Namen auch verdient.

Wurden die Ebola-Behandlungszentren nicht absichtlich von den bestehenden Kliniken und Gesundheitsstationen getrennt, um Ansteckungen zu vermeiden?
Ja, das ist grundsätzlich auch richtig. Aber im Ostkongo werden nur wenige Ebola-Patienten überhaupt in diese Zentren gebracht, weil die Bevölkerung misstrauisch ist. Gleichzeitig ist die Sterblichkeit bei Malaria sowie Durchfall- und Atemwegserkrankungen exorbitant hoch. Hinzu kommen noch andere Epidemien wie Masern und Cholera: Sie sind für viele Ostkongolesen wesentlich präsenter als Ebola und trotzdem wird ihnen nicht geholfen. Das trägt zum Misstrauen noch bei.

Maximilian Gertler: „Das Risiko ist größer geworden.“

Wie wird die Gefahr einer Ansteckung ausgeschlossen, wenn Ebola- und allgemeine Gesundheitsversorgung zusammengelegt werden?
Wir müssen in den vorhandenen lokalen Gesundheitsstationen kleine Isolierstationen einrichten. In diesen werden Ebola-Verdachtsfälle untergebracht, bevor sie bei Bestätigung des Verdachts in die regionalen Behandlungszentren gebracht werden.

Die meisten Kongolesen sind auch gegenüber Impfungen misstrauisch. Trotzdem soll jetzt ein zweiter und neuer Impfstoff ausprobiert werden.
Ein Medikament oder einen Impfstoff in einer Notlage zu testen, ist tatsächlich ein problematischer Vorgang, den man gut begründen muss. Die bisherige Impfkampagne war erfolgreich, sie reicht aber nicht aus. Nach unseren Daten wird häufig nur ein Drittel aller Kontaktpersonen eines Neuinfizierten tatsächlich geimpft. Das muss sich ändern.

Liegt das daran, dass der bisher einzig verfügbare Impfstoff nicht ausreicht oder zu teuer ist?
Es liegt an der Komplexität der Impfkampagne, der Empfindlichkeit des Impfstoffs und am mangelnden Vertrauen der Bevölkerung. Ursprünglich hieß es, die Firma Merck habe 300.000 Dosen produziert, von denen bereits 180.000 benutzt wurden. Angesichts der ständig steigenden Zahl der Infizierten sah sich die WHO im Juni gezwungen, die Impfungen deutlich zu reduzieren. Dagegen könnte in besonders betroffenen Bezirken die gesamte Bevölkerung geimpft werden, würde auch auf den neuen Impfstoff zurückgegriffen.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich die derzeitige Ebola-Epidemie auch international ausbreitet?
Mit der Ausdehnung der Seuche auf die Millionenstadt Goma ist die Lage jetzt explosiver als je zuvor. Wegen der Nähe der Stadt zum Nachbarland Ruanda und ihres internationalen Flughafens ist das Risiko auf jeden Fall größer geworden.

Interview: Johannes Dieterich

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