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Kyle R. spricht während des Prozesses mit seiner Anwältin.
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Kyle R. spricht während des Prozesses mit seiner Anwältin.

Black-Lives-Matter-Demonstration

Kyle R.: Schützt Richter Schroeder den Todesschützen von Kenosha?

  • VonMirko Schmid
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Kyle R. tötete als 17-Jähriger zwei Menschen am Rande einer Black Lives Matter-Demonstration. Nun zeichnet sich auch wegen des Richters ein Freispruch ab.

Kenosha - Im Moment läuft ziemlich viel ziemlich gut für Kyle R.. Der Teenager, der in Wisconsin vor Gericht steht, weil er nachweislich zwei Menschen am Rande einer Black Lives Matter-Demonstration erschossen hatte, kann auf einen Freispruch hoffen. Dazu tragen in erster Linie Aussagen von Augenzeugen bei, deren Aussagen die Verteidigungsstrategie stützen, wonach R. aus Notwehr gefeuert habe.

Dazu trägt aber auch bei, dass Richter Bruce Schroeder bisher eine Prozessführung an den Tag legt, die der Staatsanwaltschaft enge Fesseln anlegt. Bereits im Vorfeld des Prozesses hatte Schroeder verboten, dass die am 25. August 2020 durch die Schüsse des damals 17-Jährigen tödlich verwundeten Männer Joseph Rosenbaum und Anthony Huber als „Opfer“ bezeichnet werden durften. Der Verteidigung hingegen gewährte Richter Schroeder, die Protestierenden der Black Lives Matter-Bewegung „Randalierer“ und „Plünderer“ nennen zu dürfen.

Nun finden weitere kleinere Details Beachtung, die Richter Schroeder in ein gewisses Licht rücken könnten. Der 75-Jährige, der seit 1983 als Kreisrichter Recht spricht, hat laut New York Times in Kreises der Justiz von Kenosha den Ruf, strenge Urteile zu erlassen. Er ist bekannt dafür, angehenden Geschworenen Vorträge über ihre Bürgerpflicht zu halten und ihre Aufgabe im Prozess mit dem Dienst amerikanischer Soldaten in Vietnam zu vergleichen.

„God Bless The USA“- Richter Schroeder hat „Trump-Hymne“ als Klingelton

Medien steht er skeptisch gegenüber. Immer wieder hat er sich öffentlich über eine angebliche Voreingenommenheit der Presseorgane beschwert. Im Vorfeld des Prozesses sagte Schroeder, er habe noch nie von den „Proud Boys“ gehört. Dabei handelt es sich um die rechtextreme Schlägertruppe, die Kyle R. nach der Schießerei in Kenosha ihren Schutz anbot. Und um die, die Donald Trump im Wahlkampf 2020 mit einer Art Marschbefehl geadelt hatte.

Und Richard Schroeder hat weitere Gründe für Skepsis gegeben, als er während der Anhörung etwa in einem Rezeptheftchen für Kekse blätterte. Oder als auf seinem Smartphone während des Prozesses ein Anruf einging und als Klingelton „God Bless The USA“ von Lee Greenwood zu hören war. Das Lied gilt heute als eine Art Stadiongesang der Trump-Fans. Kein Auftritt von Donald Trump vergeht, ohne dass der 1984 veröffentlichte Song aus der Soundanlage schmettert.

Im Prozess selbst hält sich Schroeder, der 1983 vom damaligen Gouverneur von Wisconsin Anthony Earl, einem Demokraten, als Kreisrichter eingesetzt und von da an immer wiedergewählt wurde, so gut es geht zurück. Mehrfach aber fährt er plötzlich fast aus der Haut, weist die Staatsanwaltschaft scharf in ihre Schranken.

Richter Bruce Schroeder staucht Staatsanwaltschaft zusammen

Die Staatsanwaltschaft nahm Kyle R. zuvor über Stunden ins Kreuzverhör. Sie befragten den heute 18-Jährigen zu jedem kleinsten Detail der Schießereien von Kenosha. Ihr Ziel ist es, der Jury zu beweisen, dass R. den Stein ins Rollen gebracht habe. Schließlich sei der Teenager illegaler Weise mit einem Maschinengewehr aufgetaucht. Sein militantes Auftreten habe erst dafür gesorgt, dass die Demonstrierenden danach trachteten, ihn zu entwaffnen.

Richter Bruce Schroeder staucht den leitenden Staatsanwalt Thomas Binger zusammen. Der hatte zuvor zum wiederholten Male zur Sprache gebracht, dass sich R. zunächst zur Tat ausgeschwiegen hatte. Dies aber sei dessen gutes Recht gewesen, belehrte Schroeder den Staatsanwalt.

Zunächst beschwert R.s Verteidigung sich darüber, dass Binger das Schweigen des Angeklagten trotz Schweigerecht angesprochen hatte. Binger gibt zu: „Ja, das war aus der Emotion heraus, dessen bin ich mir bewusst.“ Dann fügt er an: „Außerdem hat das Gericht da eine Tür offen gelassen.“ Schroder unterbricht Binger und brüllt: „Für mich. Nicht für sie.“

Prozess um Kyle R.: Richter Schroeder brüllt Verteidigung an

Binger will neu starten, wieder unterbricht ihn der Vorsitzende: „Ich war erstaunt darüber, dass Sie Ihre Vernehmung mit einem Kommentar zum Schweigen des Angeklagten nach der Festnahme begonnen haben. Das ist Grundgesetz. Das ist Grundgesetz in diesem Land seit 40, 50 Jahren. Ich habe keine Ahnung, warum Sie so etwas tun sollten. Und das macht...“, unterbricht er sich, „belassen wir es dabei.“

Binger startet einen nächsten Versuch und will weitere Beweise dafür vorlegen, dass R. schon vor der Schießerei gegen Menschen gerichtet hatte. Unter anderem geht es da um die Aussage eines „Mannes in gelben Hosen“, auf den R. die Waffe gerichtet, sie dann aber wieder gesenkt haben soll. Wieder wird Richter Schroeder laut. Was sich der Staatsanwalt denn herausnehme, Beweise vor die Jury zu bringen, welche nicht zuvor mit dem Gericht abgesprochen worden seien.

R.s Verteidiger Corey Chirafisi versucht anschließend, die Gunst der Stunde zu nutzen. Bingers Fragen seien ein vorsätzlicher Versuch, so zu einer Neuauflage vor einem anderen Gericht zu kommen. Er beantragt daraufhin seinerseits, den Prozess einzustellen und wirft Binger vor, absichtlich Prozessfehler gemacht zu haben. Sollte sein Antrag durchkommen, wäre der Prozess tatsächlich jäh beendet. Und nicht nur das: Da in den USA niemand zweimal desselben Verbrechens wegen vor dasselbe Gericht gestellt werden darf, wäre R. somit ein freier Mann. Zwar käme es nicht zu einem formalen Freispruch, jedoch könnte der 18-Jährige in diesem Fall nicht mehr für die tödlichen Schüsse von Kenosha belangt werden.

Fall Kyle R.: Verteidigung kommt ins Schwimmen

Aber Schroeder ist nicht das einzige Problem der Staatsanwaltschaft. Ihre eigenen Zeugen sagen Dinge aus, welche die Prozessstrategie der Ankläger untergraben. Ein Zeuge, Richard McGinnis, sagte etwa aus, Rosenbaum habe R. verfolgt und zum Gewehr gegriffen, als R. ihn erschoss. Ein anderer Zeuge, Ryan Balch, bezeichnete Rosenbaum als „hyperaggressiv“.

Und selbst der dritte Mann, auf den Kyle R. zur Tatzeit ebenfalls schoss, Gaige Großkreutz tut der Staatsanwaltschaft keinen echten Gefallen. Erst sagte er zwar aus, er habe „nie versucht“, R. zu töten. Aber dann gab er zu Protokoll, dass er glaube, dass Huber versucht habe, R. zu schaden. Selbst räumte er dazu noch im Kreuzverhör ein, seine Waffe auf R. gerichtet zu haben.

Fachleute vermuten einen Freispruch für Kyle R.

Der schillernde Gerichtsjournalist Elie Mystal, ein langjähriger Experte des Justizsystems der USA, sieht kaum noch eine Chance, dass R. für seine Todesschüsse zur Rechenschaft gezogen werden könnte. MSNBC-Host Tiffany Cross fragte Mystal auf Twitter, ob es möglich sei, diesen „deutlich voreingenommenen“ Richter zu ersetzen.

Mystals Antwort: „Realistisch gesehen geht das nicht. Er ist gewählt. Selbst wenn er später vom Staat diszipliniert wird (was nicht passieren wird), ändert das nichts an diesem Verfahren.“ Der Experte weiter: „Und wenn er davonkommt, kann er wegen des Grundsatzes ‚nicht zweimal in einer Sache‘ nicht erneut vor Gericht gestellt werden. Wie ich vor zwei Wochen sagte, sie lassen R. laufen.“ (Mirko Schmid)

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