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Kurze Halme für ein langes Leben

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Von: Boris Halva

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Mongolische Wühlmäuse
Mongolische Brandt-Wühlmäuse halten das Gras vor ihrem Bau kurz, um eine bessere Sicht auf ihre Fressfeinde zu haben. © dpa

Wie sich Mongolische Wühlmäuse vor Fressfeinden schützen.

Wenn jemand den Rasen stets auf Streichholzlänge trimmt, wird das nicht selten belächelt und hier und dort gar als Akt der reinen Spießigkeit geächtet. Wenig Beachtung fand bisher die Idee, dass es sich hierbei möglicherweise um einen Überlebensmechanismus handelt, den sich unsere Spezies antrainiert hat, als wir noch vor dem Säbelzahntiger flüchteten wie die Wühlmaus vor der Hofkatze. So war nun dieser Tage zu lesen, dass die Länge des Rasens und die Länge des Lebens in direkter Verbindung zueinander stehen – zumindest in der Welt der Mongolischen Wühlmaus, deren europäische Verwandte ja mitunter sehr enge Verbindungen mit Menschen beziehungsweise deren Grünflächen unterhalten.

Wie ein Team von Forschenden aus Großbritannien, China und den USA herausgefunden hat, halten Mongolische Brandt-Wühlmäuse das Gras vor ihrem Bau kurz, um bessere Sicht auf Fressfeinde zu haben. In ihrem Artikel im Fachblatt „Current Biology“ legen die Wissenschaftler:innen dar, dass die Mäuse ihr Verhalten nach dem Aufkommen einer als Würger bezeichneten Vogelart ausrichten.

Weil der Würger für die Maus im mongolischen Grasland gewissermaßen das ist, was Schottergärtner:innen hierzulande für Insekten sind, haben die Wühlmäuse immer dann, wenn Würger in der Nähe waren, „die Menge des in Büscheln wachsenden Grases drastisch reduziert“, sagt Dirk Sanders von der Universität Exeter. Mit dem Effekt, dass die Würger seltener kamen – offenbar hielten sie getrimmte Gebiete für schlechte Jagdreviere. Sind hingegen keine Würger da, hören die Mäuse auf, das Gras zu kürzen. Was kein Wunder ist, kostet doch das Rasentrimmen – Fachleute bezeichnen solche Aktivitäten als „ecosystem engineering“ – tierisch viel Energie. Und diese Energie wenden Tiere und Pflanzen eben nur auf, wenn „sie einen erheblichen Überlebensvorteil“ bringe, wie Sanders sagt.

Eine schlechte Nachricht für die Wühlmäuse hat indes Zhiwei Zhong, der an der Northeast Normal University in China forscht und ebenfalls an der Studie beteiligt war. Ihm zufolge könnten die Ergebnisse nützlich sein, um die Nagetier-Population auf Weideland zu kontrollieren: „Das Erhalten oder Pflanzen von großen, in Büscheln wachsenden Gräsern könnte dabei helfen, Würger anzulocken, und damit den Bestand von Wühlmäusen zu verringern.“

Bis Gras über die ganze Sache gewachsen ist, müssen also nicht nur Wühlmäuse ganz stark sein, sondern auch die Menschen, die keine Wühlmäuse im Garten wollen. Und das Gras streichholzkurz lieben.

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