Kuh Yvonne ist auf der Flucht.
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Kuh Yvonne ist auf der Flucht.

Kuh Yvonne

Die Kunst des Versteckens

Seit Tagen narrt sie die Verfolger - die sind weiter erfolglos. Warum es den Experten nicht gelingt, die Kuh Yvonne in einem oberbayerischen Waldstück zu fangen.

Von Ina Pachmann

Das letzte Zeichen von Yvonne waren frische Kuhfladen. In einem kleinen Waldstück in der Nähe des oberbayerischen Ortes Zangberg hatte sie besonders viele Exemplare davon hinterlassen. Lauter dampfende Botschaften an die Menschen, die sie verfolgen. Seit dem 24. Mai schon lebt Yvonne im Wald und niemand kann sie fangen. Nicht einmal die Tierschützer des Guts Aiderbichl. Die haben die Kuh nach ihrem Ausbruch von einer Weide gekauft und beim Landratsamt Mühldorf erreicht, dass die Abschussgenehmigung für Yvonne ausgesetzt wurde. Aber selbst ihnen traut sie nicht. Als ein Mitarbeiter des Gnadenhofs in der Nacht zu Montag dem braun-weißen Rind genau gegenüberstand, machte sie kehrt und verschwand wieselflink zwischen den Bäumen. Wieder einmal entkam das Tier einem Betäubungsschuss.

Dass es der Kuh im Wald gut geht, zeigen nicht nur die Fladen. Der Tierschützer Hans Wintersteller, der Yvonne seit Wochen nachstellt, behauptet sogar, sie habe 100 Kilo zugenommen. Was sich reichlich übertrieben anhört. Fast ein Kilo hätte die Kuh an jedem Tag ihres Waldlebens zulegen müssen, fast so viel wie Masttiere, die ein spezielles Futter bekommen. Michael Aufhauser, Chef von Gut Aiderbichl, relativiert die Angabe seines Mitarbeiters denn auch dahingehend, dass Wintersteller vielleicht Yvonnes zerzaustes Fell und die Dunkelheit getäuscht haben.

Genauso rasant wie das Gewicht der Flüchtigen steigt das Interesse an Yvonne in der Welt. Dass sich ein Rind in einem deutschen Wald so gut verstecken kann, hat schon die New York Times thematisiert, und gestern erreichte Aufhauser ein Anruf aus Südafrika. Die Problemkuh scheint zur PR-Kuh für Aiderbichl geworden zu sein. Was Aufhauser erwartungsgemäß zurückweist. Durch Yvonne habe der Gnadenhof bei Salzburg keinen einzigen Besucher mehr in diesem Sommer. Allerdings breche die Ausreißerin eine Lanze für ihre Artgenossen. Die Menschen interessierten sich normalerweise für Rinder nur als Milch- und Fleischlieferanten. Durch Yvonne ändere sich das gerade. Plötzlich hätten die Besucher des Gnadenhofs auch Augen für die dort lebenden 400 Rinder, sagt er – um dann doch noch ein bisschen Werbung in eigener Sache zu machen. Tragisch findet Aufhauser die Situation, dass ein Tier so viel Angst hat vor den Menschen, dass es sich partout nicht fangen lassen will. Am liebsten ließen die Aiderbichler die Kuh auch dort, wo sie sich so wohl fühlt. Doch das Tier könnte einem Menschen gefährlich werden. Deshalb darf es nicht für immer im Wald bleiben.

Den Tierarzt Carsten Rehder, ein Großvieh-Experte aus dem schleswig-holsteinischen Preetz, amüsiert die schlaue Kuh. Er glaubt alles, was über sie erzählt wird. Auch dass Yvonne in freier Natur zunimmt, bezweifelt er nicht. „Sie wird ja nicht gemolken und genug zu fressen findet sie jetzt auch“, sagt er. Rehder ist überzeugt: „Die kriegen die nicht.“ Das mit der Betäubung sei in einem Wald schwierig. Jeder kleine Ast könne einen Pfeil stoppen. Man müsse auch einen Muskel treffen, was eben im Dickicht nicht so leicht sei. „Die sollen einfach warten, bis es kalt wird und sie dann anfüttern“, sagt er. Er ist sicher: Der Hunger treibt Yvonne von ganz allein aus dem Wald.

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