+
Duncan X mag keine filigranen, bunten Tattoos.

Tattoos

Kunst am Körper

  • schließen

Tattoos sind Massenware. Beeinflusst von Design, Kunst, Mode und Zeitgeist verewigen einige Tätowierkünstler aber mehr als bloße Modeaccessoires auf der nackten Haut.

Der Mann, aus dessen linkem Auge zwei schwarze Tränen rinnen, sagt: „Das erste Tattoo ist immer ein Schock. Man überschreitet eine Grenze.“ Mittlerweile ist Duncan X ganz offensichtlich auf der anderen Seite dieser Grenze angekommen. Der Oberkörper des Briten ist gezeichnet von kleinteiligen Motiven – Frauen, Schlangen, Spinnen, aber auch Kronen, Beile und Totenköpfe. Geschmeidig aneinander gestochen, ergeben die Motive ein großflächiges Ornament, das sich um Knochen, Sehnen, Muskeln und Gelenke windet.
Duncan X ist nicht nur wegen der Konsequenz, mit der er seine Haut zur Leinwand werden lässt, in der Szene eine Ikone. Weil die Motive auf seinem Körper die Insignien von Punk, Rebellion und Kriminalität tragen, ist der 1965 geborene Tätowierer fast schon so etwas wie ein Traditionalist.
Zusammen mit seinem Kollegen Alex Binnie und dem ebenfalls stark tätowierten Kunsthistoriker Matt Lodder ist Duncan X nach Berlin gekommen, um den Bildband „Forever – The New Tattoo“ vorzustellen.

Auf rund 250 Seiten werden Tätowierer aus Großbritannien, Dänemark, Belgien, den USA oder auch Deutschland porträtiert und ihre unterschiedlichen künstlerischen Konzepte erläutert: Duke Riley etwa bringt in einer Holzstich-Ästhetik elegant skizzierte, maritime Motive wie Schiffe, Kraken, Wellen oder Wale auf die Haut. Mike Giant lotet in seinen Frauenfiguren die Ästhetik von Comics und Graffiti mit den Möglichkeiten des Tätowierens aus. Amanda Wachob hingegen wird gar nicht erst figürlich, ihre Körperbilder sind vollendete Skizzen – die Striche, Linien und Farbkleckse erinnern in ihrer harmonischen Anordnung an asiatische Motive.

Tattoos haben ihren Schrecken verloren

In einer Zeit, in der Tattoos zu Modeaccessoires verkommen sind, in der nicht nur Rapper, Fußballspieler oder Motorradbiker, sondern auch First Ladys wie Bettina Wulff freizügig ihre Tätowierungen präsentieren, haben die Körperbilder ihren Schrecken fast verloren. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass bereits jeder neunte Deutsche tätowiert ist, bei den 20- bis 39-Jährigen ist es sogar jeder Vierte.

Den Ruch des Andersartigen, des Gefährlichen haben Tätowierungen aber nie ganz abgelegt. Deshalb, so mutmaßt der promovierte Kunsthistoriker Lodder in seinem Vorwort des Tattoo-Bandes, wurde die Körperzeichnungen auch nie in die Hierarchie der Künste aufgenommen, obwohl technisches Können, visuelle Ästhetik und der Bezug auf den Kanon der Künste durchaus vorhanden ist. Dies zu ändern, so scheint es, hat sich der Brite zum Ziel genommen.
Die Ursprünge der subkutanen Körperbemalung finden sich in vielen Kulturen, sei es auf Mumien aus dem Norden Chiles oder auf eisenzeitlichen Reiternomaden-Körpern aus der eurasischen Steppe. Selbst Ötzi, unser Mann aus dem Eis, wies an die fünfzig Tätowierungen auf. Ende des 18. Jahrhunderts hat Kapitän James Cook die rituellen Körperbemalungen während einer Seereise nach Tahiti erstmals beschrieben: „Beide Geschlechter malen auf ihre Körper tattau, wie es in ihrer Sprache heißt.“ Bald schon importierten Seemänner unter die Haut gestochene Mitbringsel in die zivilisierte Welt.


Im viktorianischen England etablierte König Edward der VII. das Tattoo in feudalen Adelskreisen. 1862 ließ er sich – damals noch als Prinz von Wales – während einer Pilgerreise ein Jerusalemkreuz auf den Arm stechen. Sein Sohn, König George V, kehrte zwanzig Jahre später von einer Japanreise mit einem Drachen auf dem Arm zurück. Beeindruckend aus dieser Zeit ist auch eine Fotografie von Prinzessin Marie von Orléans, Gattin des Prinzen Waldemar von Dänemark, deren linken Arm ein großes Anker-Tattoo ziert. Von London aus erreichte der Trend bald schon Amerika. 1891 ließ sich der New Yorker Samuel O'Reilly die erste elektrische Tätowiermaschine patentieren.

Seemänner, Soldaten, Kriminelle

Das Phänomen der unvergänglichen Körperbemalung erreichte damals jedoch nicht die breiten Massen, sondern wurde mehr und mehr Ausdruck von marginalisierten Randgruppen. Seemänner, Soldaten, Schausteller und Kriminelle schmückten ihre Körper mit den permanenten Motiven, wie auch Otto Dix' Gemälde „Suleika, das tätowierte Wunder“ (Öl auf Leinwand, 1920) belegt. Das Ölgemälde zeigt eine vielfach tätowierte Frau, die unter dem Namen „Maud Arizona“ in Kuriositätenkabinetten auftrat, indem sie ihre Tätowierungen zur Schau stellte.
In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat sich das Ansehen von Tattoos maßgeblich geändert. Die Tätowierung, so scheint es, ist nicht nur erwachsen geworden, sondern auch ein Massenphänomen – was sich alleine schon an den zahlreichen Angeboten zur Laser-Tattoo-Entfernung absehen lässt – ob nun das sogenannte Arschgeweih schwinden muss, Tribal-Schleifen um den Oberarm oder Bauchnabel-Sonnen. Stattdessen geht der allgemeine Trend hin zu quietschbunten Blütenbouquets, poppigen Sternchen, fremdartigen Schriftzeichen, Insekten oder Vögeln.
Die neue Beliebtheit von Tattoos führt – abseits von Mainstream-Motiven – aber gleichsam zu einer neuen künstlerischen Vielfalt, beeinflusst von Zeitgeist, Design, Mode oder eben Kunst, sagt Matt Lodder. Seien es blütenartig auseinanderstrebende Muster wie bei Guy Le Tat Oer, Ganzkörpergemälde von Thomas Hooper, kindlich-grafische Strichzeichnungen wie bei Yann Black oder die geometrischen, folkloristischen Farbmotive von Robert Ryan – Körperansichten, die im Bildband abgedruckt sind.


Der Mann mit den schwarzen Tränen, Duncan X, pflegt unterdessen seine subkulturelle Körperkunst. Mit den hübschen, bunten, sauberen Tattoos, sagt der Londoner, die sich derzeit auf Oberarmen, Rücken oder Waden etablieren, kann er wenig anfangen. Mit dicken schwarzen Konturen zeichnet er seine Motive, die in ihrer brutalen Eleganz an die sehr frühen, einfachen Stiche erinnern. „Erst rebellierte er durch das Tätowieren gegen die Normalität, nun rebellieren seine Tattoos gegen die Normalität des Tätowierens“, steht in dem Porträt über ihn geschrieben. Ein bisschen Underground muss dann eben doch sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion