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An der Trompete, erstklassig, im Gesang so lala: Till Brönner.

Interview

„Die Kunst ist, überall zu Hause zu sein“

Till Brönner spricht im Interview mit der FR über küssende Trompeter, das familienfeindliche Leben als Musiker, seine Begegnung mit Barack Obama und sein neues Album.

Von Sarah Brasack

Herr Brönner, Sie sind anlässlich des International Jazz Day am 31. April als einziger Deutscher ins Weiße Haus eingeladen worden. Eine ganz schöne Ehre. Wie ist das so, mit Barack Obama zu plaudern?
Sehr nett. Aber es war auch mehr ein freundliches Händeschütteln, kein minutenlanges Gespräch. Ich habe Obama schöne Grüße von Angela Merkel ausgerichtet. Dann ging er auch schon weiter zum nächsten Musiker, zu Sting oder Herbie Hancock, es waren ja genug vor Ort (lacht). Es hat  weit über 100 Jahre gedauert, bis solch ein Event im Mutterland des Jazz zustande gekommen ist. Für diese kulturhistorische Sensation musste es wohl erst einen afroamerikanischen Präsidenten geben. Bleibt zu hoffen, dass nun bald die erste Frau ins Weiße Haus einzieht, damit es mit Trump nicht die erste Kuriosität wird.

Amerikanische Musiker mischen sich kräftig ein in die Politik, machen Wahlkampf. Käme das für Sie in Frage?
In Amerika mit seinem Zweiparteiensystem finde ich das unverfänglicher für Künstler, Position zu beziehen. Das könnte ich mir auch vorstellen. In Deutschland mit seinen vielen Koalitionen und interfraktionären Grauzonen ist das etwas anders. Ein Künstler, der sich zu lautstark äußert, ist mir manchmal zu wenig künstlerisch. Wir sind politisch durch das, was wir machen.

Angenommen, Trump böte Ihnen drei Millionen für einen Auftritt an: Schlügen Sie ein?
Die Frage ist fiktiv.

So fiktiv nicht: Trump soll dem Popstar Justin Bieber eine sehr hohe Summe angeboten haben. Der hat abgelehnt.
Justin Bieber braucht keine weiteren Millionen, der hat genug. Es ist auch uncool, für jemanden wie Trump Werbung zu machen.

Also hätten Sie auch Nein gesagt?
Die Frage bleibt fiktiv, und selbst Angela Merkel mischt sich nicht in die amerikanische Innenpolitik ein. Da werde ich auch nicht damit anfangen.

Würde es Sie reizen, Politiker zu sein?
Ich habe öfter mit Politikern zu tun in letzter Zeit und ziehe vor ihnen aus vielen Gründen den Hut. Ich finde sie deutlich unterbezahlt für die große Verantwortung, die sie tragen. Aber ich bin da, wo ich bin, ganz gut aufgehoben.

Ein bisschen Politik machen Sie aber auch gerade. Sie setzen sich in Berlin dafür ein, dass dort eine Jazz-Akademie entsteht nach Vorbild des Lincoln Center in New York. Gibt’s schon gute Nachrichten zu verkünden?
Noch nichts konkretes, außer dass wir Gespräche führen, die ich als auffällig fruchtbar empfinde. Ich hoffe, dass ich Anfang nächsten Jahres etwas konkreter werden kann.

Was ist der Unterschied zwischen einer Jazz-Akademie und den bereits existierenden Musikhochschulen?
Es geht um noch mehr. Wir sprechen von einem europäischen Treffpunkt für Musik, die vor allem eines ist: Kommunikation. Ein Haus mit einem Künstlerensemble, das für junge aufstrebende Künstler zur Plattform für einen Sprung in die Internationalität werden kann. Jazz ist heute mehr als Musik. Er fungiert längst als eine Weltsprache ohne Landesgrenzen, ist unmittelbarer Zugang zu Schnittmengen aller Kulturen.

Lassen Sie uns den deutschen Jazz mal auf die Couch legen: Wie geht es ihm?
Dem Jazz als solchem gut. Das Land ist voller Talente, wir bilden flächendeckend seit Jahrzehnten aus. Viele Jazzmusiker haben aber zu wenig Talent sich so zu organisieren, dass sie auch politisch wahrgenommen werden. Die jüngste Studie zur Frage, wie es Jazzmusikern in Deutschland geht, war erschreckend: Viele verdienen so wenig, dass man das nach vier Jahren Studium eigentlich nicht als Beruf bezeichnen kann.

Es fällt im Jahr 2016 noch auf, dass Jazzbands immer noch oft eine männliche Angelegenheit sind. Können Frauen keinen Jazz, oder sind die Jazzer Machos?
Beides ist falsch. Natürlich können Frauen Jazz. Ich kenne welche, die mich sowas von an die Wand spielen. Hören Sie sich nur mal einen Abend mit der Trompeterin Ingrid Jensen an. Vielleicht finden es Frauen selbst nicht immer weiblich, ein Instrument wie die Trompete in die Hand zu nehmen, aber diese Entscheidung muss man ihnen überlassen.

Ihr neues Album heißt „The Good Life“. Wie definieren Sie das gute Leben?
Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich ein ziemlich gutes Leben führe. Das gute Leben hat mit weltlichen Reichtümern nichts zu tun hat, denn die bringen dich deinem Seelenheil nicht näher. Darum geht es übrigens auch im Text des Titeltracks „The Good Life“, den ich auf der Platte instrumental spiele: Was würde ich opfern für die wahre Liebe? Es ist natürlich ein Lied, in dem es um zwei Menschen geht.

Sie schwärmen von der Entspanntheit der Jazzmusiker in Los Angeles, mit denen Sie die Platte eingespielt haben. Die rauchen sogar Zigarren im Studio. Welche Eskapaden leisten Sie sich in Ihrem guten Leben? Auch Zigarren?
Eine Zigarre ab und zu ist ja keine Eskapade. Sagen wir es so: Ich bin ein Genussmensch, aber man muss alles verantworten können. Und ich neige dazu, Dinge zu essen, die ich gut riechen kann. Wenn man nach der Nase geht, geht man oft nach dem, was der Körper gerade benötigt.

Keine eskalierenden Tournächte?
So etwas kenne ich auch. Das Adrenalin ist nach manchen Konzerten wirklich auf hohem Niveau. Und man kann sich übrigens auf der Bühne auch ganz ohne Substanzen in einen Rausch spielen. Es gibt aber Musiker, die meinen, dem Gefühl und der Lebensweise der 1940er und 1950er Jahre nacheifern zu müssen. Dazu gehöre ich nicht.

Gibt es einen Preis, den Sie dafür zahlen, Ihr Leben der Musik widmen zu dürfen?
Selbstverständlich. Als ich mich mit zwölf Jahren dazu entschieden habe, dass ich Musiker werden will, war mir nicht klar, was das körperlich und psychisch bedeutet, fast jeden Tag an einem anderen Ort zu sein. Das Thema Entwurzelung kennt jeder Musiker, der viel reist. Die Kunst ist es, möglichst da, wo man gerade ist, zuhause zu sein. Familienfeindlich und sozial speziell bleibt das auf jeden Fall.

Muss einer Frau, die mit Ihnen anbandelt, bewusst sein, dass da immer eine Dritte mit im Bunde ist: die Trompete?
Gute Frauen empfinden das nicht so. (lacht)

Apropos Frauen: Trompeter sollen ja sehr gute Küsser sein. Zumindest haben Sie das schon häufiger erzählt.
Das würde ich gerne einmal richtig stellen: Diese These habe ich nicht erfunden. Ich bekomme einfach gerne die Frage gestellt, ob Trompeter bessere Küsser sind, vermutlich weil die Lippen ja doch ein wesentlicher Teil des Trompetenspiels sind. Da antworte ich natürlich mit einem breiten Lächeln: Ja klar. Jede andere Antwort wäre doch auch viel langweiliger.

Auf „The Good Life“ singen Sie manche Klassiker mit ihrer Stimme, manche mit Ihrer Trompete. Wie haben Sie das entschieden?
Ursprünglich wollte ich gar nicht so viel singen. Wir haben viel mehr aufgenommen, am Ende ausgewählt. Plötzlich waren dann doch viele Lieder mit Gesang dabei. Natürlich mussten wir ausprobieren, welche Nummern da für mich überhaupt in Frage kommen. Ich bin ja kein geborener Sänger.

Auf der Trompete sind Sie Weltmeister, mit ihrer Stimme spielen Sie eher in der Bundesliga. Wie enttäuscht sind Sie darüber?
Gar nicht. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das mal was ganz Großes werden könnte. Meine Stimme zu kritisieren ist, als wenn man zu mir sagen würde: Ich mag deine Nase nicht. Ich habe keine andere, warum also verschnupft darüber sein?

Über Sie wird viel geschrieben: Wie einverstanden sind Sie mit den folgenden Aussagen, die in Artikeln der letzten Jahre über Sie zu lesen waren? Zum Beispiel diese: Till Brönner macht Schmusejazz für die Caipirinha-Bar.
Man kann den Menschen nicht vorschreiben, wie sie etwas bewerten und fühlen. Diese Aussage kann ein Kompliment oder Kritik sein, je nachdem, wer sie macht. Ich bin zwar nicht angetreten, um Schmusejazz für die Caipirinha-Bar zu machen. Aber manche Fans sagen mir auch, dass ich den schönsten Barjazz spiele, den sie je gehört haben und meinen das als Kompliment.

Und diese: Till Brönner ist der David Beckham des Jazz?
Das ist lustig. Musikalisch weiß ich damit nicht viel anzufangen, aber sehe es doch eher als Kompliment. Menschen benutzen solche Vergleiche, um einzuordnen. Wenn dann am Ende ein Jazzmusiker rauskommt, der über die Grenzen des Jazz hinaus auch anderen Leuten bekannt ist so wie Beckham nicht nur als Fußballer, sondern auch als Stilikone, ist das für mich vollkommen okay.

Till Brönner ist der deutsche Chet Baker.
Wenn Menschen dann denken, dass es sich bei mir wohl um einen Trompeter handelt, der ab und zu mal singt, finde ich auch diesen Vergleich vollkommen okay. Das reicht für viele Menschen auch, obwohl ich weder spiele wie Baker, noch singe oder klinge wie er.

Wenn man in Deutschland Erfolg hat, wird man erst gefeiert, dann enteiert und am Schluss geköpft, haben Sie neulich gesagt. Das klingt hart.
Dieses Phänomen ist flächendeckend bekannt. Es gibt presseseitig eine Tendenz in Deutschland Menschen, die etwas leisten, in dem berühmten Aufzug nach oben zu fahren und danach zum Abschuss freizugeben. Wir freuen uns manchmal zu wenig an unseren eigenen Leuten, Neid ist bei uns nicht verpönt. In den sozialen Netzwerken schon mal gar nicht. In Amerika ist das anders. Wer etwas erreicht, ist ein Vorbild für andere.

Pop, Schlager, Klassik: Sie haben mit Stars unterschiedlichster musikalischer Szenen zusammengearbeitet. Gibt es gar keine Musikrichtung, mit der man Sie jagen kann?
Doch, die gibt’s natürlich: Musik, die so kalkuliert produziert wird, die so eiskalt einfach durch alle Poren durchschwitzt, dass sie gemacht wurde, um Erfolg zu haben. Da kriege ich stumpfe Zähne.

Sie sind jetzt 45 Jahre alt. Sehen Sie sich nach der 30 zurück?
Was meine Wendigkeit angeht, sehne ich mich tatsächlich schon mal zur 30 zurück. Aber eigentlich bin ich über jedes Jahr, das hinter mir liegt, dankbar und schaue lieber nach vorne.

Dauert es mit jedem Jahr mehr morgens vor dem Spiegel länger?
Manchmal sogar kürzer, weil man den Anblick nicht mehr aushält. (lacht)

Die letzte Frage soll dem Tod gewidmet sein: Was soll man nach Ihrem Lebensende über Sie sagen, außer dass Sie ein hervorragender Trompeter waren und bis zum hohen Alter von 90 Jahren noch ganz passabel aussahen?
Erst mal abwarten, ob ich so alt werde. Ich fürchte, wer auf seinen Nachruhm hinarbeitet, hat am Ende schlechte Karten. Ich habe Menschen gekannt, die unendlich viel für dieses Land getan haben. Als sie starben, blieben die Nachrufe aber aus. Ich sehe darum lieber zu, dass ich den Menschen zu meinen Lebzeiten etwas gebe. Woanders als zu Lebzeiten, und da bin ich jetzt weniger katholisch als in meinem Pass steht, kriegt man Danke nicht gesagt.

Interview: Sarah Brasack

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