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Küssen ohne Klick

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Anne Weber: Tal der Herrlichkeiten, 18,99 Euro
Anne Weber: Tal der Herrlichkeiten, 18,99 Euro © S. Fischer

Anne Weber ist mit „Tal der Herrlichkeiten“ ein sehr romantischer und sehr tragischer Roman gelungen

Von Astrid Kaminski

Wenn eine engelhafte Unbekannte aus der großen französischen Stadt sich mit einem gestrandeten Eigenbrötler an der Atlantikküste eine Schnitzeljagd zum Thema Liebe liefert, kann ein bisschen Amelie-Verdacht schon aufkommen. Verloren hat die Schnitzeljagd in Anne Webers neuem Roman „Tal der Herrlichkeiten“ er: „Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar“. Sie kann da nur mit dem Verlust ihres kleinen Fingers mithalten, abgeschnitten von einem Kidnapper, der damit einst eine Lösegelderpressung an die reichen Eltern einzufordern verstand.

Sperber und Luchs heißt das sich geheimnisvoll umwitternde Liebespaar. Die auch in anderen Beschreibungen äußerst tierkundige Autorin hat es wegen der Krummsäbelnase des Mannes und der detailempfindlichen Augen der Frau auf diese Namen getauft. Im „Tal der Herrlichkeiten“ gibt es den ersten Kuss schon vor dem Kennenlernen. Danach fängt das große Suchen an. Das Schnitzeljagdsystem, das Spuren- und Zeichenlegen, ist vermutlich auch bald ein Relikt aus der Zeit von vor Parship & Co, als man sich noch die Mühe machte, den Weg zum möglichen Partner auch über größere Hindernisse hinweg freizulegen und nicht gleich zum Nächstbesten weiterklickte.

Schade, man macht als Leser eigentlich immer noch ganz gerne mit, egal, ob bei Paul Auster oder Moritz Rinke, wo beispielsweise vielversprechende Blickwechsel dazu führen, dass Telefonnummern in Supermarkttomaten gepfropft werden.

Bei Anne Weber kommt es schließlich über einige Widerstände hinweg doch noch zum Pariser Treffen. Das abrupte Ende der darauffolgenden, malerisch in erotischer Mikroskopie beschriebenen Begegnung überrascht dann mit seiner recht brachialen Tragik, trägt aber in seiner Unwahrscheinlichkeit der schwerelosen und fast unwirklichen Erscheinung von Luchs Rechnung. Schwieriger ist es, nach diesem erst übernatürlichen, dann höllisch von außen beendeten Glück den Faden von Sperbers Trauerarbeit aufzunehmen.

Hier geht – auch wenn Webers wie immer gut rhythmisierte Sprache über weite Strecken trotzdem trägt – die Dramaturgie nicht auf. Die aufgeladene Dynamik des Liebeswunders lässt die darauf folgende Lebensmüdigkeit des Mannes und seine orphische Reise zur Geliebten glatt verdunsten.

„Warum Liebe weh tut“ der Soziologin Eva Illouz (Suhrkamp, 2011) ist da dann doch die gewinnbringendere Lektüre für alle, die die romantisch-leidenschaftliche Liebe nicht bedingungslos für tot erklären wollen.

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