Und ewig locken die Lippen: Rüstige Knutscher beim „Wer küsst am längsten“-Wettbewerb im spanischen Torremolinos.
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Und ewig locken die Lippen: Rüstige Knutscher beim „Wer küsst am längsten“-Wettbewerb im spanischen Torremolinos.

Küssen

Küssen ist bäh

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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US-Forscher haben herausgefunden: Der Kultur des Küssens wird nicht überall auf der Welt gefrönt. In nur 77 der 168 betrachteten Kulturen finden sich Belege für den romantisch-sexuellen Kuss.

Alle Welt küsst einander: die Mama den Papa, der Christian die Maren, der Vater den Sohn, die Tochter die Mutter, Karl den Karl und Gorbatschow den Honecker. Kein Wunder, dass man immer wieder lesen kann, Küssen sei eine menschliche Universalie, gehöre also zum Menschsein wie Liebe und Krieg. Drei Ethnologen aus den USA gaben sich nicht mit diesen Eindrücken zufrieden und haben geforscht. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Ein Großteil der Menschheit kommt ohne das Küssen aus. Nicht, weil sie keine Partner haben, die sie küssen könnten, sondern weil Küssen in ihren Kulturen nicht üblich ist.

Wer es genauer wissen will, der kann die Ergebnisse der Erhebungen der Anthropologen William Jankowiak, Shelly L. Volsche und Justin R. Garcia der Universitäten von Nevada und Indiana in der auch online einsehbaren neuesten Ausgabe der Zeitschrift „American Anthropologist“ nachlesen.

Die Forscher begannen ihre Arbeit erst einmal – wie sich das gehört – mit einer Definition. Sie suchten in 168 Gesellschaften nach dem romantisch-sexuellen Kuss. Damit entfallen Gorbatschow und Honecker, aber auch die Küsse zwischen Verwandten. Jedoch war es nicht möglich, Dauer und Häufigkeit der Küsse zu erfassen. Wir müssen also davon ausgehen, dass der Kuss, den Ehepaare sich bei der Begrüßung zuhauchen – der Lebenserfahrung widersprechend – als romantisch-sexueller Kuss gezählt wird. Allerdings spielen solche Feinheiten bei der Untersuchung keine Rolle. Denn ganz gleichgültig, ob der „Tag-Liebling-Kuss“ romantisch-sexuell ist oder nicht, es gibt ihn nur in Gesellschaften, die den romantisch-sexuellen Kuss kennen. Er ist ja dazu da, ihn zu „markieren“. Die Forscher beschränkten sich auf die Lippenberührungen zweier erwachsener Menschen. Das Küssen anderer, gar intimer Körperteile kommt in der Untersuchung nicht vor.

Die Forscher haben keine Feldstudien betrieben, sie haben die wissenschaftliche Literatur ausgewertet und 88 Fachkollegen zu einzelnen Kulturen befragt. Das Ergebnis: In nur 77 der 168 betrachteten Kulturen fanden sich Belege für den romantisch-sexuellen Kuss. Nicht einer der Wildbeuter-Kulturen in Afrika südlich der Sahara, in Neu-Guinea oder am Amazonas untersuchenden Ethnologen hat jemals jemanden der untersuchten Völker bei einem Kuss beobachtet. Aka-Pygmäen-Männer danach befragt, wussten nichts vom Küssen, sondern sprachen von ihrer „Nacht-Arbeit“, bei der sie nur Wert auf die Frequenz der Erektion legten. Falsch wäre der Schluss, Wildbeuter-Kulturen hätten es prinzipiell nicht mit dem Küssen. Neun der elf untersuchten arktischen Wildbeuter-Völker in Nordasien und Nordamerika praktizieren den romantisch-sexuellen Kuss ausgiebig.

Küssen wird in allen zehn erfassten Kulturen des Nahen Ostens praktiziert, in Asien in 73 Prozent, in Europa in 70 Prozent, in Nordamerika in 55 Prozent. In Zentralamerika dagegen überhaupt nicht. Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass überall, wo nicht öffentlich geküsst wird und auch nicht übers Küssen gesprochen wird, überhaupt nicht geküsst wird. Aber wenn in Ozeanien die Menschen ihre geöffneten Münder in deutlichem Abstand über ihre Gesichter kreisen lassen, dann ist klar: Küssen wollen sie einander gerade nicht.

Ein Mehinaku in Brasilien erklärte Küssen für ekelerregend: Warum solle man aus dem Mund des anderen essen? Genau daher hatte der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt einst den Kuss abgeleitet. Die Urform des Kusses sei der Akt gewesen, bei dem die Mutter dem Kind vorgekautes Essen gegeben habe. Wissenschaftler haben ja auch herausgefunden, dass bei einem 50 Sekunden währenden Zungenkuss 50 Millionen Bakterien ihren Wirt wechseln. Wer das liest, neigt dazu, Verständnis für die Ansicht des Mehinaku-Indianers zu haben. Dieser Bakterienaustausch ist übrigens der Grund dafür, dass altgediente Liebespaare oft gemeinsam erkranken. Ihr Immunsystem hat sich einander angepasst.

„Küss mich, bitte, bitte küss mich“, sang Rosita Serrano, Manfred Krug tat es ihr nach, aber jetzt wissen wir, das ist eine Minderheitenposition innerhalb unserer Spezies. Aber wohl nicht mehr lange, denn das Küssen verbreitet sich unaufhaltsam über den Planeten. Bald wird es überall heißen: „Küss mich, bitte bitte, küss mich, küss mich ohne Pause.“

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