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Alles so schön hier? Das Sultan-Süleyman-Derwischkloster in Damaskus.

Syrien

„Küsse Aleppo von mir“

Immer mehr Influencerinnen und Influencer berichten aus Syrien – die blutigen Konflikte blenden viele einfach aus.

Im Niemandsland, kurz bevor sie das Bürgerkriegsland erreicht, kommen der Influencerin Zweifel. Ob sie wirklich reingelassen wird? Die Kamera wackelt wie in einem Agentenfilm. „Ich könnte nicht aufgeregter sein“, sagt Eva zu Beck in die Kamera. Knapp 50 Kilometer sind es noch bis Damaskus. Häuser und Moscheen fliegen am Autofenster vorbei. „Ein Land, seit acht Jahren von einer blutigen Krise zerrissen. Syrien hat seit fast zehn Jahren keine Touristen mehr ins Land gelassen. Ich bin eine der ersten.“ Dann ein Schnitt - auf einen quirligen Markt in bunten Farben in Damaskus.

23 Dollar kostet die Fahrt ins Bürgerkriegsland. Auch ein deutscher Reisender, der unerkannt bleiben möchte, hat sich in Beirut in ein Taxi gesetzt und ist mit anderen Reisenden über die Grenze zwischen dem Libanon und Syrien gefahren. „Es war surreal“, erzählt er am Telefon aus Singapur. „Ich habe mich gewundert wie normal alles ist.“ Drei Tage bleibt der 34 Jahre alte Deutsche in Damaskus und schwärmt später auf Youtube in seinen Videos von der Schönheit der Altstadt und der Freundlichkeit der Menschen.

Kein Wort von den Bomben im Norden des Landes, den Militärsperren in der Stadt oder den Geflüchteten. Acht Jahre nach Beginn eines blutigen Bürgerkrieges mit mehr als einer halben Million Toten entdecken immer mehr Ausländerinnen und Ausländer Syrien. Nicht zur Entwicklungshilfe, sondern als Touristinnen und Touristen. In den vergangenen Monaten stellten mehrere internationale Influencerinnen und Influencer Fotos und Videos auf Instagram und Youtube. auch Reiseagenturen aus Russland und China bieten wieder Touren nach Syrien an.

Untermalt von sanftem Gitarrenzupfen schreitet ein Paar Turnschuhe in Zeitlupe über weißes Geröll. Eine filigrane Frauenhand mit schmuckverzierten Ringen streift über einen Steinhaufen, dann in Nahaufnahme über eine schwarze Eisentür – und ein Einschussloch. Mehr als eine Million Menschen haben die Videos von Eva zu Beck alleine auf Youtube in den letzten Monaten gesehen.

Dann ein Schnitt. Man hört Hämmern und Bohren. Eva steht lachend in den Ruinen des komplett zerstörten alten Marktes von Aleppo, der auf der Roten Liste des gefährdeten Weltkulturerbes steht. „Die Wahrheit ist, es ist viel Zerstörung hier, wir gehen hier durch eine Geisterstadt“, sagt die in England studierte Polin. „Aber“, sagt die 28-Jährige dann, „aus der Asche entsteht ein neues Morgen.“ Sie habe sich zum Teil viel Kritik anhören müssen, erzählt Eva, als sie sich gerade in Saudi-Arabien aufhält.

Die junge Influencerin, die in den Sozialen Medien fast eine Million Abonnentinnen und Abonnenten hat, bespielt nicht die üblichen Reisedestinationen. Ihre letzten Aufenthalte waren der Irak, Jemen und eben Syrien. „Ich bin keine Abenteurerin, ich will mit den normalen Menschen auf der Straße in Kontakt kommen“, sagt sie. Das habe nichts mit Voyeurismus oder Propaganda zu tun. Auf einem Flug von Dubai habe sie neben einem Syrer gesessen, der ihr erzählt habe, dass er gerne wieder zurück wolle, es aber nicht könne. Sie dagegen könne als Ausländerin bestimmt einreisen. „Küss Aleppo für mich“, habe er Eva gesagt. Und dann sei sie im Frühjahr dieses Jahres nach Syrien gereist. Auch die meisten Kommentare unter den dabei entstandenen Videos sind eher positiv – auch von Syrerinnen und Syrern.

Trotz der immer häufiger werdenden Berichte vorwiegend junger Reisender im Internet, hat der Tourismus in Syrien noch nicht wieder Fahrt aufgenommen. Er bekomme zwar jeden Tag Anfragen, aber tatsächlich kommen würden dann nur einzelne, schreibt Chaldun al-Alami aus Damaskus, der mit seinem Reisebüro Golden Target Tours den Trip für Eva zu Beck organisiert hatte. Es seien Leute aus England, Italien, Frankreich, viele US-Amerikaner, die sich für Syrien interessierten. „Vielleicht fünf Deutsche.“ Die Lage sei nicht mit 2010 vergleichbar, als 8,5 Millionen Touristinnen und Touristen gekommen seien, aber es gehe langsam wieder aufwärts.

Auch einzelne Reisebüros aus China und Russland bringen sich allmählich in Stellung und bieten auf ihren Internetseiten Reisen an. Young Pioneer Tours aus China etwa hat nach eigenen Angaben für 2020 vier Touren geplant. Die Reisenden seien Leute, die die ersten irgendwo sein wollen. Die Agentur bietet auch eine Reise zu einer Waffenmesse in Jordanien an. „Es ist die perfekte Zeit, jetzt Syrien zu besuchen“, sagt John McGovern vom Reisebüro auf Anfrage.

Die Bilder, die die meisten Influencerinnen und Influencer im Internet hochladen, sehen ähnlich aus wie die Videos, die auch das syrische Tourismusministerium veröffentlicht. Geschichtsträchtige Altstädte, bunte Märkte, lange Strände, leckeres Essen. Nur wenige sprechen auch die Zerstörungen an. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe für Weltreisende entbrannte vor einigen Tagen ein Streit darüber, ob es ethisch vertretbar sei, in jedes Land zu reisen.

Die meisten waren sich einig: natürlich. Reisen sei keine Politik. In dem Forum findet sich aber auch ein Eintrag des deutschen Reisenden Felix. Er beschreibt dort, wie er im November vergangenen Jahres von der Polizei in Damaskus festgenommen worden sei, als er ein Foto machen wollte. Es habe damit geendet, dass er mit einer Augenbinde in einem Auto des Geheimdienstes gelandet und fünf Tage verhört worden sei. Er habe Hunderte Syrer in dem Gefängnis gesehen, die gefoltert worden seien. Trotzdem schreibt er: „Die meisten Besuche nach Syrien werden in Ordnung sein.“ Und er freut sich, dass seine Fotos nicht gelöscht wurden.

Der deutsche Forschungsassistent am Nahost-Institut in Beirut, Konstantin Rintelmann, kritisiert den aktuellen Tourismus in Syrien deutlich . Man könne schließlich nur nach gründlicher Absprachen mit den Behörden und durch staatlich geprüfte Reiseunternehmen ins Land, sagt er. „Durch die selektiven Kameras der Influencer kann die Regierung das Narrativ vermitteln, Assad sei der einzige Garant für Frieden und Stabilität“, sagt Rintelmann mit Blick auf Syriens Präsidenten Baschar al-Assad.

Die Videos der Influencerinnen und Influencer und des syrischen Tourismusministeriums haben wenig gemein mit dem Film, den Sulaiman Tadmory in Syrien gedreht hat. In dem Dokumentarfilm „Homs und ich“ beschreibt der inzwischen in Deutschland lebende Filmemacher, wie er zufällig in der Stadt Homs eingeschlossen wurde und anschließend die fast vollständige Zerstörung der Stadt durch die Truppen der syrischen Regierung hautnah miterlebt.

„Natürlich gibt es Straßen in Damaskus, wo ganz normales Leben ist“, erzählt Tadmory. „Aber nur da, wo Präsident Assad die Kontrolle hat. Und wenn ich etwas gegen ihn gesagt habe, dann darf ich nicht zurück.“ Auch ein interner Lagebericht des Auswärtigen Amtes hielt vor kurzem fest, dass es nach Einschätzung der Bundesregierung keine Region gebe, in die Geflüchtete ohne Risiko zurückkehren könnten. „Wenn jetzt solche Influencer sagen ‚Hier in Syrien ist alles toll und kommt hierhin zum Urlaub machen‘, dann ist das krank und empathielos“, sagt Tadmory. „Ich kann nämlich nicht zurück.“ (dpa)

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