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Ein Paradies! Oder doch nicht?

Krimis über Cannes

Das Meer und die Mörder

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Christine Cazon schreibt keine glamourösen Geschichten von der Côte d’Azur - in ihren Krimis wartet hinter jeder schaukelnden Jacht das nächste Unheil.

Ist es Christine Cazon oder Christiane Dreher, die mit flottem Schritt herbeieilt und die Hand zum Gruß ausstreckt? Sie lässt es offen. „Hallo, ich bin Christine Cazon, also Christiane Dreher. Eigentlich beides!“ Es bringt sie selbst zum Lachen, eine Frau mit zwei Identitäten zu sein, einer französischen und einer deutschen; einerseits die Krimiautorin von der Côte d’Azur mit französischem Namen, die inzwischen sechs Bücher über die Fälle des Kommissars Duval veröffentlicht hat. Und zugleich immer noch die Deutsche, die aus Fernweh ins südfranzösische Hinterland ging und im mondänen Cannes hängenblieb. Für beide führt sie einen Blog.

Wenn sie deutsch spricht, mischt die 57-Jährige unbewusst französische Worte unter. Auch ihre Bücher sind von französischen Ausdrücken gespickt: Indem Cazon Koseworte wie „ma chérie“ oder „ma puce“ –„mein Floh“ – in der Originalsprache belässt, vom regionalen Thunfisch-Sandwich „Pan Bagnat“ schreibt und der „Police Municipale“, der Stadtpolizei, gibt sie quasi im Vorbeigehen eine kleine Französisch-Kunde. Nach 14 Jahren kennt sie das Land gut, das unversehens zu ihrer Wahlheimat geworden ist.

Eigentlich begann alles mit einem Burnout und heftigem Liebeskummer. Christiane Dreher fühlte sich in ihrem Job als Herstellerin im Verlag Kiepenheuer und Witsch überarbeitet, wollte weit weg, am liebsten aufs Land und nach der schmerzhaften Trennung von ihrem französischen Freund wenigstens noch „dieselbe Luft atmen wie er“, sagt Cazon heute, in einem Café in Cannes sitzend, schmunzelnd über die Frau, die sie damals war.

Sie kündigte, vermietete ihre Kölner Altbauwohnung für ein Jahr unter und fand Arbeit auf einem Bauernhof in den südfranzösischen Bergen. „Das Leben war einfach und unbequem“, erzählt sie. „Mit der Idylle, die ich mir ausgemalt hatte, hatte es wenig zu tun.“ Dennoch kam es für sie nach einem Jahr mit den Stiefeln im Kuhmist nicht infrage, in ihr Kölner Stadtleben zurückzukehren. Außerdem hatte sie Patrick kennengelernt, der um ihre Hand anhielt. Mit ihm führte Dreher eine kleine Gemeindeherberge, bis ein harter Schlag sie traf: die Krebserkrankung ihres Mannes und sein rascher Tod.

Die Autorin Christine Cazon.

Orientierungslos blieb sie zunächst in ihrem Alpendorf, lebte von einfachen Gemeindearbeiten und von Übersetzungen. Ihr südfranzösisches Leben beschrieb sie für einen Blog der Zeitschrift „Brigitte“. Das sollte ihr neue Chancen eröffnen. „Es klingt vielleicht abgedroschen, aber es stimmt: Wenn im Leben eine Tür zufällt, geht eine andere auf“, sagt sie. Ihr erster Auftraggeber für Übersetzungen holte sie aus ihrem zurückgezogenen Landleben heraus, führte sie ins Kino und in Ausstellungen aus, wurde einige Zeit später ihr zweiter Mann und sie zu Madame Cazon. Sie zog zu ihm nach Cannes.

Der Blog wiederum hatte so großen Erfolg, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber Kiepenheuer und Witsch auf sie aufmerksam wurde und ihr anbot, Krimis von der Côte d’Azur zu schreiben. Dreher sagte sofort zu und erfand Kommissar Léon Duval, einen gemütlichen, etwas spröden Kommissar, der Intrigen nachspürt und Mörder jagt. Ein wenig, so gibt die Autorin zu, ist die Figur von ihrem zweiten Mann inspiriert: „Er ist integer, nicht korrupt und kann um acht Uhr morgens Georges Brassens singen, leider ziemlich falsch.“

Der erste Fall spielte – „natürlich“ – während des Filmfestes, dem Aushängeschild von Cannes, wenn die Promiwelt die Croisette einnimmt. In weiteren Büchern, von denen seither eines pro Jahr erschien, befasste sich Cazon mit den fliegenden Händlern aus Afrika, Wölfen im Hinterland oder Immobilienhaien. In ihrem aktuellen Krimi „Das tiefe blaue Meer der Côte d’Azur“ wird ein junger Fischer tot aufgefunden, einer der wenigen, die das Traditionsmetier noch auf sich nehmen. Sie wolle immer auch etwas über Cannes und diese Gegend erzählen, sagt Cazon.

„Ich reibe mich an der Stadt, in der es viel um Geld und den schönen Schein geht, und will zeigen, dass nicht nur alles Idylle ist“, sagt sie. Cannes befinde sich „irgendwo zwischen Mondänität und Dörflichkeit“, handele es sich doch um ein früheres Fischerdorf, so Cazon, auch wenn heute glamouröse Jachten im Hafen liegen. Dennoch blieb ein fester Kern der Alteingesessenen, die wie in ihrer eigenen Parallelwelt leben. Der Buchauftrag sei ihre Rettung gewesen: „Er zwang mich dazu, mich mit der Stadt auseinanderzusetzen, mit den Leuten zu reden, zu recherchieren.“

Sie beschreibt exakte Straßenzüge, die Stimmung in der im Sommer aufgeheizten Stadt, Duvals Stammlokal in der Nähe des Polizeikommissariats gibt es wirklich. Auch Cazon geht dort gerne essen, ohne den Besitzern gesagt zu haben, dass ihr Restaurant in ihren Büchern verewigt ist. Für diese ist sie einfach eine Deutsche in Cannes, Frau Dreher und Madame Cazon zugleich.

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