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In der Altstadt: Barcelona-Urlauber wecken Begehrlichkeiten bei den Kriminellen. 

Spanien

Kriminalität in Barcelona: Mord und Mittelmeer

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Die Katalanen sind stolz auf ihre Hauptstadt, die Touristen lieben sie: Doch Barcelona hat ein Problem mit Gewalt und Kriminalität.

Die Via Laietana ist eine beeindruckende Prachtstraße, die quer durch die Altstadt von Barcelona führt. Es herrscht viel Verkehr, die Straße ist gut beleuchtet. Trotzdem wurde genau dort am Sonntagabend gegen 21.40 Uhr der afghanische Botschafter in Spanien überfallen. Er war zum Privatbesuch in der katalanischen Hauptstadt, als ihn unvermittelt eine Gruppe junger Diebe einkreiste, ihn zu Boden schlug und ihm seine Armbanduhr brachial abnahm. Sie war stolze 17 000 Euro wert.

Nicht weit entfernt und etwa zur selben Uhrzeit erlitt eine 91-jährige französische Touristin das selbe Schicksal. Sie musste erheblich verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. In ihrem Fall hatten es die Diebe auf eine Goldkette abgesehen. Ebenfalls in der Altstadt von Barcelona wurde am selben Abend ein Besucher der Stadt von hinten angefallen, jemand drückte ihm mit dem Unterarm gegen den Kehlkopf, bis er für kurze Zeit das Bewusstsein verlor, und als er wieder bei sich kam, waren Bargeld und Kreditkarten verschwunden.

So liest sich in diesen Sommermonaten ohnehin beinahe täglich die erschreckende Chronik krimineller Zwischenfälle in Barcelona, dieser wunderbaren Stadt am Mittelmeer im Nordosten Spaniens, gesäumt von hübschen Häusern, die 1,6 Millionen Einwohnern eine Heimat geben. Der Bericht in der großen überregionalen Zeitung „La Vanguardia“ erwähnt auch noch einen deutschen Touristen, der bereits seit Freitag im Krankenhaus liegt.

Was ist nur in Barcelona los?

Nachdem er sich einer Gruppe Angreifer zu erwehren versucht hatte, die ihm sein Telefon, wieder eine Goldkette und wieder eine Armbanduhr im Wert von 6000 Euro stahlen. Der Bericht hebt die „unerwartete Aggressivität“ der Diebe hervor, die mit Stöcken auf den Touristen einschlugen und ihm so Schienbein, Wadenbein und ein Schlüsselbein brachen.

Was ist nur in Barcelona los?, fragen sich Urlauber und die Leute in der Stadt gleichermaßen. Die Nachrichten aus der katalanischen Hauptstadt klingen schließlich immer bedenklicher. Der erste Schock in diesem Jahr kam bereits Ende Juni, als eine hohe Repräsentantin des südkoreanischen Kulturministeriums, zu offiziellem Besuch in Barcelona, während eines Spazierganges mit Landsleuten von einem Motorradfahrer angegriffen wurde, der ihr die Handtasche wegzureißen versuchte. Die 65-Jährige stürzte und schlug mit solcher Gewalt auf den Boden auf, dass sie drei Tage später starb.

In den Straßen: Das Drogenmilieu der Stadt wächst stetig.

Kurz darauf, ab Anfang Juli, begannen sich Mordfälle zu häufen. Streitereien, bei denen jemand ein Messer zückte, Abrechnungen im kriminellen und Drogenmilieu. Acht Morde in sechseinhalb Wochen bis Mitte August, so die grausige Bilanz. Das war Barcelona bisher nicht gewöhnt. Im gesamten Vorjahr waren in der Stadt zehn Menschen durch die Hand eines anderen ums Leben gekommen. Barcelona ist eine sichere Stadt. Eigentlich. Doch zurzeit macht den Einwohnern nichts größere Sorgen als die steigende Kriminalität. Denn die nimmt tagtäglich zu.

In der vom spanischen Innenministerium herausgegebenen Kriminalstatistik für das vergangenen Jahr stach Barcelona mit einem Anstieg aller angezeigten Straftaten um 17,2 Prozent hervor. Im ersten Quartal dieses Jahres kletterte die Kriminalität noch einmal um 12,2 Prozent. Auch beim Vergleich der Straftaten pro 1000 Einwohner ragt Barcelona heraus: Hier waren es im vergangenen Jahr 121, in Madrid 75, in ganz Spanien bloß 46. Wenn die Statistik also kein völlig verzerrtes Bild zeigt, dann hat Barcelona ein gehöriges Problem.

Die Erkenntnis ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Der stellvertretende Bürgermeister Albert Batlle wagte vergangene Woche zu sagen, dass Barcelona „ein Sicherheitsproblem“ habe. Welcher Kommunalpolitiker gesteht das schon gerne über seine eigene Stadt ein? Seine Chefin, Bürgermeisterin Ada Colau, versuchte die Dinge am Freitag zu relativieren: Ja, das Rathaus sei besorgt, aber bei den Messerstechereien gehe es um „vereinzelte Fälle“, und ansonsten habe Barcelona „mit den selben Sicherheitsproblemen zu kämpfen wie andere große Städte auch“.

Die Bürgermeisterin, die sich in Spanien einst einen Namen als Kämpferin für die Rechte von Krisenopfern gemacht hatte, wird von ihren Gegnern nun persönlich für die ansteigende Kriminalität verantwortlich gemacht, weil sie in ihrer Stadt zu viel durchgehen lasse: illegale Straßenverkäufe zum Beispiel oder „Narcopisos“ – von Drogenhändlern besetzte Wohnungen. Allerdings gibt es die auch in Madrid, wo sie ein ebenso großes Ärgernis sind, ohne dass die Kriminalstatistik deswegen durch die Decke geht.

Barcelona hat ein paar spezifische Probleme. Eines ist die Überflutung mit Touristen, die bei Kriminellen Begehrlichkeiten wecken. Ein anderes ist der katalanische Unabhängigkeitsprozess, der die Politiker vom alltäglichen Politikgeschäft ablenkt und also auch von der Sicherheitspolitik. Und möglicherweise spielt auch die Anwesenheit besonders vieler unbegleiteter jugendlicher Migranten eine Rolle. Nach Zahlen der katalanischen Regionalpolizei sind 18 Prozent der gut 5600 jungen Leute, die in den vergangenen drei Jahren in Barcelona angekommen sind, viele von ihnen aus Marokko, in dieser Zeit straffällig geworden.

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