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Seltener Anblick: Braunbären, wie hier in Slowenien, gibt es in den westlichen Pyrenäen kaum noch.

Bären

"Der Krieg ist erklärt"

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Frankreich hat zwei Bärinnen in die Pyrenäen einfliegen lassen ? ein Beitrag zum Artenschutz. Hirten, Bauern und Jäger sagen den vom Aussterben bedrohten Tieren den Kampf an.

Claverina und Sorita haben von dem ihnen entgegenschlagenden Hass nichts mitbekommen. Im gnädigen Dunkel einer Kiste haben die aus Slowenien stammenden Braunbären die letzte Etappe der Reise in den Westen der Pyrenäen bewältigt. Zur Rettung der eigenen Art, des Ursus arctos, sollen die beiden dort beitragen. Während weiter östlich noch 41 Artgenossen leben, sind es im Westen nur noch zwei. Und noch sieht es so aus, als könnte das vom Pariser Umweltministerium lancierte Vorhaben gelingen. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie Claverina und Sorita aus ihren Kisten klettern, in aller Ruhe davontrotten. 

Dabei hatten Einheimische alles unternommen, um die ihnen als Honig-, Schafs- und Ziegenräuber verhassten Tiere vor dem Ziel abzufangen. Als Anfang Oktober die Nachricht von ihrer demnächst bevorstehenden Ankunft eintraf, griffen Hirten, Bauern und Jäger zu Stöcken und Gewehren. Die Aufgebrachten errichteten Straßensperren. Lastwagenfahrer durften nur passieren, wenn sie zuvor Türen und Verschläge geöffnet und den Verdacht auf Raubtiertransport entkräftet hatten. Und als wäre der Aufmarsch nicht schon martialisch genug, pinselten die LKW-Kontrolleure in fetten Lettern auf den Asphalt: „Der Krieg ist erklärt.“ 

Wie er ausgeht, ist offen. Die Mehrheit der Bürgermeister und Departements-Abgeordneten der Region hat sich den Anti-Ours angeschlossen, der Anti-Bären-Bewegung. Aber auch Claverina und Sorita stehen nicht allein da. Zu ihren Verbündeten zählen neben dem Pariser Umweltministerium 14 Tier- und Naturschutzverbände. Auch die Justiz leistet Beistand. Im März hat sie den Staat verurteilt, den Verbänden 8000 Euro zu zahlen, weil er der Verpflichtung zum Erhalt des Braunbären in den Pyrenäen nicht ausreichend nachkomme. Und vor allem: Die öffentliche Meinung steht hinter den Neuankömmlingen. Laut Umfragen finden 84 Prozent der Franzosen gut, dass es in den Pyrenäen Bären gibt. 

Ohne entschlossenen Beistand wären Claverina und Sorita ja auch kaum wohlbehalten ans Ziel gelangt. Mit bewaffnetem Widerstand und Straßensperren konfrontiert, entschied Umweltminister Francois de Rugy, die Tiere einfliegen und weit weg von den Verfolgern auf einer Bergwiese aussetzen zu lassen. Während Hirten, Bauern und Jäger Lastwagen filzten, knatterten zwei Gendarmerie-Hubschrauber über sie hinweg, im Schlepptau jeweils eine an den Helikopterkufen hängende Kiste. „Das einzige, was für uns zählt, ist die Sicherheit der Bärinnen“, ließ de Rugys Ministerium wissen. 

Den Zorn der zum Zuschauen Verdammten hat das nur noch gemehrt. Zu Dutzenden zogen sie tags darauf den Berg hinauf zur südwestlich von Laruns gelegenen Sesques-Hütte, in deren Nähe sie eines der Tiere vermuteten. „Wir werden sie verfolgen, hetzen, jagen“, kündigte ein Schafszüchter an. Er und seine Mitstreiter werfen dem Umweltminister fehlende Gesprächsbereitschaft und Geringschätzung der Weidewirtschaft vor. Eine „verkehrte Welt“ beklagen sie, in der Raubtiere die Guten seien und die sich der Bestien erwehrenden Bauern die Bösen. 

De Rugy sieht keinen Grund, warum er das Gespräch suchen sollte. „Warum soll ich eine Pseudodebatte führen?“ fragt der Minister. Die Positionen beider Seiten seien bekannt und seit Monaten dieselben. 

Um das Los der auch in bärenfreien Zonen um ihre Existenz bangenden Hirten und Bergbauern zu erleichtern, finanziert der Staat Netze zum Schutz der Herden, gewährt Zuschüsse für die Anstellung neuer Hirten, zahlt Entschädigung für von Bären getötete Ziegen und Schafe oder zerstörte Bienenwaben. 

Sollten sich Sorita und Claverina nicht verschrecken, verjagen oder gar erschießen lassen, werden sie zwischen Januar und März Junge zur Welt bringen. Beide Bärinnen sind schwanger. Wenn es gut geht, laufen sie zur Paarungszeit im Sommer dann noch Néré und seinem Gefährten über den Weg, den letzten im Westen der Pyrenäen lebenden Bären. Noch mehr Nachwuchs verhieße das. Néré ist mit 21 Jahren ein hoffentlich noch zeugungsfähiger angehender Greis, sein Gefährte mit vier Jahren im besten Mannesalter.

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