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Gizem Adiyaman

Gizem Adiyaman über R. Kelly

„Das ist ein krasses Unding“

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Die Berlinerin Gizem Adiyaman startete eine Petition gegen R. Kelly.

Gizem Adiyaman (28) lebt in Berlin. Gemeinsam mit der Musikjournalistin Salwa Houmsi und Lucia Luciano, mit der Adiyaman als DJ-Duo „Hoe_mies“ auftritt, hat sie eine Petition gegen die geplanten Konzerte des Sängers R. Kelly gestartet.

Frau Adiyaman, die Vorwürfe gegen R. Kelly sind lange bekannt – warum jetzt erst Ihre Petition?
Wir haben uns die Dokumentation „Surviving R. Kelly“ angeschaut und waren entsetzt über das, was wir gesehen haben. Die Frauen wissen, dass ihnen wahrscheinlich nicht geglaubt wird oder dass sie medial zerrissen werden und dass es wenig Aussichten gibt, damit rechtliche Schritte zu bewirken, da manche der Verbrechen schon verjährt sind. Trotzdem haben sie ihre Stimme erhoben. Das hat uns nachhaltig beeindruckt. 

Haben Sie mit einer solchen Resonanz gerechnet?
Nein, wir haben gedacht, wenn wir 10 000 Unterstützer erreichen, wäre das gut und eine kritische Masse, mit der man Druck ausüben kann. Mit 40 000 haben wir nicht gerechnet.

Glauben Sie wirklich, die Konzerte verhindern zu können?
Ich denke schon, ja. Öffentlichen Druck auszuüben ist eine Sache, zu protestieren ist eine andere. Wir sind auf jeden Fall auch bereit dazu. Es gibt viele Unterstützer in ganz Deutschland, das sind nicht nur wir drei. Wir sind mit vielen Leuten vernetzt, darunter die Bewegung „#muterkelly“ aus den USA. Das sind erfahrene Strateginnen. Die haben zum Teil 20 Jahre Kampagnenerfahrung und in den USA erfolgreich elf Konzerte verhindert. Die beraten uns auch.

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Und was planen Sie?
Wir müssen zusehen, dass wir lokal Menschen mobilisiert bekommen, um mit uns zu protestieren. Eine der Co-Gründerinnen von „#muterkelly“ will auch hierher fliegen und dabei sein. Wir haben einige prominente Unterstützer in unserer Petition und setzen auch auf deren Reichweite.

Warum kocht das Thema jetzt in Deutschland so hoch?
Da kommen viele Faktoren zusammen. Dass R. Kelly hier jetzt zwei Konzerte plant und dass diese Dokumentation jetzt rausgekommen ist, die alle Fakten bündelt, das gab es vorher nicht. Die Menschen sind faul, nicht alle lesen Zeitungsartikel oder lange Reportagen. Daher war die Doku noch mal sehr wirkungsvoll. Es ist allerdings schade, dass sie in Deutschland noch nicht zu sehen ist.

Es soll ja demnächst so weit sein …
Leider zu spät, es würde mehr Aufruhr geben, wenn die Doku vor den Konzerten gezeigt werden würde, weil sich die Menschen dann ein eigenes Bild machen könnten. Dass er jetzt nach Deutschland kommt, ist ein krasses Unding, weil Deutschland in einer problematischen Tradition steht, was Sexualstraftaten betrifft.

Inwiefern problematisch?
Unsere Gesetze sind dahingehend total lax. Das „Nein-heißt-Nein-Gesetz“ wurde erst 2016 durchgeboxt, an der Kampagne war ich auch aktiv beteiligt. Zuvor war es für Frauen unheimlich schwer, ihre Peiniger zur Anklage zu bringen. Auch, dass Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 legal war, ist problematisch. Jetzt soll dieser Typ in Deutschland auftreten. Es ist das einzige Land, in dem R.-Kelly-Konzerte stattfinden sollen. Da müssen wir uns die Frage stellen, wie das sein kann. Warum alle anderen Länder ihn ablehnen und Deutschland das zulässt. Wir wollen nach außen symbolisieren, dass es eben nicht klargeht und dass sich Menschen dagegen engagieren.

Interview: Andreas Sieler

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