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Die Mahnwache in Lützerath ist jeden Tag rund um die Uhr besetzt – und das seit genau einem Jahr. schnell
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Die Mahnwache in Lützerath ist jeden Tag rund um die Uhr besetzt – und das seit genau einem Jahr. schnell

Protest gegen Kohlebau

Kräuter statt Kohle

  • VonBarbara Schnell
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Das Örtchen Lützerath ist das Zentrum des Protests gegen den Energieriesen RWE. Auf dem Hof des Landwirts, der nicht weichen will, organisiert sich der naturnahe Widerstand.

Jesse Dittmar ist Kräuterpädagogin, und die Worte, mit denen die studierte Biologin den gut vierzig Teilnehmer:innen einer Kräuterwanderung am Rand des Tagebaus Garzweiler erklärt, was hier wächst und wie man es in der heimischen Küche verwenden kann, sind immer besonnen und klar. Nur am Fuß der alten Linde im vom Abriss bedrohten Örtchen Lützerath, aus deren blühender Krone Bienengesumm ertönt, wird Jesse Dittmar ganz leise zornig. „Wir sind auf unsere Umwelt angewiesen“, beendet sie ihren kleinen Physik-Exkurs über den Beitrag der Bäume zur Wasser- und Sauerstoffversorgung. „Wir gehen davon aus, dass sie uns weiter mit Nahrung und Sauerstoff versorgen wird, aber das geht nicht, wenn wir sie gleichzeitig zerstören.“

Die Wiese, auf der die Linde steht, gehört Eckhardt Heukamp, dem letzten Landwirt in Lützerath, der sich aktuell juristisch gegen die Enteignung durch den Braunkohlekonzern RWE wehrt. Auf seinem Hof aus dem achtzehnten Jahrhundert hat er seit einigen Monaten klimabewegte Mitbewohner:innen, die teils als ordentlich gemeldete Mieter mit ihm gemeinsam den Rechtsweg beschreiten. Zu ihnen gehört auch Jesse Dittmar, die die vermutlich gezählten Tage in dem Weiler nicht nur wegen der eindrucksvollen Naturdenkmäler genießt: „Wir leben hier als solidarische Gemeinschaft und versuchen uns an einer Lebensweise, die sich an unseren Bedürfnissen orientiert, nicht an denen der Wirtschaft“.

Um den Ort, an dem sie leben, möglichst vielen Menschen ans Herz zu legen, setzen die Bewohner:innen von Lützerath auf Wissensvermittlung und Kultur. Ehe im August unter dem Motto „Kultur ohne Kohle“ ein knapp zweiwöchiges Festival steigt, nehmen die Initiativen vor Ort schon jetzt die niedrige Corona-Inzidenz zum Anlass für einige Veranstaltungen im Freien – darunter auch die Kräuterwanderung im Schatten der Kohlebagger.

„Es gibt wenige Orte in Deutschland, wo die Zerstörung durch den fossilen Kapitalismus so sichtbar wird, wo sich die globale Zerstörung, die hier verursacht wird, so deutlich lokal in der Vernichtung der Dörfer, der wertvollen Böden, der Natur widerspiegelt“, sagt Jesse Dittmar. „Auch wenn die Geschichte von Lützerath einen ungewissen Ausgang hat, können wir nicht anders als hier zu sein. Wir wissen alle, dass die Braunkohle nicht mehr gebraucht wird und dass es so nicht weitergeht, wenn wir unser aller Lebensgrundlagen retten wollen.“ Gefasste Worte, hinter denen durchaus der Mut der Verzweiflung steckt: „Wenn ich unter dieser Linde stehe, weiß ich zwar, dass das Ende möglicherweise näher rückt. Aber ich weigere mich, das zu sehen. Es ist wie ein schlechter Traum, der auf uns zurollt.“

Nur Tage später werden Jesse Dittmars Worte wie eine Prophezeiung wirken. Die Hochwasserkatastrophe wütet auch in der Tagebau-Region und lässt viele langjährige Mahnungen von Umweltschützer:innen Wirklichkeit werden. Das von RWE verlegte Flüsschen Inde sprengt sein naturfernes Bett und rauscht als Wasserfall in den Tagebau Inden. Es reißt einen Raupenfahrer mit, der nicht gefunden wird. Luftaufnahmen zeigen, dass sich das Wasser exakt das alte, mäandernde Bett gesucht hat, aus dem es der Tagebau verdrängt hat.

Ein RWE-Tweet, dass die Tagebaupumpen weiterlaufen, das abgepumpte Wasser zum „Teil in Flüsse eingeleitet wird“ – unter anderem die Erft – sorgt für Irritation. Doch Erftverband-Chef Bernd Bucher widerspricht im Interview mit dem Journalistenkollektiv „riffreporter“ Vermutungen, RWE habe das Hochwasser verschlimmert: „Im jetzigen Fall war es sogar so, dass RWE in den Rhein] rüberpumpt, was sie rüberpumpen kann und damit sogar überkompensiert. Selbst wenn nicht kompensiert worden wäre, hätte RWE das Hochwasser nicht verstärkt. Es gibt also zumindest dieses Mal keinen Grund, RWE auf die Anklagebank zu setzen.“

Und auch in den Garzweiler-Orten kann der Konzern punkten: Auf Anregung der Anwohner:innen erklärt sich RWE bereit, obdachlosen Flutopfern bereits aufgegebene Umsiedler-Häuser als Wohnraum zur Verfügung zu stellen. „Wir haben Platz und sind bereit zu helfen!“, freuen sich die Aktiven der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ über die Möglichkeit, sich solidarisch zeigen zu können.

Abseits in Lützerath bereitet sich derweil eine ebenfalls vorübergehend in leerstehendem Wohnraum einquartierte Flüchtlingsfamilie darauf vor, den Ort für immer zu verlassen. Und auch wenn die politischen Reden zur Katastrophe nun beschleunigten Klimaschutz versprechen: Die Bewohner:innen der Oase auf Eckhardt Heukamps historischem Hof glauben nicht, dass die Kohlebagger deswegen anhalten werden. Sie bereiten sich darauf vor, Lützerath mit zivilem Ungehorsam zu verteidigen, und versuchen gleichzeitig, ihren Frieden mit dem drohenden Ende zu machen. „Doch selbst wenn wir RWE nicht aufhalten können, ist an diesem Kraftort so viel entstanden, was sie uns nicht nehmen können,“ sagt Jesse Dittmar. Und hält weiter an dem Traum fest, ihre Kräuterwanderung im nächsten Frühjahr wiederholen zu können.

Hinten: der Bagger. Vorne: Kräuterpädagogin Jesse Dittmar. b. schnell
Im Januar hat RWE mit dem Abriss der Häuser begonnen. D. Young/dpa

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