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Jeff Fenech: „Jemand muss sich hinstellen und die Wahrheit sagen.“

Kopfverletzungen im Sport

Nach dem Kampf

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Jährlich werden in Deutschland 44 000 Gehirnerschütterungen bei Sportlern diagnostiziert. Oft wird die Verletzung verharmlost. Doch wie gefährlich ist sie wirklich? Der australische Boxer Jeff Fenech will sein Gehirn stiften, um das Rätsel zu lösen.

Kopfbälle beim Fußball, das Tackeln beim Rugby, bewusste Schläge auf den Kopf beim Boxen – das alles kann zu einer Gehirnerschütterung führen. Bei Untersuchungen des Gehirns ehemaliger Sportler haben Mediziner entdeckt, dass wiederholte Schläge auf den Kopf zu schweren Erkrankungen des Gehirns führen können.

Eine 2017 veröffentlichte Studie zu den Folgen einer American-Football-Karriere zeigte, dass 110 von 111 NFL-Spielern, deren Gehirne nach ihrem Tod für Forschungszwecke untersucht wurden, an chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) litten, eine neurologische Erkrankung, die erst Jahre nach Beendigung einer Sportlerkarriere auftritt. CTE kann Gedächtnisverlust, Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen, Parkinson, Depressionen und Demenz zur Folge haben.

Ein bekannter australischer Boxer will nun weitere Klarheit in die Thematik bringen und hat sein Gehirn nach seinem Tod der Wissenschaft versprochen. Jeff Fenech, der in drei verschiedenen Boxdivisionen Weltmeistertitel holte und 29 seiner 33 Profikämpfe gewann, berichtete dem australischen Sender ABC von Sportlerfreunden, deren Gehirn so abbaute, dass sie nicht mehr sprechen konnten. Auch er selbst habe eine Reihe beunruhigender Vorfälle erlebt: So vergaß er Dinge sofort, nachdem man sie ihm gesagt hatte, oder er ging irgendwohin, ohne wirklich wahrzunehmen wohin.

„Ich hatte Vorfälle, wo ich mit Leuten gesprochen habe und sie in 15 Minuten treffen sollte, und dann habe ich das vergessen“, berichtete Fenech. „Ich war an Orten und habe Dinge mitgenommen, ohne es zu merken.“ Die Tests, die er bisher gemacht habe, seien zwar alle in Ordnung gewesen, doch er mache sich Sorgen, dass die vielen Kopfverletzungen während seiner sportlichen Karriere dauerhafte Schäden hinterlassen haben könnte, sagte der 55-Jährige.

Fenech möchte mit dem PR-wirksamen Schritt, sein Gehirn nach seinem Tod der Wissenschaft zu stiften, auch darauf aufmerksam machen, wie sorglos in vielen Sportarten mit Kopfverletzungen umgegangen wird. „Wenn man beim Rugby eine Gehirnerschütterung bekommt, wird man vom Feld geholt, für 20 Minuten beobachtet und durchläuft eine Reihe von Tests“, sagte er. „Beim Boxen dagegen zählen wir bis acht: Wenn man bei zehn nicht aufsteht, dann ist der Kampf vorbei.“ Würde man aber aufstehen, dann ginge der Kampf weiter. „Jemand muss sich hinstellen und die Wahrheit sagen“, sagt der Australier. „Wenn wir ein Protokoll haben wollen, mit dessen Hilfe wir auf die Gesundheit der Menschen achten, dann brauchen wir dieses Protokoll für alle Sportarten.“

Der 55-Jährige will sein Gehirn nach seinem Tod an die Australian Sports Brain Bank stiften. Letztere hat inzwischen mehr als hundert Zusagen von Sportlern aus aller Welt, darunter auch die Ex-Rugby-Spieler Peter Sterling und Ian Roberts sowie der Jockey Dale Spriggs.

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