Wodka gilt vielen Russen weiter als Wasser der Wahrheit, der Alkoholpegel als Messlatte der Männlichkeit

Russland

Kopfsprung in den Flaschenhals

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Offiziellen Angaben zufolge trinken die Russen inzwischen weniger Alkohol als Deutsche oder Österreicher. Aber Statistik und gelebte Wirklichkeit haben in Russland oft nur wenig miteinander zu tun. Stefan Scholl ist seit 20 Jahren Moskau-Korrespondent – hier erzählt er vom Trinken und Sterben in einem großen Land.

Der Erste, der mir reinen Alkohol eingeschenkt hat, war Mischa. Er heißt nicht wirklich Mischa, so wie alle Figuren in dieser Geschichte in Wirklichkeit anders heißen. Aber das, was er mir einschenkte, war medizinischer Alkohol, mit Wasser verdünnt. Das war in Moskau, am 2. Januar 1991. „Trink, wenn du dich traust!“, sagte er. Ich habe eine Teetasse geschafft und gekotzt. Später gestand Mischa mir, ich sei ihm unsympathisch gewesen und er habe mir eins auswischen wollen.

Wir haben noch viel zusammen getrunken, Wein, Wodka, Kognak, meist harte Sachen. Mischa wurde mein Freund, ich war stolz darauf. Denn Mischa war einer, den alle mochten, ein Typ mit breiten Schultern und einem Lächeln wie Mel Gibson. Mischa hatte Charisma, er war Maler. Wenn er trank, begann er von riesigen, bunten Fischen zu erzählen, die er malte, von ihren Körpern, ihren Seelen und Gedanken. Dabei rauchte er eine Zigarette nach der anderen, redete, trank weiter, aber sein Blick und seine Stimme blieben fest. Im Rausch schien er neue Visionen für die Leinwand zu entwickeln.

1991 ist lange her, heute trinken die Russen – glaubt man den neuesten staatlichen Statistiken – weniger als Deutsche, Österreicher oder Franzosen. Aber die Statistiken und die erlebte Wirklichkeit haben in diesem Land oft nur wenig miteinander zu tun. Die russische Seele krankt weiter am Branntwein. Vor allem in der Provinz hängt der giftige Schatten der „grünen Schlange“, wie Alkoholismus schon zur Zarenzeit genannt wurde, über Freundschaften, Ehen und Familien. Aber vor allem über den Männern.

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Wir sitzen in Kejses, einem Dorf in Westsibirien, zwischen Stall und Gemüsebeet, der Juli-Himmel ist tiefblau und sengend heiß. Auf dem Tisch steht, umstellt von Schüsseln mit dampfenden Jungkartoffeln, Rindfleisch, Gurken, Zwiebeln, saure Sahne, Speck und Salat eine Glaskaraffe voll trüber Flüssigkeit. Oleg füllt die Wassergläser und sagt mit herausforderndem Grinsen: „Trink!“

„Trink!“ Es war und ist Aufruf zum Duell – und zugleich eine Friedenspfeife. Und immer ist es die Einladung zum Kopfsprung in den Flaschenhals, hinein in eine Welt neuer Offenbarungen.

Artjom hatte mich schon 1987 mit dem gleichen Blick durchbohrt: Mein künftiger Zimmernachbar in einem Leningrader Studentenwohnheim saß mit zwei Freunden auf dem Bett, in einer Wolke aus Papyrosy-Qualm, und hielt mir ein Glas Portwein hin. Auch seine ersten Worte waren: „Trink!“ Ich habe dieses Kommando danach immer wieder gehört, in Moskauer Büros, auf Twerer Hinterhofbänken, in Militärflugzeugen oder Provinzdiscotheken, von weißrussischen Autodieben, tschetschenischen Milizionären, von stellvertretenden Chefredakteuren oder Skinheads. „Trink!“ Es war und ist Aufruf zum Duell – und zugleich eine Friedenspfeife. Und immer ist es die Einladung zum Kopfsprung in den Flaschenhals, hinein in eine Welt neuer Offenbarungen.

Seit 20 Jahren gilt der Nichttrinker Wladimir Putin als nationales Vorbild. Das Militärportal topwar.ru prahlt, andere europäische Länder – so auch Deutschland – könnten von den Russen lernen, wie man nüchtern bleibt. Aber gleichzeitig sehnt sich Russland nach sowjetischer Flaschenbrüderschaft, nach den Zeiten rationierten Wodkas, wilder Sehnsüchte und Saufgelage, bei denen mörderische Cocktails gemixt wurden: „200 Gramm Schigulowskoje Bier, 150 Gramm Spirituslack, 50 Gramm Parfüm ,Weißer Flieder‘, 50 Gramm Antischweißfußtranspirant…“ Der Autor des Rezepts, der Schriftsteller Wenjamin Jerofejew, war überzeugter Alkoholiker und starb an Kehlkopfkrebs. Auch andere schöpferische Russen richteten sich damals zugrunde. Der Schauspieler und Liedermacher Wladimir Wyssozki sang: „Du rauchst auf nüchternen Magen und trinkst gegen den Kater“. Er starb mit 42. Wyssozkis Texte und seine krächzende Stimme sind heute Kult.

Und Wodka gilt vielen Russen weiter als Wasser der Wahrheit, der Alkoholpegel als Messlatte der Männlichkeit. Die Bosse in den Gangsterfilmen des Staatssenders NTW schlucken weiter direkt aus dem Flaschenhals. Trinken ist wie Fluchen: nicht schön, aber echt.

Einmal bin ich mit der Rockband „Leningrad“ im Zug von Petersburg nach Twer gefahren, zu einem Konzert. Sergei Schnurow alias Schnur, ihr Frontsänger, Texter und ebenfalls bekennender Säufer, bestellte nach 200 Kilometern im Speisewagen mit nachdenklicher Miene das erste Glas. Danach tauchten immer neue Bier- und Wodkaflaschen auf. Als wir die Konzertbühne an der Wolga erreichten, waren allen betrunken, Denis, der Schlagzeuger, hatte einen seiner Stöcke verloren und drosch deshalb mit einer Plastikflasche auf die Trommeln ein. Aber der Rhythmus stimmte.

„Der Alkohol bringt uns den Tod, der Alkohol bringt uns das Leben“, dichtete Schnur vor ein paar Wochen. „Gezeugt wird mehrheitlich im Dusel, lieben mag hier niemand ohne Fusel.“ Alkohol ist schräge Poesie, Alkohol ist Rock.

Oleg will mich unter den Tisch trinken. Nach dem alten russischen Ritual: Eingießen, Trinkspruch, Anstoßen, ex... Danach in etwas möglichst Fettes beißen, am besten in rohen Speck. Und wieder Eingießen, Trinkspruch… Olegs „Samogon“, ein selbst gebrannter Schnaps, ist eine lauwarme, 50 bis 60 prozentige Abscheulichkeit. Er aber grinst und sagt: „Trink! Oder willst du eins auf den Hals kriegen!“

Der Alkohol ist auch in Sibirien Poesie, löst selbst die Zungen wortkarger Taigajäger, beim Samogon erzählen die Männer hier serienweise filmreife Geschichte über Bären, Wölfe oder Jagdhunde.

Laut offiziellen Statistiken hat Russland seinen Alkoholkonsum seit 2011 halbiert. Das mag stimmen – was Studenten oder Yuppies in Moskau, Petersburg oder anderen Millionenstädten angeht. Hier herrscht inzwischen europäische Kneipen- und Barkultur, gebechert wird vor allem Bier, und das nur freitags. Im Gegensatz zur damaligen Sowjetunion ist der Flaschenhals längst nicht mehr der einzige Ausweg in andere Wirklichkeiten, man kann auch kiffen, koksen oder Cyberspiele spielen. Und man kann jetzt auswandern. Das wollen nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums 53 Prozent der Russen unter 24 Jahren.

„Meine Söhne trinken praktisch nichts“, sagt Jeff. Der Petersburger ist Ethnograf und der alkoholfesteste russische Staatsbürger, den ich kenne. „Aber die Akademiker um mich herum trinken mittlerweile so viel wie ich.“ Jeff ist 59, ein Riese wie der barocke Alkoholiker Peter der Große, Jeff hat eine Herz- und mehrere Krebsoperationen hinter sich, aber er raucht und trinkt weiter, grundsätzlich nur Hochprozentiges.

Oleg ist 20 Jahre jünger als Jeff, auch er ein Mann wie ein Baum, sein Gebiss tadellos bis auf einen Stahlzahn. Für ihn ist Trinken ein Sportfest. Oleg ist gelernter Elektriker, aber tatsächlich kann er alles. Er fällt sein eigenes Holz, fischt mit dem eigenen Netz, schlachtet selbst. Oleg ist einer, der wie Millionen anderer Landrussen auf jeder Großstadtbaustelle als Allroundhandwerker schwarzarbeiten kann.

Der Alkohol ist auch in Sibirien Poesie, löst selbst die Zungen wortkarger Taigajäger, beim Samogon erzählen die Männer hier serienweise filmreife Geschichte über Bären, Wölfe oder Jagdhunde.

Die Dorfsibirier haben auch ihre eigene inoffizielle Statistik, Oleg gehört zur Mehrheit der „Rabotjagi“, den Malochern, aber 20 bis 30 Prozent der Einwohner im Dorf gelten als „Alkaschi“: die Alkoholiker und ihre Familien. Um ihre Kinder kümmern sich Dorfschullehrer und Nachbarn, für die „Alkaschi“ ist Schnaps nicht mehr Vergnügen, sondern Grundnahrungsmittel. Wenn kein Samogon mehr da ist, schlucken sie auch Frostschutzmittel.

Und die Staatsmacht weiß, dass die grüne Schlange viel lebendiger ist, als ihre eigenen Zahlen vorgeben. Im November beschloss die Duma in erster Lesung ein Gesetz, das vorsieht, die sowjetischen Ausnüchterungsanstalten wiedereinzuführen, um Betrunkene von den Straßen zu holen, einzusperren und ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Vergangenen Dezember hat die Regierung ein Verbot erlassen: Haushaltsflüssigkeiten wie Parfüm, Desinfektionsmittel oder Badewasserzusätze mit mehr als 28 Prozent Ethylalkohol dürfen nicht billiger verkauft werden als Getränke mit vergleichbarem Alkoholgehalt. Ende November starben in einem Dorf bei Jaroslawl trotzdem fünf Menschen. Die Polizei vermutet, sie hätten Autoscheibenreinigungsflüssigkeit getrunken.

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Unter dem Tisch bin ich nicht gelandet. Aber moralisch ist Oleg klarer Sieger. Am Ende fliehe ich einfach vor ihm und seinem Samogon, purzle übers Gartentor, laufe weiter. Ich stolpere in ein Schlagloch, rapple mich auf. Lande wieder auf dem Asphalt, „mit der Schnauze im Salat“, wie die Russen in solchen Fällen sagen. Das halbe Dorf mag zugesehen haben, es ist noch hell, als ich vor meiner Haustür ankomme. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass mein Lada Niwa noch vor Olegs Gartenzaun steht…

Morgens parkt das Auto vor meinem Haus. Ich muss im Suff zurückgelaufen und mit ihm nach Hause gekurvt sein.

Alkohol ist der Grund für 70 Prozent der männlichen Todesfälle im erwerbsfähigen Alter.

Kampftrinken ist Männersache, Alkohol ist der Grund für 70 Prozent der männlichen Todesfälle im erwerbsfähigen Alter. Und 2016 wurden nach offiziellen Angaben über 64.000 häusliche Gewalttaten registriert, nach Polizeiangaben sind die Täter in 80 bis 95 Prozent der Fälle im Alkohol- oder Drogenrausch. Und auch das sind nur statistische Bruchstücke, nicht nur in den Familien der „Alkaschi“ gehören Schläge zum Alltag. Schläge, die niemand zur Anzeige bringt.

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Männer sind Täter, Männer sind Opfer. Dima aus Jaroslawl hat sich zu den Maifeiertagen angemeldet. Aber am Tag, an dem er eintreffen will, ruft er an, sein Auto habe sich überschlagen, alles sei okay, er komme einen Tag später. Danach ist sein Handy ausgeschaltet, er entschuldigt sich drei Wochen später für sein „nicht adäquates Verhalten“. Dima ist in den „Sapoi“ geraten, eine Dauersauferei, die Tage, aber auch Wochen dauern kann. Für Dima ist Schnaps kein Abenteuer, sondern Schmerzmittel. Er schuftet als Klempner sechs bis sieben Tage die Woche, um seine Frau und seine beiden Kinder zu finanzieren, sie aber hat ihn aus der gemeinsamen Wohnung vertrieben, er schläft in einer Garage oder bei Freunden. Andere alte Kameraden aus der Provinz oder aus Petersburg rufen nur noch an, um lallend ihre Freundschaft zu versichern, werden angetrunken in der Stadt gesehen, verschwinden ganz.

Der Tod in Russland ist oft schlangengrün. Ein guter Bekannter, drei Jahre jünger als ich, war Filmregisseur, er hat internationale Preise gewonnen, aber auch er trank. „Wenn du Angst hast, dass deine Leber das nicht schafft“, hat er mir einmal geraten, „dann musst du trockenen Rotwein trinken.“ Er starb an Leberkrebs.

Timofej arbeitete als Funktionär einer Duma-Partei in Moskau, auch er trank. Einmal im Jahr lädt seine Mutter alle seine Freunde und Bekannten zu seinem Geburtstag ein – auf den Kusminsker Friedhof in Moskau. Auch Artjom aus dem Leningrader Wohnheim starb vor zwei Jahren.

Die meisten toten russischen Freunde waren älter als 40, als sie umkamen. Vielleicht war ihr Verhängnis, dass sie in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Aber vielleicht wird in diesem Alter die grüne Schlange auch über die nächste Generation herfallen.

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Mischa, der Maler, liegt auf einem Tisch im Hof, sein Gesicht sieht fremd aus, die Haut hat sich gelb gefärbt, Mischa wird heute begraben. Er hatte ein Lächeln wie Mel Gibson, er hatte Charisma, er trank, weil er neue Bilder suchte. Dann, nachdem er die Malerei hingeschmissen hatte, um als Werbedesigner Geld zu verdienen, trank er, weil es nichts mehr zu finden gab. Am Ende zog er aufs Dorf, kunstschreinerte, wurde noch einmal Vater. Er hörte sogar auf zu trinken, aber seine Organe machten nicht mehr mit.

Mischas junge Witwe streicht ihm über die Stirn, der russische Himmel ist grau, die ersten Schneeflocken taumeln durch die Luft.

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