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Nur kurz an der Oberfläche: Für Laien ist das Beobachten der scheuen Tiere fast unmöglich.

Sumpfschildkröte

Kopf hoch

Beinahe ist die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland ausgestorben. Engagierte Projekte kämpfen erfolgreich für ihren Erhalt

Ein Dutzend weiße Plastikkästen steht im Garten der Naturschutzstation Rhinluch im brandenburgischen Linum. Im flachen Wasser schwimmen Blätter und kleine Zweige. Dazwischen tummeln sich Mini-Schildkröten, etwa so groß wie Tischtennisbälle. „Das ist unsere Babystation. Die Tiere sind erst kürzlich geschlüpft“, erklärt Norbert Schneeweiß, Leiter der Station.

Werden die Tiere größer, ziehen sie um in eine kleine Teichlandschaft als Vorbereitung für die spätere Auswilderung. In diesem Jahr hat Norbert Schneeweiß die Hitze und die damit verbundene Trockenheit Sorgen gemacht. Denn viele der seit Jahren genutzten Auswilderungsgewässer waren in den vergangenen Monaten zu trocken.

Die Europäische Sumpfschildkröte ist die einzige Schildkrötenart, die in Mitteleuropa natürlicherweise vorkommt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz steht sie jedoch auf der Roten Liste vom Aussterben bedrohter Tiere.

Die seltenen Nachweise von Tieren in Deutschland gehen nach Ansicht von Expertinnen und Experten wahrscheinlich auf Aussetzungen zurück. In der Uckermark wurde 1998 die letzte natürliche Population auf deutschem Boden entdeckt, sagt Norbert Schneeweiß. „70 bis 80 Exemplare, darunter jedoch keine Jungtiere.“

Mit Hilfe unterschiedlicher Stiftungen und Fördertöpfe startete ein einzigartiges Rettungsprojekt für die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland. Darüber hinaus gibt es in einigen Bundesländern weitere Auswilderungsprojekte, über die die Tiere regional wieder heimisch werden sollen, etwa in Rheinland-Pfalz, Hessen und Niedersachsen.

„Die von uns entdeckten Tiere hatten Eier abgelegt, doch die Plätze dafür waren ungeeignet, es schlüpfte kein Nachwuchs“, sagt Schneeweiß. Die Naturschützerinnen und Naturschützer nahmen die Gelege mit, brüteten sie in der Station künstlich aus. Gleichzeitig kauften sie von Landwirten Schildkröten-geeignete Flächen für die Auswilderung.

Im Alter von zwei Jahren und einer Panzergröße von sieben bis zehn Zentimetern geht es für die nachgezüchteten Reptilien in die Freiheit. Je größer und kräftiger die in Linum aufgezogenen Schildkröten sind, umso besser stehen die Chancen, dass sie in der Natur überleben können.

„Die Tiere leben in kleinen Gewässern aber auch Mooren, in denen sie sich von Mückenlarven, Regenwürmern und Krebstieren ernähren und keine Fische als Nahrungskonkurrenten haben“, sagt der Experte. Diese Tümpel aber würden am schnellsten austrocknen. Weitere Gefahren seien Waschbären oder Marderhunde, die Schildkröten aus dem flachen Wasser fischen und fressen.

„Waschbären sind in der Tat die größte Gefahr für das Projekt. Würden die nordamerikanischen Räuber sich nicht so stark vermehren, wäre die Erfolgsquote für die Schildkröten weitaus höher“, bestätigt Zoologe Uwe Fritz vom Senckenberg-Institut Dresden.

Jede Schildkröte hat eine individuelle Gesichtsmusterung

Auch ausgesetzte Exoten wie Rotwangenschmuckschildkröten verdrängten die einheimischen Reptilien. Ein wichtiges Indiz dafür, dass Sumpfschildkröten in der freien Natur überleben, sei die Fortpflanzung, sagt Schneeweiß. Erst mit 14 Jahren sind Europäische Sumpfschildkröten geschlechtsreif.

Die Schildkröten ließen sich anhand ihrer Gesichtsmusterung unterscheiden, so der Experte. Alle Exemplare würden vor der Auswilderung fotografiert, vermessen und gewogen. Die sehr scheuen Tiere in der Natur zu beobachten sei für Laien nahezu unmöglich. Gelegenheit dazu gibt es im Naturerlebniszentrum Blumberger Mühle bei Angermünde in der Uckermark.

Dort hat der Naturschutzbund (Nabu) vor 17 Jahren eine Teich-Anlage gebaut. „Unsere Tiere sind natürlich an den Menschen gewöhnt. Sie verschwinden nicht gleich im Wasser, sobald sich jemand vorsichtig nähert“, sagt Leiterin Aija Torkler. Im Frühjahr 2020 seien dort 28 Tiere gezählt worden.

Bemühungen zur Rettung der Schildkröte in freier Natur hält Torkler für wichtig. „Um zu verhindern, dass Tierarten gänzlich verschwinden, muss der Mensch eingreifen.“ Das Brandenburger Projekt sei ausgesprochen gut, meint auch Zoologe Fritz. „Hier kümmert sich der Naturschutz tatsächlich um etwas, was noch da ist und versucht es zu erhalten.“

„Wir haben in der Natur auch schon Exemplare entdeckt, die wir nicht kennen, also nicht aus unserer Zucht stammen“, sagt Biologe Schneeweiß. „Ohne unsere Hilfe würde es die Europäische Sumpfschildkröte in Deutschland schon längst nicht mehr geben.“ (Jeanette Bederke, dpa)

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