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"Nicht alles mitmachen, was gerade en vogue ist", will der Dorfpfarrer Martin Weskott.

Religion

Der Konzern Kirche

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Mit dem Reformationsjubiläum hatte die Evangelische Kirche dieses Jahr einiges zu feiern. Mit einer aktuellen Reformation tun sich viele Pastoren aber schwer. Sie kritisieren den Modernisierungskurs der EKD-Zentrale: "Wir sind weder Siemens noch Apple oder Microsoft".

Tisch sieben scheint das Rennen zu machen. Dass Luthers Vater Bergmann war und dass der Reformator sich während seiner Verbannung auf der Wartburg Junker Jörg nannte, kann zumal im Jubiläumsjahr unter protestantischer Allgemeinbildung verbucht werden. Aber wer weiß schon, wen der verängstigte Mönch um Beistand anrief, als er der Legende nach in ein schweres Gewitter mit Blitzeinschlag geriet? „Tausend-Euro-Frage“, ruft jemand in den Gemeindesaal der Martin-Luther-Kirche. Die Senioren haben Spaß am Luther-Quiz bei Kaffee und Kuchen, und die Wissens-Bilanz kann sich am Ende durchaus sehen lassen. Stramme Leistung, findet auch Pfarrer Jan-Christoph Borries, obwohl er in solchen Kategorien eigentlich nicht denkt.

Borries ist beliebt bei den Leuten, das spürt man schnell. Auch, dass er mit Begeisterung Pastor ist, auch noch nach 23 Jahren am selben Ort. Mecklenbeck ist ein grüner und zum Teil noch ländlich geprägter Vorort am Stadtrand von Münster in Nordrhein-Westfalen. Niemals würde Borries von Job sprechen. Er ist auf viele Führungsfiguren in seiner evangelischen Kirche nicht gut zu sprechen, die ihm und seinen Kollegen zu wenig Wertschätzung entgegenbrächten. „Uns, die man am meisten braucht, hat man vor den Kopf gestoßen“, sagt er.

Modernisierungskurs der Kirche mit untauglichen Mitteln

Denen da oben, der EKD-Zentrale in Hannover, sei es über Jahre hinweg darum gegangen, mit untauglichen Mitteln der angeblich schläfrigen Kirche einen Modernisierungskurs zu verordnen. 2006 wurde unter Federführung des damaligen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber ein „Impulspapier“ mit dem wohlklingenden Namen „Kirche der Freiheit“ verabschiedet, das fortan den Kurs der Kirchenleitung bestimmt hat. Für viel Geld habe man Wirtschaftsberater engagiert, die Kirche als eine Art Konzern betrachtet hätten. „Wir sind aber weder Siemens noch Apple oder Microsoft“, sagt Borries. Und es geht auch nicht in erster Linie um Mega-Events, sondern um unsere Präsenz vor Ort. Lieber als irgendwelche Marketing-Weisheiten zitiert Borries die Bibel: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Kritiker des EKD-Kurses werfen den Verantwortlichen vor, Säkularisierung und Mitgliederschwund mit rein betriebswirtschaftlichen Methoden begegnen zu wollen. Das Wort von der „McKinsey-Kirche“ macht die Runde. In dem Papier, das nie offiziell ad acta gelegt wurde, ist von Kerngeschäft und von Märkten die Rede, vom Wettbewerb mit anderen Anbietern, von Qualitätsmanagement, ja sogar von Quoten für Taufen und Trauungen. Geschwärmt wird von regionalen Zentren, „Profilgemeinden“ und „Leuchttürmen“, die in die Provinz ausstrahlen. Bis heute sei die EKD-Zentrale in Hannover, findet Pastor Borries, „ein selbstreferenzielles System, das den Realitätsbezug zur normalen Gemeinde völlig verloren hat.“

Das Gegenmodell von Borries und einer ständig größer werdenden Gruppe von Kollegen in praktisch allen evangelischen Landeskirchen klingt schlicht, enthält aber eine Menge Sprengkraft: „Die Kirche im Dorf lassen.“ „Wir brauchen keine Leichttürme und keine Groß-Gemeinden, sondern überschaubare Einheiten mit Pastoren, die vor Ort für die Menschen da sind.“ Kritische Geister wie der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer beklagen nach Abschluss des mit großem Aufwand gefeierten Reformationsjubiläums eine „Selbsttäuschung“ der Kirche. Die Luther-Jubelfeiern könnten nicht kaschieren, dass der von oben verordnete Reformprozess die Krise vieler Ortsgemeinden verschärft habe. Und er ermutigt zumindest indirekt die von manchem Oberkirchenrat als Rabauken abqualifizierten Gemeindepfarrer zu einer Reformation von unten.

Gleich ist Konfi-Kurs in der Martin-Luther-Kirche. An der Wand hängen noch die Flipcharts vom letzten Mal, als Jan-Christoph Borries mit den Konfirmanden über das siebte Gebot gesprochen hat. Wegnehmen, klauen, rauben, haben die Jugendlichen notiert, aber auch abziehen, mopsen und sneaken. Borries sagt, er arbeite gern mit den jungen Leuten, die Segelfreizeit nach der Konfirmation eingeschlossen. Er ist in diesem Jahr 60 geworden, „aber das Feuer brennt noch“. Und deswegen wird er auch weiter keine Ruhe geben, wenn es um die urprotestantische Eigenverantwortung der Pfarrer und um die Selbstständigkeit der Gemeinden geht. Die Herrschaften der EKD haben lange genug eine „Top-down“-Strategie gepredigt - von oben verordnete Reformen und Druck nach unten. „Luther würde sich im Grabe umdrehen, der wollte doch das Priestertum aller Gläubigen und keine Manager.“ Auf dem Tisch liegt ein kleiner Stapel Luther-Rosen als Einkaufschip. Gegen diese Art von Vermarktung hat der sonst so kritische Pastor allerdings nichts.

Frust in Buchform

„Dorfpfarrer“ – mit dem Begriff kokettiert sein Kollege Siegfried Eckert gern und oft. „Ich vermute, Sie spüren die Ironie“, sagt er und gießt frisch aufgebrühten Pfefferminztee nach. Denn eigentlich ist Eckert Großstadtpfarrer in Bonn-Bad Godesberg, gehört der Landessynode an und ist Rheinischer Synodalbeauftragter für den Kirchentag. Eckert blickt mit seinen Aktivitäten weit über den Turm der Friesdorfer Pauluskirche, initiiert Kultur- und Musik-Veranstaltungen, holt Liedermacher und Kabarettisten. Aber Eckert war und ist ein entschiedener Gegner des Kurses der EKD. „Wir mästen die Verwaltung und lassen die Gemeinden ausbluten.“

Sein „heiliger Zorn“ bringt ihn immer noch auf die Palme. Vor drei Jahren hat sich Eckert seinen ganzen Frust in einem Buch mit dem frechen Titel „2017 – Reformation statt Reförmchen“ von der Seele geschrieben. An seinem damaligen Befund habe sich nichts geändert, stellt Eckert nüchtern fest. Den „Anzugträgern“ aus Hannover wirft er „obrigkeitliche Fürsorge“ vor, „Regulierungswahn“, einen „Hang zur Vereinheitlichung“ und zur Profilierung von 50 „Superkirchen“ zu Lasten ganz normaler Gemeinden. Dem Mitgliederschwund versuche man mit Masterplänen und „Kundenbindungs-Instrumenten“ entgegenzuwirken. „So ein Mumpitz“, ruft Eckert und springt genervt auf. „Luther scherte sich einen Dreck ums Image. Er tanzte aus einer langen Ahnenreihe, weil er nicht anders konnte, egal, was Imageberater ihm geraten hätten.“

Die Glocken der Pauluskirche läuten zur Jazz-Vesper. Eckert drückt am Eingang jedem Gottesdienstbesucher die Hand und lädt zum Nachgespräch, zur „After Show Party“ ins Kirchencafé „Selig“ ein. Viele kämen mit dem Reform-Tempo einfach nicht mit, sagt er in der Predigt. Eben zu Hause hatte seine Kirchen-Schelte zugespitzter geklungen: „Je funktionaler die Kirche agiert, desto blutleerer wird sie.“ Im Flur liegt eine Schachtel, die nach Kopfschmerztabletten aussieht. „Lutherol“, ein „Breitband-Theologicum für Geist und Seele“, eines der erfolgreichsten Merchandising-Produkte des Lutherjahres. Inhalt: Papier-Pillen mit Luther-Traktaten.

„Der virtuelle Pastor ist kein Ersatz“

Welche Therapie empfiehlt Eckert? Entschleunigung statt Reformstress, individuelle Ausrichtung der Gemeinden „statt Blaupausen und Einheitsbrei“. So wie in Godesberg, wo vier Gemeinden segensreich in einem Konvent zusammenarbeiten und trotzdem ihr Eigenleben führen. Die Kirche im Dorf zu lassen habe rein gar nichts mit Kirchturmpolitik zu tun, sagt Siegfried Eckert auf dem Weg zur Jazz-Vesper. „Wir hier in Friesdorf sind interkulturell und international.“ Aber Luther sei „im Grunde ein ganz provinzieller Typ gewesen“.

Nicht bloß weil Martin Weskott kein sonderlich Technik-affiner Mensch ist, mag er Anrufbeantworter nicht. Seit kurzem läuft auch in Katlenburg im niedersächsischen Landkreis Northeim „so ein Ding“. Aber nur weil der Pastor, der mehr als 38 Jahre die St. Johannes-Gemeinde geleitet hat, seit dem 1. Oktober formal im Ruhestand ist. Bislang hat er sich vehement gegen eine Mailbox gesträubt. Gerade als Antwort auf die Globalisierung sei persönliche Begegnung und Begleitung wichtiger denn je. „Der virtuelle Pastor ist kein Ersatz.“

Der Mann mit dem imposanten Vollbart hinterlässt, wie man so sagt, große Fußspuren. Sonntagsgottesdienst und Sonntagspredigt sind für ihn elementar. Weitergabe der biblischen Tradition – das funktioniere nicht mit theologischem Fast Food oder mit Versatzstücken aus dem Internet, das Weskott eh nicht nutzt. Im Schnellverfahren drohten Amtshandlungen „an den Kristallisationspunkten des Lebens“ zum leeren Ritual zu werden.

Nicht alles mitmachen

Vor dieser Entwicklung, die er schon vor Jahren am protestantischen Horizont heraufziehen sah, graust es ihm. Martin Weskott hat Vorgaben nie unreflektiert übernommen. So kam es, dass sein „Laboratorium“ Katlenburg den Oberen manchmal ein Dorn im Auge war. Gegen den Trend setzte er durch, dass Katlenburg nicht einfach in einem Verbund von Sozialstationen aufging. „Wir haben noch unsere eigene Diakonie.“ Von seinem Kleinbus aus zeigt er stolz rüber zur Schwesternstation. „Die Gemeindeschwester ist kein Modell von vorgestern, sondern gerade heute unverzichtbar.“

Sie lassen ihren Pastor ungern ziehen, die 1200 Gemeindemitglieder in Katlenburg und den Nachbarorten Suterode und Wachenhausen. Gelobt wird sein Stehvermögen, das nicht mit Bockigkeit zu verwechseln sei, vor allem aber, dass er sich nie habe verbiegen lassen. Auf der Fahrt durchs bergige Harzvorland dauert es nicht lange, bis der Pastor auf sein allgegenwärtiges Sorgenthema kommt, die Auszehrung des ländlichen Raums.

In Zeiten der Unübersichtlichkeit sehnten sich die Leute nach einem „Stück Beheimatung“. Wenn Postfilialen verschwänden, Geschäfte und Gasthäuser dicht machten, müsse wenigstens die Kirche vor Ort präsent bleiben. „Wenn wir uns zurückziehen, wäre das eine Todsünde.“ Und keineswegs nur zum Schaden der Gläubigen. Wir parken vor dem Kirchlein von Suterode. 240 Protestanten zählt die Filialgemeinde St. Gregorius. Die offizielle Bezeichnung „Kapellengemeinde“ klingt beinahe niedlich, und in den Augen mancher EKD-Strategen sind solche „Kleinststrukturen“ nicht relevant.

„Die Suteroder“, kontert Weskott, „haben genauso Anspruch auf regelmäßigen Gottesdienst“. Er arbeite „antizyklisch, und das erzeugt immer „eine gewisse Reibung“. Zurück im Pfarrhaus auf dem Katlenburger Burgberg. Antizyklisch bedeutet für den Dorfpfarrer, mit Leib und Seele: „Nicht alles mitmachen, was gerade en vogue ist.“ Ungezählte Male hat er den Oberen seiner Kirche die Leviten gelesen, zuletzt in seiner Predigt im Abschiedsgottesdienst Ende September. „Man kann“, rief er seiner Gemeinde von der Kanzel zu, „die Mündung nicht ohne die Quelle haben.“ Der Satz bedurfte keiner Auslegung.

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