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Der Niger-Fluss reißt Autos mit. Boureima HAMA/AFP

Überflutungen in Afrika

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  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Afrika ist von den verheerendsten Fluten seit Beginn der Aufzeichnungen betroffen. Experten sind sich einig: Der Klimawandel ist da - und dafür verantwortlich. Von Regierungen vermissen sie die nötigen Konsequenzen.

In Dakar, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Senegal, fällt an einem Tag soviel Regen wie gewöhnlich in einem Jahr. In Niamey, der Hauptstadt des brottrockenen Sahelstaats Niger, werden mehr als 34 000 Häuser von beispiellosen Niederschlägen zerstört sowie Tausende von Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche überflutet. Im Sudan wird der Notstand ausgerufen, nachdem der Nil wie seit Menschengedenken noch nie über seine Ufer tritt und mehr als 2000 Jahre alte Pyramiden des kuschitischen Königreichs gefährdet.

Vom Senegal im Westen bis Äthiopien im Osten des Kontinents kommen in elf afrikanischen Staaten mehr als 200 Menschen bei den Überflutungen ums Leben: „Und die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei“, klagt Julie Belanger, Direktorin des humanitären Hilfswerks der Vereinten Nationen (Ocha) in West- und Zentralafrika.

Keiner kann sich an derartige Zustände erinnern. Dass es in der wüstenähnlichen Sahelzone zu Überschwemmungen kommt, ist zwar nicht ungewöhnlich. Doch bislang ereigneten sie sich höchstens zweimal – seit Anfang dieses Jahrtausends aber mehr als acht Mal im Jahr, ist im US-Journal für „Flood Risk Management“ nachzulesen. „Der Regen fällt immer häufiger zu früh, zu spät, gar nicht oder in zu großen Mengen“, sagt Bettina Iseli, Programmdirektorin der Welthungerhilfe. „Das Wetter ist verrückt geworden.“ Allein in West- und Zentralafrika sind von den jüngsten sintflutartigen Regenfällen mehr als 800 000 Menschen betroffen, in Ostafrika sollen es 2,4 Millionen sein.

Am schlimmsten hat es den Sudan erwischt. In der Hauptstadt Khartum, wo der Blaue und der Weiße Nil zusammenfließen, wurden ganze Stadtteile überflutet, Zigtausende von Häusern zerstört und mehr als 100 Menschen getötet. Der Wasserstand des Nils wird mit 17,57 Meter gemessen – ein Rekordstand. Die Sudanesen könnten von Glück sagen, dass Äthiopien im Juli mit dem umstrittenen Aufstauen des Blauen Nils begann, teilt die Regierung in Addis Abeba mit. Andernfalls wären zusätzliche fünf Milliarden Kubikmeter Wasser den Fluss hinabgeflossen. Auch der Weiße Nil trat über die Ufer. Im vom Bürgerkrieg gezeichneten Südsudan rissen die Fluten fruchtbare Ländereien, Kuhherden und ganze Dörfer mit sich. Mehr als 500 000 Südsudanesen seien von den Wassermassen heimat- und mittellos gemacht worden, teilt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mit.

In der Sahelzone, die sich südlich der Sahara vom Senegal über Mali, Burkina Faso, Niger, Nigeria, den Tschad bis zur Zentralafrikanischen Republik erstreckt, traten sowohl der Fluss Niger wie der Tschad-See über die Ufer – der Wasserstand des Nigers erreichte seinen höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1929. Seit den Dürrekatastrophen in den 70er und 80er Jahren werden die Wetterkapriolen in der Sahelzone immer unberechenbarer. Monatelange Phasen völliger Trockenheit werden von sintflutartigen Regenfällen abgelöst. Inzwischen sollen mehr als 25 Millionen Menschen in der Region auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sein.

Nach Auffassung von Sylvie Galle vom westafrikanischen Klima-Institut „Amma-Catch“ legen die derzeitigen Niederschläge nahe, dass mit den „schlimmsten Voraussagen“ der Expertengruppe für den Klimaschutz zu rechnen sei. Auch für Wafa Essahli, Ex-Direktorin des Observatoriums für die Sahara und Sahelzone (OSS), gibt es keine Zweifel daran, dass die derzeitigen Unwetter mit dem Klimawandel zusammenhängen. Erschwerend komme allerdings hinzu, dass die Regierungen der Region nicht die nötigen Konsequenzen ergreifen.

„Auch in der Schweiz kommt es zu heftigen Regenfällen“, so Essahli: „Aber dort findet sich die Bevölkerung nicht dauernd mit Wasser in ihren Wohnzimmern wieder.“ Die Regierenden müssten dafür sorgen, dass die wachsende Bevölkerung nicht in Flussebenen siedle und die Wettervorhersagen und -warnungen zuverlässiger werden. Auch die Sturmwasser-Drainagen in Städten seien dringend zu verbessern. Dakar verabschiedete bereits vor acht Jahren ein 1,4 Milliarden US-Dollar umfassendes Programm zur Drainage des Regenwassers, das allerdings bis heute nicht umgesetzt wurde.

Das „International Water Management Institute“ erforscht derzeit Möglichkeiten, Flutwasser in natürlichen unterirdischen Reservoirs zu sammeln, um sie in Dürrezeiten anzapfen zu können. Auf diese Weise könne sowohl das Problem der Überschwemmungen wie des zunehmenden Wassermangels gelöst werden, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Instituts.

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