Junge Leute sollten grundsätzlich am Anfang auch mit ihrer Geldanlage flexibel bleiben. 
+
Junge Leute sollten grundsätzlich am Anfang auch mit ihrer Geldanlage flexibel bleiben. 

Finanzdienstleister

Kommerz statt Kolloquium: Fragwürdige Kooperationen an den Unis

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
    schließen

Mit teils fragwürdigen Methoden versuchen Finanzvertriebe an Hochschulen, ihre Produkte an Studierende zu verkaufen. Kritik prallt an den Unternehmen ab. Und auch viele Unis beschwichtigen.

Kyra Beninga ärgert sich über das Verhalten der Universität Frankfurt, das wird im Telefongespräch mit ihr sofort klar. Dass das Präsidium der Goethe-Universität die Kritik an der Kooperation mit dem Finanzdienstleister MLP so entschieden zurückgewiesen hat, kann die Asta-Vorsitzende nicht nachvollziehen. „Die Frage ist doch: Wird die Uni ihrem Anspruch, eine unabhängige Institution zu sein, noch gerecht? Unser Gefühl ist, dass Forschung und Lehre und wirtschaftliche Interessen immer stärker vermischt werden“, sagt sie. Es gebe eine Transformation hin zu einer Universität, die sich immer mehr an den Interessen von Unternehmen orientiere.

Der Hintergrund ihrer Kritik: Die Bürgerbewegung „Finanzwende“ unter der Leitung des ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick hat vergangene Woche an die Präsidentin der Goethe-Universität, Birgitta Wolff, appelliert, die Zusammenarbeit der Universität mit MLP zu beenden und den Finanzdienstleister vom Campus zu verbannen. „Finanzwende“ versucht seit längerem, die öffentliche Aufmerksamkeit dafür zu erhöhen, dass MLP mit teils fragwürdigen Methoden auf den Campus deutscher Hochschulen Kontaktdaten von Studierenden sammelt und ihnen Finanzprodukte verkauft, die Verbraucherschützern zufolge nicht immer passend und oft zu teuer sind. Das ist nicht nur ein Thema der Uni Frankfurt, sondern vieler Hochschulen. Und es ist sind auch andere Finanzvertriebe als MLP auf den Campus umtriebig – allerdings steht MLP ob seiner Größe besonders im Fokus.

Die Problematik ist seit langem bekannt, was sie aber nicht weniger aktuell macht. Denn geändert hat sich in den vergangenen Jahren wenig. Einfallstor in die Unis sind für Finanzvertriebe oft die Career Services – die Karrierezentren – der Universitäten, die Seminarangebote abseits des normalen Lehrplans machen. Und angesichts knapper Finanzmittel häufig nur allzu bereit sind, externen Unternehmen Raum zu geben. Was auch nicht unbedingt schlecht sein muss, ja sogar dem offiziellen Auftrag der Karrierezentren entspricht. Denn die sollen den Studierenden nicht nur Weiterbildungsangebote machen, sondern auch helfen, Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern aufzubauen. Kritisch wird es allerdings dann, wenn die Dozierenden die vermeintlich der Wissensvermittlung dienenden Seminare nutzen, um ihre Produkte an Mann oder Frau zu bringen.

MLP bietet über das Karrierezentrum der Uni Frankfurt im November beispielsweise Workshops zu „Gehaltsverhandlungen – Wie ich bekomme, was ich verdiene“ oder „Bewerbungstraining in Zeiten von Corona“ an, die Anmeldung läuft über die Uni-Seiten. „Warum MLP nicht einfach Kurse über die Wichtigkeit von Berufsunfähigkeitsversicherungen anbietet, bleibt ihr Geheimnis. Klar ist: Die Kurse dienen MLP zur Kontaktaufnahme und zur Anbahnung eines Verkaufsgesprächs“, kritisiert „Finanzwende“ in einer Stellungnahme.

Und tatsächlich steht die Frage im Raum, was einen Finanzvertriebler befähigt, etwa über Gehaltsverhandlungen zu dozieren? „Wir beraten Menschen bei all ihren finanziellen Fragen. Da gehören Gehaltsverhandlungen mit dazu“, sagt ein MLP-Sprecher. Wobei es im Finanzvertrieb ja eigentlich um passende Produkte und weniger um Strategien bei Gesprächen mit potenziellen Arbeitgebern geht. „Es steht fest, dass MLP das nicht aus Nächstenliebe macht. Das sind Grundlagenseminare, die Dozenten der Universität geben sollten“, betont Asta-Vorsitzende Kyra Beninga.

Was MLP und anderen Finanzvertrieben in den vergangenen Jahren – nicht nur von „Finanzwende“ – vorgeworfen wurde, ist, dass sie über die Seminare die Kontaktdaten der Studierenden abgreifen, um sie später für den Vertrieb ihrer Produkte zu kontaktieren. Der MLP-Sprecher betont zwar, dass etwa an der Uni Frankfurt die Studierenden explizit auf einem Fragebogen ankreuzen könnten, ob sie kontaktiert werden wollen oder nicht. Erzählungen von Studierenden an anderen betroffenen Universitäten legen aber nahe, dass viele von ihnen sich nach Belegung der kostenlosen Seminare verpflichtet fühlen, darauf mit „Ja“ zu antworten.

Zudem ist den Betroffenen die Verknüpfung von Lehre und kommerziellen Interessen oft nicht ausreichend klar. Was auch durchaus gewollt zu sein scheint: So führte der Leiter des MLP-Hochschulteams Frankfurt in seinem Lebenslauf im Internet den irreführenden Titel „Externer Dozent an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main“ – eine Bezeichnung, die vergangene Woche dann nach der Kritik von „Finanzwende“ von der Seite verschwand. „Wir als Unternehmen unterstützen die etwaige Verwendung eines solchen Titels nicht – aber im Einzelfall können wir so etwas bei den bundesweit mehr als 2000 für MLP tätigen Beratern natürlich auch nicht jederzeit ausschließen“, sagt der MLP-Sprecher dazu.

Markus Haubold, Vorstand beim Career Service Netzwerk Deutschland (CSND), einem Verband, der viele Karrierezentren deutscher Hochschulen vertritt, verweist auf mehrere schriftliche Empfehlungen seiner Organisation an die Mitglieder. „Die Career Services sollten nicht mit Unternehmen kooperieren, die Studierende vorrangig als Abnehmer von eigenen Produkten sehen. Das sollten sie auch in Verträgen mit den Unternehmen festhalten“, sagt er. Zudem sollten die Career Services die Studierenden vor den Seminaren ausreichend über mögliche kommerzielle Interessen der Partner aufklären, und betonen, dass es keine Verpflichtung gebe, sich anschließend in Kontaktlisten einzutragen. „Es gibt auch Career Services, die das Auslegen von Kontaktlisten schlichtweg verbieten. Und gelegentlich Mystery Shopper in die Seminare schicken, um die Qualität und Seriosität der Angebote zu überprüfen“, sagt Haubold.

Nicht nur über die Karrierezentren der Universitäten findet die Neukundensuche der diversen Finanzvertriebe statt. Sie laden die Studierenden etwa auch über Flyer, deren Versender nicht oder schwer zu erkennen ist, zu kostenlosen Essen sein, in deren Verlauf dann Produkte beworben und Kontaktdaten aufgenommen werden. Oder sie sammeln Kontaktinformationen, indem sie auf Hochschulveranstaltungen Fotografen zahlen und den Studierenden anbieten, ihnen Fotos kostenlos zu schicken, wie Henry Hess für eine umfassenden Bachelorarbeit zu dem Thema im Frühjahr 2019 recherchiert hat.

Die Studierenden sind eine wichtige Zielgruppe für MLP, daraus macht das Wieslocher Unternehmen auch kein Geheimnis. „Die Universitäten sind unser Wohnzimmer“, sagte ein MLP-Bereichsvorstand in einem Interview im Jahr 2017. Die Kernzielgruppen seien Studierende in den Bereichen Medizin, Betriebswirtschaft, Ingenieurwesen und Jura, sagte er – sicherlich, weil diese später die besten Gehaltsaussichten haben. Ende vergangenen Jahres hatte MLP laut Geschäftsbericht 76 Hochschulteams. Die Zahl der Berater im Hochschulsegment soll bis Ende 2022 von momentan etwa 330 auf 500 bis 600 steigen.

Auch im Internet ist MLP rege. Das Unternehmen hält 49 Prozent an der Dresdner Uniwunder GmbH, die eine sehr staatsmännisch und neutral klingende Online-Plattform mit dem Namen www.hochschulinitiative-deutschland.de betreibt. Auch dort können Studierende verschiedenste kostenlose Workshops wie Excelkurse, Finanz- und Steuerseminare buchen. Bis vor kurzem war allerdings bis nach Anmeldung nicht ersichtlich, dass MLP diese abhält. Das hat sich inzwischen geändert, allerdings wird MLP als „Partner“ und nicht als wichtiger Miteigentümer der Plattform ausgewiesen – wie sich überhaupt nirgends auf der Seite ein Hinweis darauf findet. Im Gespräch mit der FR erklärte ein Student der TU Hamburg-Harburg, er nehme MLP nicht auf seinem Campus wahr – was aber vielleicht auch daran liege, dass ja die Hochschulinitiative Deutschland inzwischen so viele kostenlose Seminare anbiete, es also eine neutrale Alternative für Studierende gebe. Dass MLP an der Initiative beteiligt ist, war ihm gänzlich unbekannt.

Dass Finanzvertriebe junge Menschen darauf aufmerksam machen, dass es gut sein kann, eine Berufsunfähigkeits- oder Haftpflichtversicherung zu haben, ist auch nicht grundsätzlich zu verurteilen. Die Frage ist allerdings, ob dies auf den Campus geschehen sollte, die viele Studierende als geschützten Raum betrachten, in dem sie sich arglos bewegen können. Zudem sind nicht nur die Methoden der Ansprache teils fragwürdig – die verkauften Produkte offenbar auch. „Bei uns schlagen massenhaft Fälle auf, wo Menschen im Studium Verträge abgeschlossen haben und wissen wollen, wie sie da wieder rauskommen – oder sich fragen, ob das vermittelte Produkt für sie das Richtige ist. Der Name MLP taucht dabei sehr oft auf“, sagt Kerstin Becker-Eiselen, Leiterin der Abteilung Geldanlage und Altersvorsorgeprodukte bei der Verbraucherzentrale Hamburg.

Sehr oft würden Finanzvertriebe jungen Leuten Kombiverträge verkaufen, beispielsweise eine gekoppelte Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung. „Davon raten wir ganz deutlich ab“, sagt Becker-Eiselen. „In Kombiprodukten sind oft hohe Kosten versteckt. Will man die Lebensversicherung kündigen, weil vielleicht das Geld nicht mehr reicht, hat man häufig plötzlich auch keinen Berufsunfähigkeitsschutz mehr.“ Die Verbraucherzentrale würde daher dazu raten, Geldanlageprodukte und Risikoversicherungen immer separat voneinander abzuschließen.

Becker-Eiselen gibt jungen Leuten noch einen weiteren Ratschlag: „Lasst euch nicht verrückt machen“, sagt sie. Die Finanzvertriebe würden den Studentinnen und Studenten oft einreden, dass sie alle möglichen Geldanlageprodukte sofort kaufen müssten, um für das hohe Alter abgesichert zu sein. „Man muss nicht mit 20 an die Rente denken. Geld kann man beiseitelegen, wenn man welches hat – und das gilt für Studenten meistens noch nicht. Sie benötigen erst einmal eine Risikoabsicherung, wie eine Haftpflicht- und eine Berufsunfähigkeitsversicherung“, erklärt die Verbraucherschützerin.

Junge Leute sollten grundsätzlich am Anfang auch mit ihrer Geldanlage flexibel bleiben. Ein 30, 40 Jahre oder noch länger laufender Vertrag – wie eine Lebens- und Rentenversicherung – sei häufig nur mit Verlust zu beenden, warnt Becker-Eiselen. Mit Mitte 20 wisse man einfach nicht, wo die Reise des Lebens hingehe. Zudem sollten sich Studierende immer ausgiebig informieren, bevor sie ihre Unterschrift unter einen Vertrag setzen. Auch die Verbraucherzentralen würden relativ günstige Beratungen und oft auch kostenlose oder kostengünstige Vorträge anbieten.

Zurück zur Goethe-Universität in Frankfurt. Nachdem die Bürgerbewegung „Finanzwende“ den Appell zur Beendigung der Kooperation mit MLP veröffentlicht hatte, reagierte das Präsidium der Hochschule relativ scharf. Die Uni verstehe „sich als Teil der Bürgergesellschaft. Dazu gehören auch Kooperationen mit externen Partnern wie Verbänden, Gesellschaften, Stiftungen, Vereinen und Unternehmen“, hieß es in einer Pressemitteilung. Bei jeder dieser Kooperationen werde geprüft, ob diese mit dem Leitbild der Universität und dem Stifterkodex zu vereinbaren sei. MLP respektiere die universitären Complianceregeln. „Nach Prüfung der von Finanzwende erhobenen Vorwürfe sieht das Präsidium daher keinerlei Veranlassung, die Zusammenarbeit mit MLP unter den bisherigen Voraussetzungen zu beenden.“ MLP erklärte in einer Stellungnahme, die Vorwürfe „der selbsternannten Bürgerbewegung“ seien „kalter Kaffee“ und hob – wie auch die Uni-Leitung – die positiven Studentenbewertungen für die in Frankfurt abgehaltenen Seminare hervor.

Kalt ist der Kaffee allerdings nicht. Und es ist erstaunlich, dass die Universität Frankfurt die zahlreichen, meist auch gut belegten Kritikpunkte von „Finanzwende“ an MLP in ihrer Pressemitteilung als „polemisch zugespitzte Falschbehauptungen, Spekulationen und Unwahrheiten“ abtut. Denn einige andere Universitäten haben schon vor längerer Zeit reagiert. So teilte die Pressestelle der Freien Universität Berlin, an der früher vereinzelt MLP-Veranstaltungen stattfanden, auf Anfrage mit: „Nach Beschwerden über Auftreten und Geschäftspraktiken der MLP-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeiter hat vor einigen Jahren das damalige Präsidium der Freien Universität beschlossen, dass keine derartigen Veranstaltungen an der Freien Universität in Kooperation mit MLP durchgeführt werden. Alle Einrichtungen der Hochschule wurden gebeten, auf eine Zusammenarbeit zu verzichten.“

An der Hochschule Heilbronn gibt es seit einigen Jahren ein Campusverbot für MLP. Der Fachschaftsrat der gewerblich-technischen Wissenschaften (GTW) an der Technischen Universität Hamburg-Harburg warnte die Studierenden in der Vergangenheit wiederholt über seine Homepage: „Die Ware seid nicht nur ihr und eure Daten. Es geht darum, dass euch MLP nach den Seminaren, mit übrigens zum Teil sehr fragwürdigen Inhalten – wir haben es selbst getestet! –, meist zu persönlichen ‚Beratungsgesprächen‘ einlädt. Dort werden euch dann Versicherungen, Finanzanlagen und neue Konten empfohlen. Seid aufmerksam und fallt darauf nicht herein. MLP-Seminare fallen uns leider außerdem immer wieder durch zwielichtige Werbemaßnahmen auf.“

Auch der Studentenrat der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden beschloss 2017, dass er nicht mit MLP kooperiert und sich darum bemüht, dass die Hochschule jegliche Zusammenarbeit mit dem Finanzdienstleister einstellt – was allerdings „nach einer kritischen Auseinandersetzung und einem persönlichen Gespräch mit MLP“ für nicht nötig befunden wurde, wie es aus dem Career Service dort heißt.

Im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Bremen wurde die Zusammenarbeit mit MLP wegen fragwürdiger Vorfälle in der Vergangenheit zwischenzeitlich unterbrochen. Mittlerweile stehe die Kooperation jedoch auf neuen Füßen, heißt es aus der Pressestelle der Uni Bremen. „Der Fachbereich berichtet, dass die Zusammenarbeit bislang gut läuft, beobachtet dies aber sehr genau. Die Mitarbeitenden haben stets einen kritischen Blick darauf, dass es keine Datensammlung von MLP gibt und halten diesbezüglich Rücksprache mit den MLP-Mitarbeitenden, die an die Universität kommen.“

Die Frankfurter Asta-Vorsitzende Kyra Beninga jedenfalls hat Fragen an die Führung ihrer Universität. „Die Antwort der Uni auf die Kritikpunkte von Finanzwende ist unbefriedigend“, sagt sie. Der Asta werde das Thema aufgreifen und das Gespräch mit der Uni-Führung suchen. „Wir wollen wissen, welche Kontrollmechanismen es gibt, um die Studierenden davor zu schützen, dass sie im Nachlauf der Seminare von MLP abgezockt werden.“ Und außerdem gehe es darum, „wie sichergestellt wird, dass die Kontaktdaten nicht für Geschäftszwecke missbraucht werden“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare