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Mancher Tourist begnügt sich nicht mit einem Foto und ritzt auch noch seine Initialen in die Mauern des Kolosseums in Rom.

Italien

Sie kommen in Scharen und ohne Manieren

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Italien ärgert sich über Touristen, die nackt in Brunnen und Kanälen baden oder Altertümer verschandeln. Venedig hat bereits Gebote gegen unzivilisiertes Verhalten erlassen und Fast Food aus der Stadt verbannt.

Erst kürzlich wieder wollte eine 25 Jahre alte Dänin die berühmte „Dolce Vita“-Szene mit Anita Ekberg nachstellen und stieg in Unterhose in den römischen Trevi-Brunnen. Mitte April hatte ein nackter Schwimmer unter dem Gejohle Hunderter Schaulustiger seine Bahnen in Berninis fünfzig Meter breitem Barockbrunnen gezogen, bevor ihn ein Polizist behelligte. Andere Touristen klettern auf den marmornen Meeresfabelwesen und Göttern herum, als seien sie im Vergnügungspark. Geldbußen um die 500 Euro schrecken sie nicht. Auch am Kolosseum werden immer wieder Leute ertappt, die ihre Initialen in die jahrtausendealten Gemäuer ritzen. Ein Russe wurde dafür zur bisherigen Rekordstrafe verurteilt: 20.000 Euro.

Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi will jetzt durchsetzen, dass sich Touristen künftig nicht mehr am Trevi-Brunnen aufhalten, sondern nur noch einen flüchtigen Blick im Vorbeilaufen darauf werfen dürfen. Sie habe zu wenige Polizisten, um das gerade erst für mehr als zwei Millionen Euro restaurierte Kulturdenkmal zu schützen, sagte sie vergangene Woche in einer Fernseh-Debatte. Seit geraumer Zeit schon wird in Italien darüber diskutiert, wie man dem Massentourismus und seinen Auswüchsen Einhalt gebieten kann – in Rom, in Venedig und Florenz oder im ligurischen Küstenidyll der Cinque Terre. Denn nicht nur Vandalismus und Respektlosigkeit schaden Italiens Attraktionen. Sie drohen unter dem Ansturm zu ersticken.

Der Platz vor dem römischen Trevi-Brunnen ist ständig bis spät in die Nacht lautstark belagert, rundum gibt es kaum noch normale Bewohner und Geschäfte.

Auch auf dem florentinischen Ponte Vecchio ist im Touristenstau kein Durchkommen mehr. Venedig verkommt zu einem Disneyland, in dem es nur noch Miniaturgondeln, kitschige Karnevalsmasken und Fast Food zu kaufen gibt. Der Menschenstrom, der sich Tag für Tag durch die engen Gassen zwischen Bahnhof Santa Lucia und Markusplatz schiebt, gleicht einer Invasion. Horden picknicken auf den Stufen von Brücken, Kirchen und auf Plätzen und lassen Plastikflaschen und Pizzareste zurück. Viele Venezianer sind aufs Festland geflohen, touristenfeindliche Proteste häufen sich. Auch die Unesco ist alarmiert und drohte damit, Venedig in die Liste der bedrohten Kulturerbe-Stätten aufzunehmen.

Erste Maßnahmen hat die Stadt nun beschlossen. Fast-Food-Läden werden aus Venedig verbannt, das betrifft Pizza zum Mitnehmen ebenso wie Kebab und Hamburger. Neue Läden dürfen nur noch Regionales anbieten. Cicchetti etwa, venezianische Tapas, oder Polenta mit Stockfisch, sagt die für Tourismus zuständige Stadträtin Paola Mar am Telefon. „Wir dürfen unsere Identität nicht verlieren und müssen den Leuten den wahren Geist von Venedig nahebringen.“ Auch in Florenz dürfen im historischen Zentrum nur noch toskanische Produkte verkauft werden.

In Venedig werden zudem ab Ende Juni hundert zusätzliche Polizisten dafür sorgen, dass sich die Besucher zivilisiert verhalten. In den sozialen Netzwerken informiert #WelcomeToVenice darüber, was unerwünscht ist: In die Kanäle springen etwa, mit nacktem Oberkörper durch die Stadt laufen, Tauben füttern, skaten, Fahrrad fahren. Die Bußgelder werden erhöht. Wer in die Ecke pinkelt, zahlt 3000 Euro. Essen und Trinken auf der Straße soll nur noch an ausgewiesenen Stellen erlaubt sein.

Auch lässt die Stadt Personenzähler installieren. Entweder müssen Besucher demnächst Drehkreuze passieren oder sie werden elektronisch gezählt, anhand ihrer Smartphones, sagt Stadträtin Mar. Bisher besagen Schätzungen, dass pro Jahr fast 30 Millionen Touristen kommen. Zu Biennale-Wochenenden oder wenn im August der Himmel bewölkt ist und die Adria-Strandurlauber einfallen, sind es mehr als 150.000 täglich – fast drei Mal so viele wie Venedig Einwohner hat.

Künftig werden vor solchen Spitzentagen im Internet Warnungen ausgeben, sagt Mar. Damit die Leute wissen, dass es besser wäre, den Besuch zu verschieben oder sich zumindest andere Viertel als San Marco anzuschauen. „Die Touristen müssen sich stärker in der Stadt verteilen“, sagt Mar.

Ein Berater der Stadtverwaltung hat vorgeschlagen, einen Numerus Clausus von 65.000 Touristen pro Tag einzuführen und für den Markusplatz Tickets zum Preis von fünf Euro auszugeben. Doch das lehnt nicht nur Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro ab. Auch der italienische Kulturminister Dario Franceschini sagt: „Man kann keine Eintrittskarte verkaufen für eine Altstadt oder einen Platz. Städte müssen offen und frei bleiben.“ Aber die Debatte ist damit sicher nicht beendet.

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