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Gemütlich: Die freundliche Hamburger Praxis führt Ueberschär gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin.

Hamburg

Berührungen und Nähe - Kuscheltherapien sind in

In ihrer Praxis bietet Kuscheltherapeutin Alexandra Ueberschär Berührungen und Nähe. Ohnehin herrscht in Deutschland ein regelrechter Schmusehype. Ein Selbstversuch von Michael Althaus.

Ich bin ein bisschen aufgeregt, als ich den hellen Raum mit großem Fenster betrete. „Fühl dich umarmt“, steht auf einer Postkarte im Regal. Auf dem Boden liegt ein weißer, flauschiger Teppich. Wie verabredet, trage ich Jogginghose und Kapuzenpulli. Zu meiner Erleichterung führt mich Alexandra nicht gleich zu dem Sofa, das im hinteren Teil des Raumes steht. Stattdessen bietet sie mir zunächst einen Platz an einem kleinen Tisch an.

Alexandra Ueberschär ist „Kuscheltherapeutin“. Mit einer Partnerin betreibt die 42-Jährige seit kurzem in Hamburg eine Praxis, in der sie gegen Bezahlung körperliche Nähe anbietet – ohne sexuelle Hintergedanken. Ich will ausprobieren, wie es sich anfühlt, mit einer wildfremden Person zu kuscheln. Alexandra ist mir auf den ersten Blick sympathisch. Sie hat eine ruhige Stimme, wählt ihre Worte mit Bedacht und schaut mich mit wachen Augen an, während sie mit mir redet.

In einem Vorgespräch erzähle ich ihr, dass ich frisch verheiratet bin, häufig mit meiner Frau kuschele und mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe eigentlich befriedigt ist. Schlechte Voraussetzungen für eine Kuschelsitzung, aber wir wollen es versuchen.

Kuscheln: Sexuelle Handlungen sind tabu

Bevor es losgeht, muss ich unterschreiben, dass sexuelle Handlungen tabu sind. Jetzt darf ich mich auf das Sofa legen. Alexandra – verheiratet und zweifache Mutter – kniet sich auf den Boden und nimmt meine Hand. Sie bittet mich, die Augen zu schließen.

„Wie fühlt sich das an?“, fragt sie. „Gut“, antworte ich und atme tief durch. Nach einigen Minuten legt die Therapeutin ihre zweite Hand auf meinen Handrücken, um sie dann langsam auf meinem Arm immer weiter nach oben wandern zu lassen. Alexandra mag die „Welt der Psychologie und Selbsterfahrung“, wie sie es selbst ausdrückt, und war viele Jahre lang als Coach tätig.

Entspannend: Studien belegen die positive Wirkung.

Worte waren damals ihr wichtigstes Instrument. „Aber ich hatte immer wieder das Gefühl, dass meine Kunden auch körperliche Begleitung brauchten“, sagt sie. Die Hamburgerin begann, mit einem ihrer Klienten auch zu kuscheln. „Ich spürte plötzlich, dass ich ihm auch ohne Worte etwas geben konnte. Das war wie ein Heureka für mich.“ Damit begann Alexandras Karriere als professionelle Kuschlerin.

Zunächst bot sie als Einzelkämpferin Berührungen ohne sexuellen Kontext an – bei sich oder bei ihren Kundinnen und Kunden zu Hause. Als sie durch Zufall von der Idee ihrer heutigen Partnerin Alicja Behrens hörte, eine stationäre Kuschelpraxis zu eröffnen, nahm sie Kontakt auf. Gemeinsam gingen die beiden Frauen im Oktober an den Start. Sie haben drei weitere Mitarbeiter und bilden auch andere Menschen zu „Kuscheltherapeuten“ aus.

Studien belegen die positive Wirkung des Kuschelns

Als Alexandra nach einiger Zeit merkt, dass mir ihre Nähe gar nichts ausmacht, steigert sie die Kuschelintensität. Sie setzt sich auf das Sofa und bittet mich, zwischen ihren ausgestreckten Beinen Platz zu nehmen. Ich lehne mich mit meinem Rücken an sie. Ich spüre die Wärme ihres Körpers und ihre weiche Wange an meinem Kopf.

Aktuell herrscht in ganz Deutschland ein wahrer Kuschel-Hype. Privatleute organisieren vielerorts sogenannte Kuschelpartys, bei denen sich Gleichgesinnte zum Schmusen nach festen Regeln treffen. Immer mehr professionelle Berührerinnen und Berührer bieten ihre Dienste auch gegen Geld an.

Auf dem Internetportal „Die Kuschel Kiste“ sind beispielsweise über 40 Anbieterinnen und Anbieter aus Städten im gesamten deutschen Sprachraum vertreten. Alexandra und ihre Partnerin wollen sich bewusst vom übrigen Markt abgrenzen, indem sie den therapeutischen Charakter ihres Angebots hervorheben.

Tatsächlich belegen Studien die positive Wirkung des Kuschelns. „Berührungen führen zu einer Fülle von biochemischen Reaktionen“, sagt der Psychologe und Leiter des Haptik-Labors an der Uni Leipzig, Martin Grunwald. Folgen seien etwa weniger Angst, weniger Stress und Glücksgefühle, wie er es in seinem Buch „Homo hapticus“ beschreibt.

Kuscheln: Die meisten sind Singles

Außerdem entspannt sich die Muskulatur, der Blutdruck sinkt, die Herzfrequenz nimmt ab. Sogar das Immunsystem wird gestärkt. „Durch Berührungsreize wird eine hauseigene Apotheke geöffnet“, so Grunwald. Auf das Ausbleiben von Berührungen reagiere jeder Mensch unterschiedlich. Im schlimmsten Fall könne es aber zu Depressionen, körperlichen Fehlfunktionen und psychischen Störungen führen.

Spannend: Viele Patienten sind erst mal aufgeregt.

Die Menschen, die Alexandra in der Praxis besuchen, leiden fast alle unter Einsamkeit. Es kommen Senioren, die keine Angehörigen mehr haben, Business-Frauen, die mal Schwäche zeigen möchten, Trauernde, die den Verlust eines lieben Menschen verarbeiten möchten. Auch Ende 20-Jährige waren schon da, Berufseinsteiger, die in einer neuen Stadt weit weg von ihrer Familie leben.

Einmal, erzählt Alexandra, sei ein junger Mann gekommen, der nie eine feste Beziehung hatte. „Der wollte einfach mal ausprobieren, wie es ist, eine Frau im Arm zu haben.“ Gelegentlich sind Verheiratete unter den Besuchern, etwa pflegende Angehörige. Die meisten sind aber Singles. Die Klienten sind häufig aufgeregt, vor ihrem Besuch. „Einer hat mal so gezittert, dass er seine Einverständniserklärung nicht unterschreiben konnte“, sagt Alexandra.

Meist lege sich die Aufregung nach dem Vorgespräch. Auch die Berührung wirke meistens beruhigend. Abgebrochen habe die Sitzung noch niemand. 80 Euro kostet eine einstündige Einheit – etwa genauso viel wie eine Massage oder eine Behandlung beim Physiotherapeuten. Alexandra tastet sich bei ihren Kunden langsam vor. Höchste Stufe der Berührung ist das gemeinsame Liegen in Löffelchen-Stellung.

Kuscheln: Erregung lässt sich nicht immer vermeiden

Sexuelle Erregung lässt sich bei dieser extremen Nähe nicht immer vermeiden. Es komme durchaus vor, dass Männer mal eine Erektion bekommen, so die Profi-Kuschlerin. „Aber das ist nicht schlimm und geht bald wieder vorüber.“ Meist helfe ein Positionswechsel. Annäherungsversuche habe es bislang nie gegeben. Ihr selbst wurde es einmal zu viel, als ein Patient sie bat, seine Brust zu streicheln. Sie lehnte ab mit den Worten: „Das ist mir jetzt zu schmusig.“

Psychologe Grunwald findet die Idee einer solchen Kuschelpraxis grundsätzlich gut. „Es scheint zu helfen. Und wer hilft hat Recht“, argumentiert er. Beim physischen Kontakt handele es sich um ein uraltes Heilmittel. Nebenwirkungen seien nicht zu befürchten. Auch die körperliche Nähe zu einer fremden Person beeinträchtige den positiven Effekt nicht. Er setze lediglich etwas langsamer ein als beim Kuscheln mit einem vertrauten Menschen.

Für mich selbst war die etwa 30-minütige Kuschelsitzung mit Alexandra angenehm und zugleich merkwürdig. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass hinter mir eine Frau sitzt, die ich nicht kenne. Aber ich kann mir vorstellen, dass die Berührung anderen Patienten durchaus helfen kann. „Der Bedarf an solchen Angeboten lässt darauf schließen, dass unsere Kultur eine ganze Reihe einsamer Menschen produziert“, sagt Martin Grunwald und gibt zu bedenken: „Eigentlich ist das ein trauriges Signal.“

Erstrebenswert sei weiterhin, reale Kontakte zu knüpfen und auf diese Weise das Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu befriedigen. „Offenbar ist unsere Spezies noch nicht clever genug, um den analogen Wert des anderen Menschen zu erkennen und starrt lieber auf Handys und Computer.“ Da stimmt Alexandra Ueberschär zu: „Am schönsten wäre es, wenn wir tiefe, ehrliche Beziehungen pflegen würden, die auch körperliche Nähe erlauben.“ Und was würde dann aus der „Kuscheltherapeutin“? „Dann suche ich mir einen anderen Job“, sagt sie.

Michael Althaus

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