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Seid ihr groß geworden: Klassentreffen in Frankfurt, oben: David, Nadina, Adriana, Thomasstillbauer. Mitte: Megi, Frau Mußmann. Unten: Samantha, Svenja, Lukas – ungefähr an gleicher Stelle wie auf dem Bild von 2001.
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Seid ihr groß geworden: Klassentreffen in Frankfurt, oben: David, Nadina, Adriana, Thomasstillbauer. Mitte: Megi, Frau Mußmann. Unten: Samantha, Svenja, Lukas – ungefähr an gleicher Stelle wie auf dem Bild von 2001.

FR-Kolumne „Neues aus der 1b“

Die 1b ist wieder da-ha

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Was macht eigentlich unsere Grundschulklasse – 20 Jahre nach der FR-Kolumne? Der größte ABC-Schütze der Welt hat sie wiedergetroffen

Wir waren erste Klasse. Megi und David, Samantha und Lukas, Svenja und Aljoscha, Doris und Hrvoje, Adriana, Nadina, Haldun, Ken, Nenad, Simon, Jörg, Raghini, Jakob, Nico, Daniel, Kristian, Eleni, Tommy – wir alle gingen in die Klasse 1b. Ein turbulenter Haufen Sechsjähriger aus Frankfurt. Und einer, der schon 37 war, von allen Thomasstillbauer genannt, in einem Wort. Der größte Erstklässler der Welt.

Von den Abenteuern der Schwarzburgschulenkinder war zwei Jahre lang jeden Samstag in der Frankfurter Rundschau zu lesen. Zum Beispiel machten sie einen Ausflug in die Kirche (Hrvoje: „Wer ist der Mann? Da an der Wand, mit dem Kreuz?“), fuhren in einen Freizeitpark („Aljoscha: Du glaubst, es ist echt. Dann muss man ein blaues Ding fangen, und dann hat man die Welt gerettet“), bewältigten eine europäische Währungsunion (Ken: „Man muss das Doppelte bezahlen und hat fünf Mark weniger in der Tasche“) und sahen eine Fata Morgana. Was ist eine Fata Morgana? Svenja: „So Wasser.“

Nebenbei lernten wir lesen. Und schreiben. Viele von uns können es sogar heute noch, wie sich beim Klassentreffen herausstellt. Dabei ist unsere Einschulung 20 Jahre her. 20. Nicht zu fassen.

Klassenlehrerin Frau Mußmann darf natürlich nicht fehlen

Zum Treffpunkt kommt zuerst Frau Mußmann, unsere Klassenlehrerin. Sie hat sich kein bisschen verändert, behauptet, jetzt plötzlich 78 zu sein, und macht 10 000 Schritte am Tag. Frau Mußmann war es im Jahr 2001 zu verdanken, dass ein Mensch mit 37 noch einmal in die Grundschule gehen konnte. Während das Schulamt wochenlang herumzackerte, lud sie mich umstandslos zur Einschulung ein, fragte die versammelten Eltern, ob das in Ordnung sei (es gab Applaus in der Aula!), fertig. Meine Mama brachte mich in die Schule. Alle sangen den Song „Wir Schwarzburgschulenkinder, wie sind da-ha-ha“. Es war der größte Tag in meinem Leben. Ich war einen Meter riesiger als alle anderen.

Und jetzt? Das sind ja alles erwachsene Menschen! Da kommt Samantha. Sie wollte, als wir uns das letzte Mal sahen, Schauspielerin werden oder Bürgermeisterin, und sie plante, auf jeden Fall besser Bayerisch zu lernen. Das war 2005, Samantha war zehn und blond. Seither war sie ein Austauschjahr lang in England, nach dem Abi ein paar Monate in Südamerika, hat Übersetzungswissenschaften in Heidelberg studiert, fast ein Jahr in Dublin gewohnt, dort als Academic Coordinator und als Englischlehrerin gearbeitet. Zurzeit macht sie ihren Master in Intercultural Communication in Utrecht, engagiert sich für die Integration von Geflüchteten im deutschen und niederländischen Bildungssystem, ist eher zufällig gerade in Frankfurt und eindeutig brünett, was ihren Angaben zufolge ganz von allein geschah.

Oder Adriana. Sie plante einst eine Karriere als Tierärztin und studiert jetzt Philosophie. Oder Svenja: Berufsplan Lehrerin – jetzt Ernährungswissenschaftlerin. In die Forschung wollte auch Grundschülerin Nadina, entschied sich aber inzwischen für Steuerberatung. „Eeecht?“, grinsen die Klassenkameradinnen über den Tisch. Und Megi? Wollte damals Innenausstatterin werden („Eeecht?“) und studiert jetzt Jura.

Aljoscha wollte „Meerespilot“ werden - hat fast geklappt

Die jungen Damen, muss man sagen, sind pünktlicher als die Herren. Im Einzelfall ist das entschuldbar. Aljoscha etwa, der einst für Aufruhr in der Klasse sorgte, weil er Klänge aus einem Arbeitsblatt vernahm („Leise! Die Schultüten singen!“) wohnt jetzt 500 Kilometer entfernt, grüßt per E-Mail und hat das Buch zur FR-Serie, „Neues aus der 1b“, immer noch „stolz bei mir im Schrank zwischen ,The Big 5 For Life‘ und Frank Thelens ,10x DNA‘“. Er wollte damals Meeresbiologe werden („Meerespilot“ ging nicht). Klingt, als wäre er nah dran.

Simon (Berufsziel einst: Zoologe) schreibt, dass er Humangeographie und Englisch studiert hat, nebenbei im Musikclub Zoom jobbte und gerade seinen Master in Urbanistik macht – in Brüssel. Ja, wir Schwarzburgschulenkinder sind internationa-ha-hal. Doris hat Soziale Arbeit studiert, als Bewährungshelferin gearbeitet und betreut Grundschulkinder. Haldun studiert Physik. Und Hrvoje (Plan: Profi-Fußballer), der tragischerweise am Abend des Klassentreffens keine Zeit hat, ist Elektroingenieur bei der Deutschen Bahn. Jörg (Berufsziel: Konstrukteur langer Flugzeuge) kann auch nicht. Er muss arbeiten. Im Krankenhaus. Als Arzt.

Lukas ist Beleuchter beim Film geworden - statt Erfinder

Sagenhaft. Machen wir ein aktuelles Klassenfoto, auch wenn wir leider nicht alle Ehemaligen zusammenkriegen. Wo bleibt eigentlich David? Mal anrufen. David: „Ups – drei Minuten!“ Nach zweieinhalb Minuten ist er da. „Ich bin größer als du!“ Stimmt. Den größten Erstklässler der Welt überragt er deutlich. Auch in der Breite. Während wir scherzen, kommt noch einer geschlurft: Lukas (damals Luki). Er wollte Erfinder werden – und wurde Beleuchter beim Film. David, das wissen alle noch, hatte den spektakulären Plan: Tornadojäger. Na, und heute? Nicht ganz. Er hat studiert, als Integrationshelfer gearbeitet und ist Notfallsanitäter, nächstes Ziel: Arzt. Da haben die Tornados nochmal Glück gehabt.

Jetzt unbedingt in Erinnerungen schwelgen. „Haben wir nicht mal unsere Haustiere in die Schule mitgebracht?“, fragt Samantha. „Jaaa!“ David: „Ich hab meinen verdammten Wellensittich dabeigehabt!“ Adriana: „Ich mein Meerschweinchen!“ Der weltgrößte Erstklässler hatte mal wieder nichts dabei. So lief das immer. Alle besaßen die tollste Ausrüstung. Ich stopfte sieben Paar Socken in die Schultüte (Aljoscha: „Sohohohocken?“), und hatte ich endlich den blauen Schnellhefter, hatten die anderen schon den roten. Dumm gelaufen, wenn man nur die erste Schulwoche komplett mitmacht und danach immer montags die erste Stunde. Da lernen andere Erstklässlerinnen und Erstklässler, die nicht noch nebenher bei einer Zeitung arbeiten müssen, natürlich viel mehr.

FR-Reporter Thomas Stillbauer besuchte von August 2001 bis Juli 2003 noch einmal die Grundschule. Daraus entstanden eine Serie in der Zeitung und dann ein Buch: „Neues aus der 1b“ (S.Fischer).

Frau Mußmann erinnert sich besonders an die Episode, als Hrvoje auf der Klassenfahrt zur Ronneburg die Elektrik im Raum durch beherzten Zugriff neu arrangierte. Angehender Elektroingenieur halt. Oder wie die Schulzahnärztin in die Klasse kam und eine Puppe dabeihatte, die aussah wie eine Hexe. David: „Ich hatte Alpträume davon.“ Simon brachte mal ein Buch mit, das hieß … „Oberschnüffler Oswald“, platzt es aus Erinnerungskönigin Adriana, die praktisch alles noch weiß. „Das war ein Hund, und der war Detektiv.“ Samantha: „Ein Schaf hatte einen Menschen als Haustier.“ Wochenlang gruben junge Verschwörer in den Pausen an einem Tunnel, der in den Schulkeller führen sollte. David: „Einer stand Schmiere.“ Das aufregende Unterfangen endete vermutlich nach einem Grabungsfortschritt von einem halben Meter. Genau weiß man’s nicht mehr.

Etwas Zauberhaftes geschieht beim Klassentreffen. Während die Sonne untergeht, sind alle für einen Moment wieder die Sechsjährigen von damals – Grundschulkinder, die staunen und lachen. Sie waren Kinder, deren Schulalltag zum ersten Mal den Erwachsenen bekannt wurde. Kleine Berühmtheiten, weil sie samstags in der FR auftraten und sogar im Fernsehen zu sehen waren, in einem Kulturbeitrag des Hessischen Rundfunks. Auch 20 Jahre später wird der einst größte Erstklässler der Welt immer noch auf die Serie von damals angesprochen. Es ist, als wären die Schwarzburgschulenkinder auch ein bisschen die Kinder der FR-Leserinnen und -Leser.

Sie ließen die vielen Fans teilhaben an ihren Gedanken über die Anschläge vom 11. September 2001, die sie früh im ersten Schuljahr verarbeiten mussten, genau wie die Umstellung auf den Euro, wo sie doch gerade erst mit Geld umgehen lernten. Ein Junge, Ken, erkrankte schwer und überstand die harte Zeit heldenhaft tapfer. Den Riesenerstklässler nahmen alle mit einer Gelassenheit und einer Kameradschaft auf, als wäre es völlig normal, dass da ein 37-Jähriger sitzt. Sie waren ja zum ersten Mal Erstklässler. Sie kannten sich nicht aus. Es hätte ja sein können, dass in jeder Schulklasse auch ein 37-Jähriger sitzt, zwei 60- und vier 77-Jährige, wer wusste das schon. Ich bekam Geburtstagsbilder gemalt. Und Einladungen zu Geburtstagsfeiern für Thomasstillbauer (in einem Wort). Unvergessliche Freundschaftsbeweise, bis heute wie Schätze gehütet.

Dort, wo sie einst Fußball spielten, lag eine Weltkriegsbombe!

„Wir saßen auf einem Pulverfass!“ Frau Mußmann ist immer noch entsetzt. Gleich neben der Schwarzburgschule wurde unlängst eine Weltkriegsbombe gesprengt. „Es hätte ja damals genügt, mit einem Fußball … ihr habt da immer gespielt!“ Es ist noch einmal gutgegangen. David: „Wir waren in einer Dino-Ausstellung, und das hat mich geprägt.“ Megi: „Boah, das war laaaangweilig!“ Aber sie kann heute noch die schwierigsten Sauriernamen auswendig. Sage niemand, wir Schwarzburgschulenkinder hätten nichts gelernt. Frau Mußmann: „Wir waren auch im Zoo bei den Gorillas, der Vater war uralt, und der hat seine langen roten Haare immer … – alle: „Orang-Uuutaaan!“ Samantha: „Und wir haben den Fahrradführerschein gemacht.“ Megi: „Wir waren so aufgeregt – als ob man nie mehr Fahrrad fahren dürfte, wenn man da durchfällt.“

Mal unter uns: Wie war Frau Mußmann so, als Lehrerin? David: „Ich würde sagen: herzlich streng. So dass man Angst hatte, Scheiße zu bauen, aber sich immer gefreut hat, sie zu sehen.“ Frau Mußmann hatte eine Kette am Handgelenk, fällt Svenja ein, „und die hat immer auf dem Tisch geklackert, wenn Sie in unseren Heften viel radieren mussten“. Alle: „Jaaa!“ Megi: „Man wusste, wie wütend Sie dann waren.“ Die Lehrerin kichert. Alle kichern mit.

Und wann sehen wir uns wieder? In fünf Jahren, ganz bestimmt

Kinder hat niemand von den 26-Jährigen, die zum Klassentreffen gekommen sind. Lukas ist sechs Mal umgezogen seit der Schulzeit. Er muss sich langsam verabschieden, sagt er, „morgen früh um acht geht’s nach Schweden“. Urlaub? „Nee, Äpfel ernten.“ Allgemeines Oh und Ui. Sein Cousin hat eine Apfelfarm bei Malmö. Da arbeitet Lukas für ein paar Monate. Die Filmbeleuchtung muss solange warten. Es wird ohnehin nicht mehr so viel gefilmt.

Zwölf Kinder aus der 1b sind 2005 nach der Schwarzburgschule aufs Gymnasium gewechselt, sieben auf Gesamt-, drei auf Haupt- oder Realschulen. „Wir wissen schon sehr viel“, sagte David als Viertklässler damals der Frankfurter Rundschau. Aber es könne nicht schaden, noch ein bisschen mehr zu lernen. Ken: „Irgendwann ist man sonst dumm.“

Spätestens in fünf Jahren wollen wir uns wiedertreffen, dann auch per Videokonferenz, damit alle dabei sein können. Dann sind wir Schwarzburgschulenkinder wieder da-ha-ha.

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