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Retter des Riesen: Baustellen-Leiter Ronald Börner kümmert sich um das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig.

Völkerschlachtdenkmal

Der Koloss von Leipzig

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Düster und pathetisch, so fanden viele Besucher das Völkerschlachtdenkmal. Zum 100. Geburtstag wird es saniert – und ein wenig von seiner wechselhaften Geschichte befreit.

Der Mann in der hellen Latzhose richtete den Schlauch auf die dunkle, schroffe Mauer, warf mit einem Knopfdruck die Pumpe an, und aus der Düse spritzte seicht ein feiner Schlamm auf die schwarze Haut des Monstrums. Ronald Börner stand daneben und ahnte, dass nun doch noch alles gut werden könnte.

Es ist ein sonniger Julimorgen, acht Jahre später. Ronald Börner ist inzwischen der Bauleiter der Sanierung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals und gerade 60 Jahre alt geworden. Er weiß, dass die Komplettrestaurierung nicht mehr bis 2013 zu schaffen ist, wenn die Feiern zum 100. Geburtstag anstehen. Der Park, der das Denkmal umgibt, ist zugewuchert, die Wege bröckeln, im „See der Tränen“, dem Bassin am Fuß des Denkmals, wächst Schilf. Der erhabene Eindruck, den das Monument zwischen Wiesen und Laubwald auf alten Postkarten ausstrahlt, ist dahin. Für das alles werden Zeit und Geld nicht reichen.

Börner, ein großer, stämmiger Mann mit ergrautem Vollbart, lächelt trotzdem, wenn er Besucher über die Baustelle führt. Die Suche nach immer neuen Spezialfirmen für Grob- und Detailarbeiten, die ewigen Kämpfe mit Politikern, Geldgebern, Denkmalsamt, Künstlern, auch den Hausherren vom Stadtmuseum: Er findet, es hat sich gelohnt. „Vor 15 Jahren hätte keiner gewettet, dass es eine Sanierung gibt“, sagt Börner mit tiefer Stimme in den Lärm eines Presslufthammers. „Und jetzt sehen Sie sich den Denkmalskörper an! Gehen Sie mal rein!“

Dreck und Schwefel

An diesem Vormittag fahren gegen elf Uhr auf dem Parkplatz vor dem Bassin die ersten Reisebusse vor. Fotografierend strömen die Besuchergruppen zum Schlachten-Relief am Denkmalsbauch, der Aufstieg zur Aussichtsplattform auf dem stumpfen Kopf des Denkmals ist fester Programmpunkt. Er führt sie vorbei an bis zu zehn Meter hohen Krieger- und Reiterskulpturen, die in einer 50-Meter-Kuppelhalle auf drei Galerien um eine riesige runde Grabplatte stehen. Und erst oben, diese Aussicht: ein Blick über die Stadt, das ganze Leipziger Tiefland, Sachsen bis zum Horizont. Der Klotz aus Granitporphyr ist mit 91 Metern das höchste Denkmal Europas und mit 350?000 Touristen im Jahr eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Deutschlands.
Noch vor ein paar Jahren war er so baufällig, dass Teile schon für Besucher gesperrt werden mussten. Die Leipziger waren an einer Sanierung trotzdem kaum interessiert. Denn so grob und martialisch das Monstrum von außen aussah, so düster war es innen. Wegen der schwarzen Mauern im Schummerlicht, aber auch wegen der kriegsverherrlichenden Skulpturen.

Die Skulpturen und Reliefs waren es denn auch, die dem Amt für Denkmalschutz Sorgen bereiteten: Würde man sie einfach so per Sandstrahl säubern, könnten sie zerbröseln. Damit kam Börner ins Spiel, den sein Planungsbüro zum Sanierungschef machen wollte, weil er zuvor die Renovierung der prächtigen Leipziger Universitätsbibliothek geleitet hatte. Für das Völkerschlachtdenkmal tat er eine Firma auf, die die Wände nicht mit Sand, sondern mit in Wasser gelösten Keramikteilchen besprühte. Die Körner sprengten Risse in die Schmutzschicht, die Steine bekamen nicht mal Kratzer. Als der Bauarbeiter damals, 2003, nach der Probevorführung den Schlauch senkte, wischte Börner den gelösten Dreck einfach ab. Die Denkmalschützer nickten anerkennend, und er durfte dem Monstrum endlich zu Leibe rücken.

Nicht nur äußerlich hatte die DDR mit ihren Schloten in der Industrie- und Braunkohleregion um Leipzig dem einst rotbraunen Denkmal eine Patina aus Ruß, Dreck und Kohlestaub verliehen. Es hatte auch kaum eine kritische Auseinandersetzung mit dem Protzbau gegeben. Nach der Errichtung im Kaiserreich und der Okkupation durch die Nazis hatte auch die SED das Denkmal ideologisch umgedeutet: Sie feierte dort Appelle zu Ehren der deutsch-russischen Waffenbrüderschaft, die in der Völkerschlacht gegen Napoleon begonnen habe. Zugleich fraß am Stein der Schwefel aus Luft und Ruß; durch Kriegsschäden trat Regen ein; innen sog der Beton Kondenswasser auf und drückte damit die Fugen heraus. Der Riese ächzte.

Dass die 30 Millionen Euro, die für die Rettung veranschlagt wurden, überhaupt zusammenkamen, ist nur dem kleinen Förderverein zu verdanken, der Rathaus und Land bearbeitete und eine Stiftung gründete. Dem Bund ist das Nationaldenkmal bis heute nichts wert.

Am Fuße des Denkmals empfängt Steffen Poser an diesem Morgen zwei Gäste vom Institut Française. Im Seitenflügel neben der Kasse und den Souvenirs befindet sich ein eichenholzgetäfeltes Büro mit dem Schild „Leiter des Denkmals“. Dort sitzt seit 1993 Poser, ein rundlicher Mittfünfziger mit moderner schmaler Brille und gestutztem Schnauzer.

„Wir haben versucht, die Arbeiten so gut wie möglich von den Besuchern fernzuhalten“, sagt er den Gästen. „Aber je tiefer wir kommen, desto mehr Berührungen gibt es.“ Poser ist eigentlich Historiker am Stadtgeschichtlichen Museum und eine Kapazität in Sachen Völkerschlachtdenkmal. Aber seit er „Leiter des Denkmals“ ist, muss er auch an die Besucher denken. Im Allgemeinen, weil sich der Tourismus als überzeugendstes Argument beim Sammeln der Sanierungsmillionen erwies. Im Speziellen wegen der staubenden, lärmenden Baustelle, durch die bis 2013 viele Teile nicht betretbar sind. Die Museumsleute feilschen mit den Baufirmen um jede Absperrung. „Wir wollten nicht schließen, denn für Leipzig ist das ein wichtiger Tourismuspunkt. Wenn so was einmal geschlossen ist, ist es ein Riesenaufwand, die Wiedereröffnung bekannt zu machen“, sagt Poser. Die Besucher, eine Französischlehrerin aus Dresden und ein Geschichtslehrer aus Lyon, blicken verständnisvoll. Eigentlich wollten sie nur ein bisschen über die Befreiungskriege gegen die französische Besatzung und die große Niederlage Napoleons von 1813 erfahren, denn daran soll das Denkmal ja erinnern.

Im kleinen Museum neben dem großen Denkmal führt Poser das Duo eilig an Dutzenden Uniformen vorbei. „Fast alle Völker Europas waren in die Schlacht verwickelt“, sagt er. „Die Deutschen kämpften auf beiden Seiten, die Sachsen mit Napoleon gegen die siegreichen Preußen. Das schmerzt bis heute, haha!“ Der Franzose grinst höflich. „Stimmt“, sagt er, „wir halten uns auch lieber an die Siege von Napoleon. Aber 1813 war das Anfang von der Ende, da sind wir eine-bisschen schüchtern.“
Die Leipziger, erzählt Steffen Poser, waren damals traumatisiert vom Massaker auf ihren Feldern, bei dem rund 110?000 der 600?000 kämpfenden Soldaten starben. Ein Nationaldenkmal sollte daran erinnern, aber es dauerte ein Jahrhundert, bis sich die Nationalisten des inzwischen gegründeten Kaiserreiches der Sache und ihrer Neudefinition annahmen: Das Monument für den Sieg über Frankreich würde nun die Nation in ihrem Weltmachtstreben einen. Passend zum wilhelminischen Gigantismus sollte es „ringsum von allen Straßen gesehen werden“, wie Ideengeber, Dichter Ernst Moritz Arndt schrieb, „groß und herrlich, wie ein Koloss, eine Pyramide, ein Dom in Köln“.

So kam es: 15?Jahre Bauzeit auf 43?000 Quadratmetern, 26?500 Steinblöcke, 120?000 Kubikmeter Beton. Drei Millionen Mark – auch das gigantisch damals – spendeten die Deutschen für den Bau nach Entwürfen des Architekten Bruno Schmitz, der sich zuvor mit Kaiser-Wilhelm-Denkmälern in Koblenz, Porta und im Kyffhäuser verdient gemacht hatte. Der Patriotenbund als Auftraggeber hatte einen deutschen Stil bestellt, ohne Rückgriff auf französische Gotik oder italienische Renaissance, möglichst archaisch. Schmitz bediente sich bei den Tempeln von Mesopotamien und den Pyramiden von Ägypten.

Das deutsch-französische Duo legt den Kopf tief in den Nacken, um das Denkmal ganz zu sehen. Dann schiebt Steffen Poser die Tür auf, und die Menschen werden zu Zwergen im Bauch des Riesen: Unten in der Krypta, dem symbolischen Grab der Gefallenen, wachen 16 Steinritter vor Sechs-Meter-Totenmasken. Das Denkmal wollte die Besucher klein machen, zu Untertanen eben.

Nach dem Ersten Weltkrieg ließen es die Demokraten folglich links liegen; es wurde zum Wallfahrtsort der Revisionisten. Die Nationalsozialisten knüpften nahtlos an. Allein, weil die Riesenkrieger, die Bildhauer Franz Metzner für die „Ruhmeshalle“ im Mittelgeschoss schuf, für die „deutschen Tugenden“ stehen sollten: Glaubensstärke, Volkskraft, Tapferkeit, Opferwilligkeit. Ausgerechnet hier verschanzte sich 1945 ein Trupp Wehrmachtsoldaten, das das kampflos eingenommene Leipzig nicht den Amerikanern überlassen wollte. Erst nach zwei Tagen Beschuss gaben sie auf. Die Schäden sieht man bis heute.

Ronald Börner lebt mit dem Völkerschlachtdenkmal seit seiner Kindheit. Er wuchs in Marienbrunn auf, dem Ortsteil, der 1913 mit dem Denkmal erbaut wurde. Heute wohnt er in einer Straße namens Denkmalsblick. Als Kind spielte er neben ihm, besuchte es mit Gästen und hütet das Foto von 1973, das ihn frisch verliebt mit seiner späteren Frau Heidrun vor dem Koloss zeigt.

Als er Bauingenieur wurde, wuchs sein fachlicher Respekt. „Der Bau hatte eine optische Vision, seine Umsetzung folgte ihr“, sagt Börner. Dafür griff man zu einem jungen Baustoff: Beton. „Damals hat keiner in solchen Dimensionen mit Beton gearbeitet. Da steckt sehr viel deutsche Ingenieurskunst drin, das verfolgte die ganze Welt!“ Zumindest etwas Deutsches am Denkmal, zu dem man sich noch bekennen kann.

Als Steffen Poser Denkmalschef wurde, versuchte er, das erdrückende Pathos zu mildern. Nach der Wende, als die Leipziger wenig Sympathisches an dem Ort entdeckten, erlaubte er Popkonzerte auf der Freifläche, ein jährliches Badewannen-Wettrennen im Bassin, Jazz in der Krypta. Kollegen fürchteten um die Würde des Monuments, Poser wollte Lockerungsübungen und Verjüngung. Er organisiert Schulprojekte und Jugendaustausche. Inzwischen nennen die Jüngeren den Koloss gern auch kurz „Völki“. Das geht Poser aber dann doch zu weit.

An diesem Nachmittag sitzt er in seinem dunklen Büro, vor ihm liegen Zeitpläne und Broschüren. Er brütet am Programm der Feiern im Jahr 2013: 200 Jahre Völkerschlacht, 100 Jahre Denkmal. „Natürlich wird es eine getragene Feierstunde geben“, sagt er. „Aber wir verstehen uns nicht als Kranzabwurfstelle.“ Er lädt Historiker aus ganz Europa ein, um über die Zukunft der Kriegsdenkmäler zu debattieren. „Die heutige Generation steht hilflos vor diesen Dingern“, sagt er. Er will aber keinen musealen Steinhaufen verwalten. Also sagt er: „Das Völkerschlachtdenkmal zeigt uns heute, wie weit wir gekommen sind. Vor 200 Jahren haben sich die Europäer hier noch die Köpfe eingeschlagen! Das ist unsere gemeinsame Geschichte.“ Das Nationaldenkmal als Symbol für ein vereintes Europa, gerade jetzt? „Nun, wir hoffen ja, dass es Europa bald wieder besser geht“, antwortet Poser.

Das Dunkel wird hell

Am Abend, kurz bevor die Wachleute die schweren Türen verriegeln, spielt ein Akkordeonspieler in der Krypta ein trauriges russisches Lied. Einfach so. Innen wie außen ist das Denkmal inzwischen ganz hell, wie bei seiner Erbauung. „Die Leipziger sind begeistert“, sagt Poser. „So hat das zuletzt die Oma als Kind gesehen.“ Tatsächlich, die düstere, einschüchternde Wirkung ist weg.

Oben auf der Galerie steht Ronald Börner und zeigt auf das kirchenartige Fenster. Im Feuerhagel 1945 zerbrochen, wurde es einst durch ein einfarbiges ersetzt. Im jüngsten Kampf mit dem Denkmalamt setzte Börner durch, dass eine Originalnachbildung des kunterbunten Bleiglases in den Fensterrahmen kommt. Mit den Wänden, die er aufgehellt hat, schaffe das eine ganz neue Atmosphäre. Er lächelt.

So könnte am Ende alles gut werden. Bauleiter Börner wird aus dem schwarzen Monstrum einen fröhlichen hellen Riesen gemacht haben, und Museumsmann Poser wird eine neue Deutung für ihn finden. Zu den Gedenkfeiern sind erst einmal die Botschafter aller damals beteiligten Nationen eingeladen, erzählt er, dazu der Bundespräsident. „Vielleicht gelingt es uns, alle zu einer gemeinsamen Botschaft zu überreden. Das wäre an diesem symbolischen Ort natürlich klasse.“ Aber mal sehen, vielleicht kommen ja sogar ein paar Staatschefs. Warum auch nicht, bei dieser Aussicht.

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