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Barocke Wunderkammer: Das Naturalienkabinett im sächsischen Waldenburg zählt zu den ältesten Museen dieser Art in Deutschland.
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Barocke Wunderkammer: Das Naturalienkabinett im sächsischen Waldenburg zählt zu den ältesten Museen dieser Art in Deutschland.

Kolonialismus im Museum

Kolonialismus: Schädel und Schmuck aus Kolonien in Museen in Gotha und Waldenburg

  • vonAndreas Förster
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Die Debatte über Raubkunst aus dem Kolonialismus betrifft längst nicht mehr nur große Museen. Auch in den Museen in Gotha und Waldenburg finden sich Schädel, Schmuck und Zaubertrommeln, die unter fragwürdigen Umständen dort hingelangten.

Ein langer Flur führt in das Zentraldepot der naturkundlichen Sammlung von Schloss Friedenstein in Gotha. In einem fensterlosen Raum lagern dort in Dutzenden fest verschlossenen Schränken auch die ethnographischen Objekte, die das Adelshaus Sachsen-Coburg und Gotha über Jahrhunderte aus aller Welt zusammentragen ließ. Neonlicht flammt auf, als Thomas Fuchs, der die Ethnographika-Sammlung betreut, den Schalter betätigt. Im Raum steht ein Tisch, darauf liegen drei Totenschädel. Köpfe, die vor 150 Jahren Menschen im heutigen Indonesien abgeschlagen worden sind.

„Wir gehen davon aus, dass die Menschen schon tot waren, wahrscheinlich erhängt worden sind, bevor man ihnen den Kopf abtrennte“, sagt Fuchs, ein groß gewachsener, gelassener Mann, der nicht viel Worte macht, aber ganz offensichtlich das Unbehagen des Besuchers beim Anblick der Schädel spürt: Unheimlich ist das, und es fühlt sich irgendwie falsch an.

Schädel in Museum in Gotha aus der Zeit des Kolonialismus

Falsch habe es sich auch für ihn angefühlt, als er die Schädel das erste Mal sah, erzählt Tobias Pfeifer-Helke. „Das war vor fast zwei Jahren, als ich Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein wurde und mir im Zentraldepot einen Überblick verschaffen wollte über den dort lagernden Sammlungsbestand. Als wir einen verschlossenen Holzschrank öffneten, lagen dort die Schädel.“

Das sei kein völlig überraschender Fund gewesen, fügt der 49-jährige Stiftungsdirektor hinzu. Dass zu den Ethnographika des Hauses auch eine – gleichwohl jahrzehntelang nicht ausgestellte – Schädelsammlung gehöre, sei bekannt. „Aber wenn man plötzlich davorsteht und sieht, dass auf einigen der Köpfe sogar Namen geschrieben stehen, dann beschleicht einen doch ein seltsames Gefühl. Und der Wunsch, mehr zu erfahren darüber, wie diese Schädel nach Gotha gelangten, und über die Menschen, zu denen sie einst gehörten.“

Forschungsprojekt will koloniale Herkunft der Schädel klären

Diese Fragen soll in den kommenden anderthalb Jahren ein Forschungsprojekt klären, das die Gothaer Stiftung zusammen mit dem Schweizer Ethnologen Adrian Linder und einem indonesischen Institut durchführt. Das Institut erforscht die Geschichte der Dayak, der Indigenen auf Borneo, der größten Insel Asiens.

Sie besteht aus den Staaten Indonesien, Malaysia und Brunei. Im frühen 19. Jahrhundert hatten die Kolonialmächte Großbritannien und Niederlande die Insel unter sich aufgeteilt. Die etwa 30 indonesischen Schädel, die in den 1860er Jahren in die herzogliche Sammlung in Gotha gelangten, stammen vermutlich aus dem damals niederländisch besetzten Teil der Insel.

Kolonialismus: Schädel aus dem Krieg gegen die Kolonialherren

Der 71-jährige Schweizer Ethnologe Linder, ein bedächtiger Mann mit feinem Humor, ist ein Kenner der indonesischen Geschichte. Jahrelang lebte er selbst auf der Insel. Linder, der als Pensionär assoziierter Forscher am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern ist, wird bei seinen Forschungen mit dem Leiter des Dayak-Instituts zusammenarbeiten, dem indonesischen Wissenschaftler Marko Mahin. Sie wollen Archive und Bibliotheken durchforsten, um den geschichtlichen Hintergrund der makabren Exponate sowie den Weg zu dokumentieren, auf dem sie aus Südostasien nach Thüringen gelangten.

Die Mehrzahl der Gothaer Schädel dürfte von Freiheitskämpfern aus Borneo stammen, die im antikolonialen Banjar-Krieg (1859–1863) gegen niederländische Truppen kämpften, gefangen genommen und exekutiert wurden. „Es war ein blutiger Krieg, der von beiden Seiten mit großer Brutalität geführt wurde und an dem auch Söldner aus der Schweiz und Deutschland aufseiten der Kolonialmacht kämpften“, sagt Linder.

Diebstahl zu Zeit der Kolonien: Krieg in Indonesien noch sehr präsent

Damals sei es üblich gewesen, besiegten Aufständischen den Kopf abzutrennen, weil die niederländische Königin darauf Prämien zahlen ließ. „Eine bittere Ironie der Geschichte: Die Kolonialmacht, die als zwei ethische Hauptziele ihrer Mission die Abschaffung der Kopfjagd und der Sklaverei auf ihre Fahnen geschrieben hatte, hat im Effekt beide Missstände gefördert, selber praktiziert und teilweise perfektioniert“, sagt Linder.

Nach bisherigen Erkenntnissen haben mindestens sechs Deutsche, die damals in Borneo waren, die Schädel dem Herzog übereignet. Die meisten stammen aus Militärkrankenhäusern in Batavia und Sulawesi und wurden von dem Gothaer Stabsarzt Dr. Voller und einem Kapitän aus Jena mitgebracht. Auf einigen Schädeln sind neben Jahreszahlen auch die Namen der Toten vermerkt. Vier davon konnten bereits als Rebellen identifiziert werden, die nach Prozessen hingerichtet wurden. In niederländischen Archiven sind die Gerichtsakten zu den Verfahren noch vorhanden, ebenso Fotos der Getöteten.

„Die Aufgabe unseres Instituts in dem Projekt ist es, in Indonesien nach den Nachfahren der hingerichteten Rebellen zu suchen sowie nach Hinweisen, mit denen sich auch die weiteren Opfer identifizieren lassen“, sagt Marko Mahin vom Dayak-Institut. Man werde dazu in Archive gehen, aber auch in Dörfern die Menschen nach überliefertem Wissen befragen. „Die Erinnerung an den Banjar-Krieg ist bei den Indonesiern noch sehr präsent und lebendig“, sagt er. „Die Menschen auf dem Land zeigen Besuchern bis heute die Einschusslöcher in den Bäumen, sie bewahren die Gewehrkugeln auf, mit denen damals auf ihre Verwandten gefeuert wurde.“

Datenbank soll Objekte aus ehemaligen Kolonien auflisten

Das Forschungsprojekt der Stiftung Schloss Friedenstein wird vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) in Magdeburg gefördert. Die Einrichtung ist national wie international zentrale Ansprechpartnerin in Deutschland, wenn es um Fragen zu unrechtmäßig entzogenen Kunst- und Kulturobjekten geht. Hatte sich das DZK in den vergangenen Jahren insbesondere auf den Kunstraub der Nationalsozialisten konzentriert, so hat sich zuletzt der Fokus erweitert – auch auf Objekte, die aus früheren Kolonien nach Deutschland gelangt sind.

Jahrhundertelang hatten europäische Militärs, Wissenschaftler:innen und Kaufleute Kultur- und Alltagsobjekte, aber auch menschliche Überreste wie die Gothaer Schädel aus den damaligen Kolonien mitgebracht. Wie sie in die Depots und Vitrinen deutscher Museen und Universitäten gelangten, ob sie gekauft, getauscht oder geraubt worden sind, wird immer häufiger kritisch hinterfragt.

Seit 2019 gibt es im DZK deshalb den Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. Er fördert Forschungsprojekte zur Provenienz – also Herkunft – kritischer Sammlungsbestände und baut eine Datenbank auf, in die die Projektergebnisse einfließen sollen.

Gestohlene Ohrringe auch im sächsischen Waldenberg

Derzeit unterstützt der Magdeburger Fachbereich insgesamt 23 solcher Forschungsprojekte. Dafür hat das DZK in den vergangenen zwei Jahren 2,6 Millionen Euro an Museen und Universitäten vergeben. „Zuletzt hat die Vielfalt der Antragsteller und der Antragsthemen zugenommen, sie beziehen sich nicht mehr nur auf Sammlungsobjekte aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika“, sagt Fachbereichsleiterin Larissa Förster. „Daran lässt sich ablesen, dass das Thema Kolonialismus und koloniales Erbe immer breiter aufgearbeitet wird.“

Auch in die kleine sächsische Stadt Waldenburg fließen Fördergelder des DZK. Dort befindet sich eines der ältesten Museen seiner Art in Deutschland, das Naturalienkabinett Waldenburg. „Wir sind ein ursprünglich fürstliches Privatmuseum, das 1845 von dem Fürsten Otto Victor I. zu Schönburg-Waldenburg gegründet wurde“, erklärt Museumsleiterin Fanny Stoye. „Im Kern besteht unser Haus aus einer barocken Wunderkammer, die zum Teil einzigartige Naturalien, Kunstwerke und Kuriositäten aus einer im 17. und 18. Jahrhundert angelegten Sammlung einer Leipziger Apothekerfamilie umfasst. Später wurde diese von der Fürstenfamilie noch erweitert, vor allem um Naturalien und Ethnographika.“

Kunst aus den Kolonien in der Sammlung der Fürsten

Das seit 1948 in städtischem Besitz befindliche Kabinett ist mit seiner Unsortiertheit tatsächlich eine Wunderkammer. In einem langgestreckten Saal im Obergeschoss stehen in einzelnen, durch Zwischenwände separierten Abteilen Glasvitrinen, in denen wiederum die ganze wissenschaftliche Welt der Aufklärung aufbewahrt wird: Zu sehen sind Mineralien, ausgestopfte Vögel, Fossilien, archäologische Artefakte, Spirituspräparate von Schlangen, Fischen und missgebildeten Föten, eine Schmetterlings- und Käfersammlung sowie wissenschaftliche Instrumente aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Der Kieferknochen eines Wals hängt an der Wand, aber auch Gemälde, präparierte Wildtierköpfe, sogar eine ägyptische Mumie.

50 000 Objekte enthält die Sammlung. Sie ist so erhalten geblieben, wie sie die 1945 enteignete Fürstenfamilie hinterlassen hat. Das Naturalienkabinett mitsamt seiner Ausstellung steht seit einigen Jahren unter Denkmalschutz. Einige Objekte sind nun aber im Fokus der Museumsleiterin. Die aus Leipzig stammende Fanny Stoye war 2018 nach Waldenburg gekommen, nachdem sie sich einige Jahre im Zeppelin-Museum am Bodensee mit Provenienzforschung befasst hatte. „Als im Zusammenhang mit dem Humboldt-Forum in Berlin die Diskussion um Kolonialkunst hochkochte, kam mir der Gedanke, doch auch hier einmal die Ethnographika genauer anzuschauen“, erzählt sie. „Dabei stieß ich auf einige brenzlige Objekte, insbesondere solche, die von evangelischen Missionen nach Waldenburg kamen.“

Keule der neuseeländischen Maori in Museum

Rund 150 Ethnographika hat Stoye identifiziert, die Missionen wie die Herrnhuther Brüdergemeinde oder die Rheinische Missionsgesellschaft sich unter ungeklärten Umständen angeeignet und später der Fürstenfamilie übergeben hatten als Gegenleistung für deren finanzielle Unterstützung der Missionsarbeit. „Das sind etwa Skulpturen, rituell genutzte Objekte und Körperschmuck aus Borneo, Südamerika, Indien, Nordeuropa, Neuseeland, verschiedenen afrikanischen Ländern, aber auch aus China“, sagt sie.

Im Museum zeigt Stoye einige dieser Gegenstände. Zum Beispiel eine etwa 30 Zentimeter lange Holzkeule mit kunstvoll geschnitztem Griff, ein sogenanntes Patu, Standeszeichen eines neuseeländischen Maori-Häuptlings. „Wir haben schon Kontakt zu einem Museum in Neuseeland aufgenommen, das die Geschichte der Maori erforscht“, erzählt sie. „Dabei erfuhren wir, dass sich ein Maori-Häuptling nie von seinem Patu getrennt hätte, es niemandem verschenkt oder verkauft hätte. Wie gelangte also ein christlicher Missionar in den Besitz des Patus, das er dann an den Fürsten weitergab?“

Taufgebühr? Diese Ohrringe trugen einst Massai-Frauen.

In einer Glasvitrine liegen kunstvoll geschmiedete Ringe, die Massai-Frauen aus Ostafrika an den Ohren trugen. „Diese Ohrringe wie auch andere Schmuckobjekte hat der Dresdner Missionar Bruno Gutmann, der am Kilimandscharo bei den Massai tätig war, dem Naturalienkabinett geschenkt“, erklärt die Museumsleiterin. „Wir kennen aber inzwischen historische Schilderungen darüber, wie die Massai unter Zwang und Gewalt solchen Schmuck abgeben mussten, um zum Beispiel getauft zu werden.“ Als „sensibles Objekt“ bezeichnet sie auch die aus Lappland stammende Zaubertrommel eines samischen Schamanen. „Es ist kaum vorstellbar, dass ein solch rituelles Objekt freiwillig an einen christlichen Missionar übergeben worden ist.“

Sensibles Objekt: die Trommel eines Schamanen aus Lappland.

Auch wenn in den Sammlungsakten der Fürstenfamilie immer von einem mildtätigen Werk der Missionen gesprochen werde, lasse sich das heute mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr in Deckung bringen, sagt Stoye. „In den vergangenen zwei, drei Jahren haben Historiker damit begonnen, den gewalttätigen und kolonialen Kontext der evangelischen Missionsarbeit zu beleuchten.“ Das müsse ihr Museum im Blick haben, wenn es nun die Umstände untersucht, unter denen die 150 Sammlungsobjekte in das Waldenburger Naturalienkabinett gelangten.

Stadtrat kritisch: Müssen wir jetzt alles zurückgeben?

Hat sie dafür auch die Rückendeckung der Stadt, der das Museum gehört? Fanny Stoye wiegt den Kopf. „Als ich in den Stadtrat ging und den Forschungsantrag an das DZK vorstellte, wurde lange hin- und herdiskutiert“, sagt sie. „Eine der Fragen war: Müssen wir jetzt alles zurückgeben? Nein, sagte ich, denn der weit überwiegende Teil der Sammlung ist unproblematisch. Aber ich sagte den Stadträten auch, dass wir uns bei Objekten, die damals geraubt oder unter Zwang abgenommen wurden, auf eine Position einigen müssen.“ Etwa, das Original zurückzugeben und durch eine Replik im Museum zu ersetzen.

Besorgt gewesen sei der Stadtrat auch über die mögliche Außenwirkung des Projekts, erzählt Stoye. Wird unsere Stadt jetzt schlechtgemacht, weil wir uns so lange nicht um das Thema gekümmert haben, habe man sie gefragt. „Auch da konnte ich beruhigen. Ich sagte den Stadträten, dass wir uns mit dem Projekt als kleines Museum einer kleinen Stadt öffentlich einer Diskussion stellen, der viele andere große Häuser bis heute noch ausweichen“, sagt sie. Fanny Stoye ist sich sicher: „Das wird richtig großes Kino.“

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