Simbabwe

Der Kollaps nach dem Kollaps

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Wer in Simbabwe heute einen Pass beantragt, erhält ihn 2022.

Es ist wieder soweit. Der südafrikanische Krisenstaat Simbabwe ist erneut dermaßen pleite, dass er sich nicht einmal mehr die Materialien, die für einen Pass benötigt werden, leisten kann. Passbeamte in der Hauptstadt Harare räumten kürzlich gegenüber der Wirtschaftszeitung „Bussiness Day“ ein, dass sie höchstens über die Rohstoffe zum Druck von täglich zehn Reisedokumenten verfügten – und die seien für Diplomaten und VIPs reserviert. Normalsterblichen Antragsstellern wird mitgeteilt, sie könnten frühestens im Jahr 2022 mit der Ausstellung ihres Passes rechnen. Die Behörde sitze derzeit auf einem Berg von 300 000 Anträgen, der täglich höher werde.

Das trifft besonders die Simbabwer hart, die sich angesichts der erneuten Wirtschaftskatastrophe in grünere Gefilde absetzen wollen – und jene noch härter, die sich zur medizinischen Behandlung ins Ausland begeben müssen. Denn die Krankenhäuser im Krisenstaat verfügen nicht einmal mehr über die nötigsten Medikamente und ihre medizinischen Geräte funktionieren nicht mehr. Die Zeitung zitiert einen Rollstuhlfahrer, der in der Menschenschlange vor dem Passamt von Harare sitzt: Sein Arzt habe ihm zu einer Notoperation in Indien geraten, doch ohne Reisedokument ist das ausgeschlossen. „Die wollen mich hier sterben lassen“, klagt der Patient. Die Simbabwische Menschenrechtskommission ZHRC spricht von einer „ernsthaften Krise der Menschenrechte“.

Stromausfälle, leere Läden

Der fiskalische Notstand bahnt sich bereits seit Monaten an, vor allem, weil die ausländischen Investitionen ausbleiben, die sich der Staat nach der Zwangspensionierung des greisen Autokraten Robert Mugabe erhofft hatte. Doch auch dessen Nachfolger Emmerson Mnangagwa vermochte unter die Misswirtschaft seines einstigen Mentors keinen Schlussstrich zu ziehen. Nach wie vor verschwinden große Teile der aus dem Export von Rohstoffen gewonnenen Staatseinnahmen in den Taschen von Funktionären der regierenden Zanu/PF-Partei – was ausländische Investoren nicht unbedingt anlockt. Der Weltwährungsfond sagte dem Staat für dieses Jahr einen Schwund von 5,4 Prozent des Bruttosozialproduktes voraus, die Läden leeren sich, fast täglich kommt es zu Stromausfällen.

Besonders akut wirkt sich der Devisenmangel aus. Nachdem Mugabe die Wirtschaft des Landes vor zehn Jahren zum ersten Mal in den Sand gefahren hatte, schaffte eine von den südafrikanischen Nachbarn erzwungene Koalitionsregierung den hyperinflationären „Simbabwischen Dollar“ kurzerhand ab und stützte sich auf den US-Dollar, den Rand und den Yuan.

Die inzwischen wieder alleine regierende Zanu/PF wollte jedoch ihre eigene Währung wieder haben und führte im Februar den „RTBF“-Dollar, kurz und spöttisch „Zollar“ genannt, ein. Ein Zollar war anfangs einen US-Dollar wert, inzwischen wird er zwölf zu eins gehandelt. Kürzlich erklärte die Regierung den Zollar trotzig zum alleinigen Zahlungsmittel. Dadurch schoss der Benzinpreis in die Höhe, die Inflation soll inzwischen wieder bei hundert Prozent angelangt sein. Wirtschaftsexperten raten der Regierung, den Zollar wieder einzustampfen und mit der Schattenwirtschaft der Zanu/PF-Funktionäre endlich Schluss zu machen. Das aber scheint vom „Krokodil“ genannten Präsidenten Mnangagwa zu viel verlangt zu sein.

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