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Kräfte der Kolumbianischen Drogenfahndung setzen ein Kokain-Labor im Regenwald in Brand.
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Kräfte der Kolumbianischen Drogenfahndung setzen ein Kokain-Labor im Regenwald in Brand.

„Fair Trade“

Woke Coke: Drogenhändler vermarkten „ethisch hergestelltes“ Kokain

  • Lukas Rogalla
    VonLukas Rogalla
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Für „ethisch bezogenes“ Kokain aus Südamerika zahlen britische Kunden gerne drauf. Doch dahinter steckt nichts anderes als Marketing.

London – Für Kokain und den damit verbundenen Rausch legen Konsumenten gern eine stolze Summe auf den Tisch. Dass die Herstellung der Droge mit viel Leid zusammenhängt, ist allgemein bekannt. Drogenhändler setzen deshalb auf eine neue Strategie, um ihren Stoff an den Kunden zu bringen – und ihnen dabei ein gutes Gewissen zu verschaffen.

Demnach werde das Kokain ethisch hergestellt: Die Bezahlung der Bauern sei fair und der Regenwald bleibe von Zerstörung verschont. Fachleute sind sich einig: Das kann nicht stimmen.

Vermeintlich „ethisches Kokain“ im Umlauf: „Niemals kann man das herstellen“

Im Stadtteil Chiswick in Westen Londons „hat jeder Woke Coke“, behauptet die britische Schauspielerin Davinia Taylor. „Es stammt aus ‚nachhaltigen Quellen‘ in Südamerika. Sie sagen so etwas wie: ‚Hi, Darling. Ich habe Woke Coke. Es ist völlig politisch korrekt, 200 Pfund pro Gramm.‘ Sie haben ihr veganes Essen, ihren organischen Wein und ihr Woke Coke und einen Joint am Start.“

In ganz Großbritannien soll dieses besondere Kokain im Umlauf sein, berichtet der „Daily Mirror“. Die erhöhte Nachfrage der Wohlhabenden auf der Insel nach „ethischem“ Koks trägt allerdings massiv zum Drogenkrieg und einem Umwelt-Desaster in Südamerika bei.

Für die Herstellung von Kokain werden in Südamerika Tausende Hektar Regenwald abgeholzt.

Auch Neil Woods, einem Experten für Drogenpolitik, seien „Anzeigen für ‚umweltfreundlichen Sniff‘ gezeigt worden“. Er halte es aber für nichts weiter als einen „cleveren Marketing-Trick“: „Bei 200 Pfund pro Gramm, nenne ich es den ‚Woke-Coke-Schwindel‘. Niemals kann man umweltfreundliches Kokain herstellen, wenn der Markt so unreguliert ist wie heute. Also zahlen die Leute mehr für dasselbe Produkt“, sagt er gegenüber dem „Daily Mirror“. Die Dealer könnten auch weiterhin lügen, da sie immer cleverer handeln und die Regierung zudem keinerlei Kontrolle über ihren Betrieb hat. „Die Menge an Geld, die hier verdient wird, ist obszön. Die Kokain-Industrie generiert etwa 2,5 Milliarden Pfund (2,94 Milliarden Euro) in Großbritannien pro Jahr.“

Handel mit Kokain: In Großbritannien ein lukratives Geschäft

Fachleute schätzen, dass für jeden Gramm Kokain, der in Großbritannien konsumiert wird, vier Quadratmeter Regenwald abgeholzt werden. Die Kartelle sollen für die Zerstörung von 100.000 Hektar jedes Jahr verantwortlich sein. Vor allem in Kolumbien sind die Kartelle aktiv. Der Catatumbo-Regenwald soll zwischen 2001 und 2019 etwa 6,2 Prozent seines Baumbestands verloren haben, angefacht durch die hohe Nachfrage.

„Die Narco-Bauern zerstören den Dschungel, die Regierung zerstört die Plantagen und dann ziehen die Bauern einfach weiter“, erklärt der kolumbianische Botaniker Alberto Gomez Meija. „Wenn es so viel Raum gibt und es so lukrativ ist, findet es kein Ende. Es ist ein Teufelskreis.“ Die Zerstörung der Natur sei ein „unvermeidliches“ Element des Drogenhandels, findet auch Lawrence Gibbons, Leiter der Drogen- und Strafverfolgungsbehörde in Großbritannien. „Schädliche Chemikalien, die man zur Herstellung der Drogen benötigt, werden in die Gewässer gekippt.“

Kokain aus Kolumbien

Jedes Jahr verlassen Kolumbien rund 1.500 Tonnen Kokain, wie Fachleute schätzen. Etwa die Hälfte davon geht nach Europa. Allein in Großbritannien hat sich die Zahl der kokainbedingten Krankenhauseinweisungen von 2008/2009 (2.140) bis 2018/2019 (4.341) verdoppelt, vor allem in der Altersgruppe von 50 bis 59 Jahren.

Quelle: Daily Mirror

„Ich habe niemals von Woke Coke gehört, aber ich kann Ihnen sagen, dass niemand in Kolumbien Kokain ‚ethisch‘ herstellt“, so Entwicklungshelfer Bibiana Villota. Das Blutvergießen, die Destabilisierung ganzer Gemeinschaften und ein „entsetzlicher“ Kreislauf der Gewalt seien beim Drogenhandel unvermeidlich. „Steigt die Nachfrage, steigt auch die Produktion und der Kreislauf der Zerstörung setzt sich fort. Was Fair-Trade-Kokain genannt wird, bringt nur noch mehr Gier und Blutvergießen mit sich.“

Kokain: Herstellung zerstört den Regenwald und sorgt für zahlreiche Tote im Drogenkrieg

Nicht nur in Südamerika, auch in Großbritannien machen sich schädliche Folgen der Droge bemerkbar. „Der Kokain-Handel treibt die Gewalt und Zerstörung im Vereinigten Königreich und im Ausland an“, erklärt Lawrence Gibbons. „Es beinhaltet die Gewalt und Ausbeutung in Quellenländern und setzt Anfällige auf den britischen Straßen einem signifikanten Risiko aus.“

Die kolumbianische Drogenfahndung präsentiert eine beschlagnahmte Lieferung Kokain des größten Kartells im Land (2017).

Dass die Wohlfühl-Vorgeschichte des vermeintlich ethischen Kokains nicht wirklich der Wahrheit entspricht, hat auch Davinia Taylor bemerkt. „Sie sagen immer: ‚Schon gut, schon gut. Ich weiß, dass es nachhaltig ist. Wir geben dem ländlichen Raum damit etwas zurück.‘ Wenn man sich diese Heuchelei anguckt, ist es Schwachsinn.“

„Mein Dealer hat mir einmal ein Drogenmenü über Whatsapp verschickt“, erzählt die 40-jährige Marketing-Angestellte Sophie gegenüber dem Daily Mirror. „Es gab eine breite Auswahl: Darunter Kokain mit einer geringen Reinheit für 60 Pfund pro Gramm und ethisch bezogenes Kokain für 200 Pfund. Es ist Wahnsinn.“ (Lukas Rogalla)

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