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Köln, 4. März 2009: Der Tag nach dem Einsturz. Anlässlich des zehnten Jahrestags wollen sich am heutigen Freitag Vertreter der Stadt und der Kölner Verkehrsbetriebe zum Stand der Arbeiten äußern.

Kölner Stadtarchiv

Schmerzende Narbe

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  • Andreas Damm
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Vor zehn Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv ein. Die Aufarbeitung des Unglücks ist immer noch nicht abgeschlossen.

In 28 Metern Tiefe schießen Wasser, Kies und Sand in die U-Bahn-Grube am Kölner Waidmarkt. „Raus, raus, raus!“, schreit ein Bauarbeiter in Richtung seiner Kollegen. An der Straßenoberfläche bricht der Fußgängerweg ein. Wie ein gezackter Blitz frisst sich ein zehn Zentimeter breiter Riss diagonal die Fassade des Stadtarchivs hinauf. In Höhe des zweiten Stocks springt der Spalt auf das Nachbarhaus über. „Haut ab! Gleich kracht es“, verscheucht ein Handwerker die Schüler des gegenüberliegenden Gymnasiums. Mit einem ohrenbetäubenden Knall neigen sich die Gebäude in Richtung Straße und sacken in sich zusammen.

Es war, als würden sie verschluckt, bis tief hinab in die Hölle“, sagt ein Bauarbeiter, der sich in letzter Minute retten konnte. Minutenlang verdunkelt eine gigantische Staubwolke die Gegend um die Unglücksstelle. „Hustend und wie blind bin ich einfach weitergelaufen, bis ich wieder atmen konnte.“

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Es ist der 3. März 2009, als die Severinstraße in der Kölner Südstadt im Boden versinkt. Zwei junge Männer sterben beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs und der angrenzenden Häuser. Der Sachschaden wird auf mehr als 1,3 Milliarden Euro geschätzt.

Zehn Jahre schon dauert die Aufarbeitung. Im Fokus der Ermittler standen anfangs vor allem zwei Varianten: Ein sogenannter „hydraulischer Grundbruch“, bei dem das Grundwasser, das den Boden unter dem Archiv mit sich gezogen hat, durch die Baustellensohle „gebrochen“ ist.

Gerüste und Kräne stehen in der Einsturzstelle des Stadtarchivs.

Eine These, die vor allem die an den Bauarbeiten beteiligten Firmen befeuerten, weil das Unglück im komplizierten Untergrund der Baustelle dann auch wie eine Art Naturereignis gewertet werden könnte, für das sie nicht oder nur begrenzt haften müssten.

Doch schon früh gab es zahlreiche Indizien dafür, dass eine löchrige Wand im U-Bahn-Schacht die Katastrophe verursacht haben könnte. Unter anderem stützten Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen sowie Infrarotaufnahmen des Untergrundes die Vermutung.

Bald stießen die Ermittler der Staatsanwaltschaft auf ein Ereignis etwa vier Jahre vor dem Unglück, das die Katastrophe verursacht haben soll. Im September 2005, beim Aushub für eine Außenwand, die die U-Bahn vor Grundwasser und Erdreich schützten soll, brechen mehrfach Greiferzähne ab. Die Bauarbeiter um Polier Rolf K. versuchen, das tief im Untergrund liegende Hindernis – sie vermuten einen Stein – wegzumeißeln. Als das nicht gelingt, stoppt der Polier die Bauarbeiten nicht, sondern setzt einfach einen schmaleren Greifer ein, um dem Gegenstand im Untergrund auszuweichen.

Unter dem Gegenstand entsteht dadurch ein Bereich, der später nicht betoniert werden kann, wodurch die Wand instabil wird und Jahre später nachgibt. Damit der Pfusch 2005 nicht auffällt, werden Unterlagen gefälscht. In Bauprotokolle werden falsche Daten eingetragen, wie sich nach dem Einsturz herausstellt.

Hätte das Unglück verhindert werden können? Das ist die zentrale Frage für die Juristen. In den zurückliegenden Monaten hat das Kölner Landgericht in getrennten Verfahren zwei an dem Bau der U-Bahn beteiligte Männer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Ein Oberbauleiter des Konzerns Züblin erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, ein Bauüberwacher der Kölner Verkehrs-Betriebe acht Monate Haft; beide Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Für die Richter steht fest: Der Einsturz wurde durch den Baufehler an der Schutzwand verursacht, die beiden Angeklagten haben ihre Kontrollpflicht in sträflicher Weise vernachlässigt. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, da die Verteidiger Revision eingelegt haben.

In den Trümmern starben zwei Menschen.

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft fanden sich noch einige Namen mehr. Doch die beiden Hauptbeschuldigten, der Polier Rolf K. und ein ihm unterstellter Baggerführer, sind so schwer erkrankt, dass sie für verhandlungsunfähig erklärt wurden. Ein neues Verfahren brauchen sie nicht zu befürchten, da die strafrechtlichen Vorwürfe am zehnten Jahrestag des Unglücks verjähren. Ein weiterer Polier ist noch vor Beginn der Verhandlung gestorben. Drei Angeklagte, betraut mit der Überwachung der Baustelle, wurden freigesprochen. Ihnen konnte das Gericht keine justiziable Pflichtverletzung nachweisen. Auch in ihrem Fall ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

Im Stadtarchiv befanden sich ungefähr 62.000 Urkunden, 329.000 Karten, Pläne und Plakate, 500.000 Fotos sowie 2500 Tonträger und Videos: 1100 Jahre Kölner Stadtgeschichte. 95 Prozent des Bestandes wurden geborgen, zigtausende Dokumente müssen restauriert werden. Bis Anfang 2019 haben Spezialisten nach Angaben der Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia 9051 Stücke vollständig wiederhergestellt. Sie geht davon aus, dass die Arbeiten noch weitere 30 Jahre dauern werden. Der 80 Millionen Euro teure Archiv-Neubau, immerhin das, soll Ende 2020 fertig sein. Obwohl das Unglück so lange her ist, befindet sich der Streit um den Schadensersatz erst in der Phase der vorgerichtlichen Beweisaufnahme. Einmal geht es um die Höhe der Schadenssumme im Speziellen, dann grundsätzlich um die Forderung der Stadt an die Bauunternehmen. Die Stadtverwaltung sieht durch die Urteile in den Strafprozessen ihre Auffassung bestätigt, dass ausschließlich die Baufirmen das Unglück zu verantworten haben und sämtliche Kosten erstatten müssen. Die Unternehmen dagegen halten die Einsturzursache nach wie vor für nicht erwiesen. Noch steht nicht fest, ob und wann eine Gerichtsklage erhoben wird. Erst einmal dürften die Anwälte die Möglichkeiten eines Vergleichs erörtern.

Im kommenden Jahr soll das U-Bahn-Bauwerk an der Einsturzstelle, das bisher durch die Beweissicherung blockiert war, endlich saniert werden. Aber vor 2027 werde dort wohl kein Zug fahren, kündigen die Verkehrs-Betriebe aus Anlass des zehnten Jahrestages an. „Auch heute noch, nach fast zehn Jahren, sitzt das Entsetzen, die Trauer und die Fassungslosigkeit, dass so etwas passieren konnte, tief“, sagt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Sie will sich für ein Mahnmal einzusetzen, „einen Ort des Gedenkens am Waidmarkt“.

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