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Der Knochenfälscher

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Lebte lange Zeit wie der Indiana Jones der Anthropologie: Reiner Protsch von Zieten vor Gericht.
Lebte lange Zeit wie der Indiana Jones der Anthropologie: Reiner Protsch von Zieten vor Gericht. © dpa

Der umstrittene Anthropologe Reiner Protsch von Zieten kommt mit Bewährung davon. Er wollte Schimpansenschädel aus der Universitätssammlung für 70.000 Euro verkaufen. Von Felix Helbig

Von FELIX HELBIG

Viel ist nicht geblieben. Reiner Protsch war mal ein schneidiger Professor an der Frankfurter Goethe-Universität, der mit dem Porsche vor seinem Institut vorfuhr, im Aufzug Zigarren paffte und einen Husarengeneral als vermeintlichen Vorfahren angab, um seinem Namen eine Adelsnote zu verleihen.

Protsch von Zieten war alles andere als ein Leisetreter, vermutlich sah er sich stets als eine Art Indiana Jones der Anthropologie. Er liebte den starken Auftritt, so sehr, dass er Angaben zu Knochenfunden fälschte und damit einen der größten Wissenschaftsskandale der Nachkriegszeit auslöste. Deshalb steht er seit diesem Mittwoch vor dem Frankfurter Landgericht.

"Ich stimme zu"

Protsch von Zieten, im Januar 70 geworden, betritt den Gerichtssaal mithilfe eines Gehstocks, nur seinen durchdringenden Blick hat er sich vom einstigen Auftritt bewahrt. Einen "relativ hohen Blutdruck", geben die Anwälte für ihren Mandanten zu Protokoll.

Er selbst wird nur einen einzigen Satz sagen zum Prozessauftakt: "Ich stimme zu." Es bleibt ihm nicht viel anderes übrig. Die Verfahrensbeteiligten haben vor Prozessbeginn eine Absprache getroffen, nach der das Gericht zu einem milden Urteil bereit ist, wenn der Professor ein Geständnis ablegt. Protsch von Zieten käme damit gut weg. Insgesamt 17 Straftaten legt ihm die Frankfurter Staatsanwaltschaft zur Last, sie reichen von Urkundenfälschung und -unterdrückung über Untreue, Unterschlagung und versuchtem Betrug bis hin zum Anbieten artengeschützter Exemplare. Das würde, so hatte es die Staatsanwaltschaft schon vorab durchblicken lassen, für eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren reichen.

In Gang kamen die Ermittlungen gegen den einst schillernden Akademiker vor sieben Jahren. Damals wollte Protsch von Zieten einem amerikanischen Forscherkollegen die so genannte PAN-Sammlung für 70.000 Dollar verkaufen - eine Kollektion von 278 Schimpansenschädeln, die die Universität von einem inzwischen verstorbenen Wissenschaftler gekauft hatte. Protsch fälschte dafür die Kaufbestätigung und ließ in seinem Institut die Inventarnummern aus den Schädeln entfernen, um sie durch seine eigenen Initialen RPvZ zu ersetzen. Einem seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter zahlte er dafür 20 Euro.

Aber das ist längst nicht alles. Protsch von Zieten kassierte Spendenquittungen der Hochschule für Schädel und Skelette, die er ihr aus seinem eigenen Besitz vermachen wollte, obwohl diese einem Hamburger Kollegen gehörten, der sie der Hochschule als Dauerleihgabe überlassen hatte. Aus der Institutsbibliothek entwendete er Bücher über Affen oder die "Rassenkunde des schwedischen Volkes" und ersetzte deren Signaturen durch eigene Angaben. Insgesamt versuchte er dabei offenbar, sich um mehrere hunderttausend Euro zu bereichern.

Mit den falschen Altersdatierungen von Skeletten löste er vor fünf Jahren, als alles ans Licht kam, gar einen Wissenschaftsskandal aus. So schätzte er das Alter des "Neandertalers von Hahnöfersand" auf mehr als 35 000 Jahre - dabei war der mit einem tatsächlichen Alter von 7500 Jahren eher ein junger Hüpfer. Es war nicht das einzige Mal, dass sich der angesehene Wissenschaftler um mehrere tausend Jahre vertat, inzwischen wurden ihm nachgewiesen, in unzähligen Expertisen falsche Angaben gemacht zu haben. Diese Vergehen jedoch interessieren das Gericht nicht.

Der Staatsanwaltschaft geht es nur um strafrechtlich relevante Delikte. Und davon bietet der Professor genug. Mit seinen akademischen Verfehlungen hat sich längst eine Kommission der Goethe-Universität beschäftigt, im Institut hat er Hausverbot, für die Wissenschaftsszene ist er persona non grata. Kaum merklich schüttelt er einige Male den Kopf, als der Staatsanwalt seine Anklageschrift verliest. Vor Jahren noch hätte er wohl die große Gegenrede gehalten. Auf der Anklagebank wirkt Protsch von Zieten wie ein alter Mann, der nur noch seine Ruhe haben will. Er ist kein Jäger des verlorenen Schatzes mehr.

Urteil am Freitag erwartet

Der Vorsitzende Richter Jochen Müller erläutert schließlich die Absprache, nach der Protsch von Zieten mit ein bis zwei Jahren auf Bewährung davon kommt, wenn er alle Anklagepunkte gesteht. Den Rechtsanwälten des Professors gelang es auch, dass der Frankfurter Professor Ulrich Brandt, der die Kommission der Hochschule zum Fall geleitet hatte, obwohl geladen, nicht als Zeuge gehört wird. Man wolle nicht allzu tief "in die Niederungen einsteigen", sagt der Rechtsanwalt Steffen Ufer.

In der Erklärung, die Protsch von Zieten dann verlesen lässt, heißt es, er habe sich in 32 Dienstjahren überdurchschnittlich engagiert, außerhalb der Dienstzeit Doktoranden betreut und viele, viele Spenden eingetrieben. Sogar privates Vermögen habe er in sein Institut investiert. Viel ist nicht geblieben, das Institut wurde inzwischen geschlossen.

Am Ende des Prozesstages bleibt ein Geständnis, leise gesprochen, in einem Satz. Protsch von Zieten nimmt seinen Gehstock und verlässt den Gerichtssaal. Ein Urteil wird am Freitag erwartet.

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