Adventskalender

Knochen aus dem Kreis schnipsen

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FR-Adventskalender, 15.12.: Asyki ist die uralte zentralasiatische Variante eines Spiels, das Kinder weltweit spielen: mit Steinen, Murmeln.

Das Spiel, bei dem regelmäßig die Knochen brachen, verbinde ich in meiner Erinnerung mit zwei Dingen, die in Deutschland schwer zu finden sind: Schnee und Asyki. Weil die Frage sich aufdrängt: Schnee, das ist gefrorenes Wasser, das vom Ende September bis Ende April das Land in ein Wintermärchen verwandeln sollte, so wie in meiner Kindheit. Die ist lange her und war weit weg, aber das Spiel geht mir nicht aus dem Kopf.

Asyki ist die uralte zentralasiatische Variante eines Spiels, das Kinder weltweit spielen: mit Steinen, Murmeln – oder Gelenkknochen von Schafen (Asyki). Die Regeln: Ein Kreis, in der Mitte werden die Knochen aufgereiht und dann schießen die Spieler aus einem bestimmten Abstand die Knochen mit einem anderen Knochen aus dem Kreis. Das Ziel: möglichst viele Asyki einsacken. Gefragt waren Zielgenauigkeit, Konzentration, Geschicklichkeit – und List.

Ich habe das Spiel oft gespielt. Und oft verloren. Und um nicht immer das Haribo und Maoam aus dem Westen gegen Tierknochen aus der Steppe zu tauschen, griff ich zur List. Der Knochen, mit dem ich spielte, war getunt, so würde man das heute sagen. Feine Bohrlöcher waren mit verflüssigtem Blei ausgefüllt und über die Bohrstellen kam Mutters Nagellack, fertig.

Die beste Zeit für das Spiel war Spätsommer, Herbst, Winter, Frühling … der Sommer war zu heiß. Im Winter wählten wir Flächen über Warmwasserleitungen, wo der Schnee weggeschmolzen war und wir den Kreis in die Erde zeichnen konnten. Der Knochen, mit dem wir die anderen Knochen aus dem Kreis zu schießen versuchten, wurde mit dem Daumen und Zeigefinger geschnippt. Das klappte so lange, wie sich die Finger bogen. Nach ein paar Runden waren die Finger kalt und steif – aber es waren noch zu viele Knochen im Spiel, das eigentlich nie endete, weil immer neue Kinder hinzukamen und die, die alles verloren hatten, ersetzten. Das Spiel endete nur, wenn es zu dunkel wurde, wenn die Hände so froren, dass ich sie nicht ohne Schmerz in die Fäustlinge stecken konnte, oder wenn jemand mit getunten Knochen erwischt wurde.

Es war nicht ausdrücklich verboten, mit extra beschwerten Knochen zu spielen. Aber wer aufflog, der musste seine mühsam angefertigte Geheimwaffe abgeben. Der Knochen wurde dann mit einem großen Stein zertrümmert. Wie überall auf der Welt lernten wir Kinder im Spiel also für das Leben als Erwachsene, in dem Fall also, wie der real existierende Sozialismus funktionierte: Alle wissen, dass betrogen wird, man darf sich nur nicht erwischen lassen.

Bevor sie mühevoll nach Schafsgelenken suchen: Steine gibt’s in der Natur, Murmeln günstig im Spielwarenhandel.

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