+
Wo sonst Gedränge herrscht: leere Shoppingmeile am Samstag in Tokio.

Taifun

Kluges Warnsystem

  • schließen

Hagibis hat mehrere Todesopfer gefordert – es war der stärkste Taifun seit Jahrzehnten in Japan. Wäre das Land nicht so gut auf Unwetter vorbereitet, läge der Schaden wohl viel höher.

Für Ikuko Nishihara wurde ein Urlaubstag draus. Am Freitag hatte die 34-jährige Tokioterin die Warnung vor dem großen Unwetter aufs Handy geschickt bekommen: Die Züge, Shoppingcenter und Nahrungsmittelläden würden am Samstag außer Betrieb sein. „Nach Feierabend am Freitag bin ich sofort einkaufen gegangen und habe mich mit Essen eingedeckt“, berichtet die Ärztin, die eigentlich auch an Wochenenden arbeitet. „Dann saß ich einen Tag lang zuhause vorm Fernseher.“ Mal habe sie TV-Dramen geschaut, mal den Verlauf von Hagibis. Der Tag sei zwar anspannend gewesen wegen der Unsicherheit, habe aber auch etwas Entspannendes gehabt. „Ich war einen ganzen Tag nicht vor der Tür.“

Mit Hagibis wurde Japan gegen Ende vergangener Woche vom stärksten Taifun seit Jahrzehnten getroffen. Ganze Orte wurden überflutet, der Alltag kam zum Erliegen. Die Angaben zu Todesfällen variierten zwischen den Zahlen der Regierung und jener der Nachrichtenagentur Kyodo von sieben bis 19 – die Deutsche Presseagentur meldete am Sonntag 23 Todesopfer. Bis zu 16 Personen galten noch als vermisst. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Tags zuvor hatte die Meteorologiebehörde an rund sechs Millionen Menschen die Warnung ausgesprochen: „Machen Sie sich bereit für Regenfälle, wie Sie sie noch nicht erlebt haben. Ergreifen Sie alle Maßnahmen, um Ihr Leben zu schützen.“ Erstmals wurde in diesem Zusammenhang die höchste Warnstufe ausgegeben.

Für große Teile der Bevölkerung verlief das Unwetter allerdings ohne große Schäden. Von der Region um Tokio, dem mit 35 Millionen Menschen größten Ballungsraum der Welt, war vor allem der Nordosten betroffen. Hunderttausende Haushalte waren zeitweise ohne Strom, einige Häuser wurden stark beschädigt. Schon am Sonntagmorgen aber füllten rund 27.000 Soldaten die Straßen, um aufzuräumen und den Alltag wiederherzustellen. Unter klarem Himmel und Sonnenschein öffneten um 14 Uhr die Shoppingcenter und Restaurants, auch die Züge fuhren wieder.

Nur noch Trümmer: zerstörte Gebäude in Ichihara.

Während am Sonntagabend noch geprüft wurde, ob der Nordosten Tokios am Montag durch Regenfälle auch neue Überflutungen der Flüsse erleiden werde, war bereits klar: die Schäden wären noch viel größer ausgefallen, hätte das Land nicht eine derart ausgeklügelte Warnkultur. In Japan werden schon Kinder jedes Jahr in der Schule darin ausgebildet, wie man sich in Katastrophenfällen von Taifunen über Erdbeben bis zu Tsunamis zu verhalten hat. Auf jedem Handy ist eine App installiert, die Katastrophenwarnungen empfängt und Verhaltensanweisungen gibt. Ältere Menschen informieren sich auch über Radio und Fernsehen. Da die Leute aus Erfahrung wissen, wie real die Gefahren sind, leisten sie den Informationen in der Regel auch Folge.

Nachdem Hagibis Tokio am Sonntag hinter sich gelassen hatte, zog er weiter gen Nordosten, wo sich 2011 die verheerende Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und dem daraus folgenden Atomreaktor-Gau ereignet hatte. Allerdings schien der Sturm Richtung Meer zu driften. „Ich treffe mich gleich mit Freunden in einer Bar“, sagte Ikuko Nishihara am Sonntagnachmittag am Telefon. Hier und da lagen zwar auch in ihrem Wohngebiet im Stadtzentrum noch aus dem Boden gerissene Bäume auf den Gehwegen. Im Großen und Ganzen aber sei das Unwetter für die meisten Menschen schon überstanden.

Dabei hatte der Anmarsch von Hagibis schon Tage zuvor für großen Gesprächsstoff im Land gesorgt. Im Zuge der derzeit in Japan laufenden Rugby-Weltmeisterschaft hatte der Weltverband Rugby Union am Donnerstag beschlossen, zwei WM-Spiele abzusagen und mit Unentschieden zu werten. So wurde die italienische Nationalmannschaft, die mit einem Gruppenspielsieg gegen den Turnierfavoriten Neuseeland ins Viertelfinale hätte einziehen können, de facto vom Taifun aus dem Turnier geworfen. An die aus dem Ausland mitgereisten Zuschauer richtete Alan Gilpin, Wettkampfleiter der WM, am Donnerstag die Worte: „Wir bitten alle Fans, die Sicherheit als oberste Priorität zu sehen und die Anordnungen der Behörden zu befolgen.“

Dies könnte auch in einem knappen Jahr ein Problem werden. Die Höhepunkte der Taifunsaison in Japan werden in der Regel im August und September erreicht. In diese Zeit, vom 24. Juli bis 6. September, fallen die im kommenden Jahr die Olympischen und Paralympischen Spiele von Tokio. Hunderttausende Fans aus dem Ausland, die dann ins Land kommen, werden im Umgang mit Unwetter kaum so gut geschult sein wie die japanische Bevölkerung. Auf die Organisatoren kommt in dieser Hinsicht noch eine große Aufgabe zu.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion