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Die Promenade des anglais.

Klimawandel

Das leise Sterben der Palmen

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Im Zuge der Klimaerwärmung bedroht ein asiatischer Schädling den Palmenbestand am Mittelmeer. Die Côte Azur macht mobil – doch über die Gegenmaßnahmen herrscht alles andere als Einigkeit.

Etwas nackt stehe die Kapelle in der Hitze da, findet Schwester Bernadette, die sich selbst gut gegen brennende Sonne geschützt hat. Die Dominikanerin zeigt auf einen Baumstumpf: „Hier stand sie, unsere schönste Phönixpalme. Und sie war nicht nur schön, sie spendete auch viel Schatten.“

Die weltberühmte Matisse-Kapelle befindet sich auf einer wunderschönen Terrasse mit Ausblick auf das mittelalterliche Städtchen Vence und, in der glitzernden Ferne, das Mittelmeer. Aus dem nebligen Nordfrankreich zugereist und in den letzten Lebensjahren zum Glauben gekommen, hatte Henri Matisse das lichte Gotteshaus nach dem Weltkrieg geschaffen. Die Glasfenster in Blau, Gelb und Grün verkörpern Palmwedel, das Symbol des Friedens und vielleicht auch der üppigen Schönheit der französischen Riviera, die Matisse so gerne in seinen Gemälden verewigte.

Die Palme selbst musste vor drei Jahren gefällt werden. 30 Meter hoch war die „phénix“, wie man hier die kanarische Dattelpalme nennt. „Ja, es war unsere liebste, die nobelste“, seufzt Schwester Bernadette nochmals. In dem ganzen Lacordaire-Gut hätten einst zehn Palmen gestanden. Jetzt blieben noch sieben, die meisten in ihrer Existenz bedroht. Bedroht vom Rhynchophorus ferrugineus, dem roten Rüsselkäfer.

Der rote Rüsselkäfer bedroht Palmen

Die Tour de France 1950.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen diesen Vielfraß“, meint Gärtner Mohammed. Im untersten Stufengarten öffnet er eine Schleusenfalle. Darin liegen ein Dutzend drei bis vier Zentimeter langer, rostfarbener Käfer. „Sie mögen dieselbe Kost wie die Menschen – Palmenherzen“, erzählt der Gerant des mediterranen Gartens. „Sie riechen sie über hunderte von Metern.“

Das Weibchen legt bis zu 300 Eier an den Stämmen ab. Die Larven bohren sich sodann durch das Holz bis in die Palmenkrone. Dort fressen sie mit ihren feinen Rüsseln monatelang das weiche Herz, bis die Wedel erste Schwächesymptome zeigen. „Und dann ist es bereits zu spät, um die Palme zu retten“, sagt Mohammed. „Die Blätter sterben ab, werden zu Stroh. Die Käfer suchen sich das nächste Opfer.“

Fast 500.000 Palmen sind in zehn Jahren verschwunden

In den letzten zehn Jahren sind an den Küsten des europäischen Mittelmeeres auf diese Weise fast 500 000 Palmen verschwunden. In einzelne Strandpromenaden, etwa im benachbarten Nizza, reißt der Schädling ganze Breschen. In Le Cannet, oberhalb von Cannes, erhielt ein Autofahrer, dem ein zerfressener Wedel auf das Dach gefallen war, im Mai von einem Gericht 4512 Euro Schadenersatz zugesprochen. Urteilsbegründung: Der Stadtrat habe es unterlassen, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

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In Vence hat die Bürgermeisterin die Palmen um die Matisse-Kapelle „impfen“ lassen. Laut Patrice Miran, ihrem grünen Vize, kommt ein Verfahren des Schweizer Chemiekonzerns Syngenta zum Einsatz. Es enthalte „phytosanitäre“ Elemente wie Emamectin-Benzoat – ist im Klartext also ein Insektizid. „Das einzige wirksame Gegenmittel“, meint Miran kategorisch.

Gibt es denn keine natürlichen Mittel zur Bekämpfung des Rotrüssels? Doch, die gibt es, meint Miran, nach eigenen Worten ein Realo-Grüner. „Aber sie werden dem Käfer nicht Meister.“ Der Agronom verhehlt nicht, dass einzelne Gemeinden in Spanien, Italien und auch Frankreich versuchen, der asiatischen Käferplage mit einem rundum biologischen Verfahren zu Leibe zu rücken: Sie setzen Pilze (Beauveria bassiana) und Fadenwürmer (Nematoden) ein, welche die Käfer erledigen und ihre Larven vertilgen. Diese natürlichen Schädlingsgegner werden teils mit Drohnen auf die Palmenkronen gesprüht – außer auf der berühmten Promenade des Anglais in Nizza. Am Schauplatz des furchtbaren Terroranschlags von 2016 sind solche Überflieger verboten.

Nizza hat seit 2015 jede siebte Palme verloren

Das östlich von Vence gelegene Nizza hat seit 2015 jede siebte Palme verloren. Allein im vergangenen Jahr waren es deren 171. Dramatische Zahlen. „Noch schlimmer, das Bio-Vorgehen ist in Nizza völlig gescheitert“, bilanziert Miran. „Ob man es will oder nicht – ohne phytosanitäre Eingriffe werden die Kanarischen Phönixpalmen an der Côte d’Azur bald ganz aussterben.“

Darin liegt das Drama: Je verheerender die Folgen der Klimaerwärmung sind, desto weniger helfen biologische Gegenmaßnahmen. Die steigenden Temperaturen an den mediterranen Gestaden begünstigen die aus den Tropen kommenden Käfer und verlängern ihr Leben von sechs auf neun Monate – genug, um das Herz der Palme von innen her aufzufressen. Seine natürlichen Gegner, die Nematoden-Würmer, ertragen hingegen höchstens 25 Grad Wärme.

Der rote Rüsselkäfer sei auch sonst sehr anpassungsfähig, meint Miran: Noch bevor er alle Phönixe totgefressen habe, mache er sich bereits über andere Arten wie die mexikanische Washingtonpalme und sogar den Lorbeer her.

Noch einen Punkt führt der Vizebürgermeister gegen die biologischen Methoden an: „Der Einsatz von Pilzen und Würmern kostet 700 bis 800 Euro pro Palme, ein Mehrfaches der Insektizide. Die mehrheitlich privaten Palmenbesitzer verzichten deshalb oft.“ Den Jahrestarif für die Palmen-Prophylaxe mit dem Syngenta-Molekül Emamectin beträgt hingegen 72 Euro.

Miran verweist darauf, dass bisher erst die Kanarischen Inseln die Rüsselkäferplage eingedämmt hätten – mit der Nutzung von Insektiziden. Dasselbe Resultat zeigte ein erster Versuch in einer Wüstenoase Marokkos, wo die Zucht von Dattelpalmen nicht nur ästhetische Zwecke verfolge, sondern einen wichtigen Wirtschaftszweig darstelle.

Palmenschutz als Luxus

Mirans Partei der „Unabhängigen Ökologen“ (AIE) versucht nun im EU-Parlament in Straßburg durchzusetzen, dass die Palmen-Prophylaxe europaweit obligatorisch erklärt wird. Aus Agrarkreisen hört man in Frankreich den Einwand, der Palmenschutz sei ein Luxus; wichtiger sei der Schutz vor Schädlingen wie dem Feuerbakterium (Xylella fastidiosa), das mehr als hundert Nutzpflanzen befalle.

Die französische Gesundheitsagentur Anses hatte in einem Bericht Ende 2018 gar gefragt, ob es nicht besser sei, die Phönixpalme an einzelnen Orten ihrem natürlichen Schicksal zu überlassen; andernorts solle man sie „durch andere Pflanzenarten ersetzen“.

Zahlreiche Küstenorte sind bereits dazu übergegangen, weniger anfällige, aber auch weniger majestätische Palemenexemplare zu pflanzen. Miran bedauert dies zutiefst: „Das Wahrzeichen der Côte d’Azur droht zu verschwinden. Das verändert ihr ganzes Erscheinungsbild.“

Doch rechtfertigt der Erhalt des Postkartenbildes den Insektizid-Einsatz? Sie zögen Nebenfolgen nach sich und bedingten ihrerseits den Einsatz von Fungiziden, wendet Nizzas Chefbotaniker Jean-Michel Meuriot ein. Er setzt seine Hoffnungen weiter auf Bio, obwohl ihn eine Einwohnerpetition zu einem entschlosseneren Vorgehen zwingen will. Schwester Bernadette kann nur dafür beten, dass wenigstens noch ihre sieben Palmen überleben werden.

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