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Felix Keller will Gletscher mit Schnee vor dem Klimawandel schützen.
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Felix Keller will Gletscher mit Schnee vor dem Klimawandel schützen.

Klima-Anpassung

Klimawandel: Ein Schweizer will abschmelzende Gletscher bremsen

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Felix Keller hat eine Methode entwickelt, mit der trotz Klimawandel das Abschmelzen der Gletscher verlangsamt werden könnte. Die Inspiration kommt aus dem Himalaya.

  • Die Gletscher schmelzen aufgrund des Klimawandels weltweit, und zwar immer schneller.
  • Ein Schweizer Glaziologe will die Gletscherschmelze mit einer einfachen Technologie bremsen.
  • Die Inspiration kommt aus der Region Ladakh in Indien.

Luzern – Alpen, Himalaya, Rocky Mountains, Anden: Die Gletscher schmelzen weltweit – und zwar immer rasanter. Ein Problem ist das vor allem für die mehreren hundert Millionen Menschen auf der Erde, deren Wasserversorgung davon anhängt. Die Himalaya-Gletscher zum Beispiel versorgen die sieben größten Flüsse Asiens. Die Eisdicke der vom „World Glacier Monitoring Service“ beobachteten Gletscher nimmt derzeit jedes Jahr zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab. Das ist zwei- bis dreimal mehr als der entsprechende Durchschnitt im 20. Jahrhundert.

Der Schmelz-Prozess ist praktisch nicht mehr aufzuhalten. Der Weltklimarat IPCC sagt voraus, dass bei fortschreitender globaler Erwärmung bis zum Jahr 2100 die Gletscher um ein Drittel schrumpfen werden, in Europa droht sogar ein Verlust von vier Fünfteln des Eisvolumens. Selbst bei ab sofort konstantem Klima müsste man noch mit einem deutlichen Eisverlust rechnen.

Gletscherforscher will Gletscher trotz Klimawandel aufhalten - mithilfe von Schnee

Der Schweizer Gletscherforscher Felix Keller will jedoch zeigen, dass es möglich ist, den Eisschwund mit einem neuartigen Beschneiungssystem zu bremsen – zumindest regional. Vor allem dort, wo Gletscher für die Menschen existenzielle Bedeutung als Wasserspeicher und -versorger haben.

Vorige Woche hat Keller am Morteratsch, einem Gletscher im Engadin, seine Testanlage für das Gletscher-Rettungsprojekt „MortAlive“ in Betrieb genommen. Nur eine Schneeschicht könne das Eis wirklich schützen, sagt der Experte bei der Vorstellung des Projekts in der Nähe der Seilbahn-Talstation Diavolezza auf 2000 Metern Höhe. „Sie reflektiert die einfallende Sonnenstrahlung und isoliert vor warmen Sommertemperaturen“, erläutert er. Liege genügend Schnee auf dem Gletscher, schmelze das Eis „kein Milligramm“.

Bisher funktioniert die kleine Schnei-Seil- Testanlage (links) einwandfrei.

Gletscher sollen mit Schnee für den Tourismus gerettet werden - trotz Klimawandel

Das Projekt „MortAlive“ arbeitet mit „Schnei-Seilen“, die an der Hochschule Luzern entwickelt worden sind. Es handelt sich dabei um bis zu einem Kilometer lange Aluminiumrohre, die über dem Gletscher von Fels zu Fels an Tragseilen aufgehängt werden und mit Düsen zur Schneeerzeugung ausgerüstet sind. Herkömmliche Beschneiungsanlagen, die mit Lanzen arbeiten, konnten aufgrund des sich bewegenden Untergrundes der Gletscher nicht eingesetzt werden. Zur Schneeproduktion nutzt das Projekt Schmelzwasser, das im Sommerhalbjahr oberhalb in einem Gletschersee gesammelt wird. Probleme, genügend Wasser für „MortAlive“ zu gewinnen, gibt es also nicht. An einem einzigen Sommertag schmelze eine Million Tonnen Eis, erläutert der Eisforscher. „Wenn wir für ein Jahr zwei Millionen herausnehmen, ist das nichts.“

Kellers „MortAlive“ geht damit weit über bisherige Projekte in der Schweiz hinaus, Gletscherareale zwischen Mai und September mit einem Spezialvlies gegen Sonneneinstrahlung und Hitze abzudecken. Ziel ist es hier, dem Gletscher-Skitourismus eine Perspektive zu erhalten. Inzwischen geschieht das an neun Orten im Land, und es funktioniert für diesen Zweck einigermaßen erfolgreich.

Klimawandel: Gletscher-Schnee ohne Stromverbrauch

Das „Schmelzwasser-Recyling“ des Glaziologen Keller ist weit aufwändiger, der Energieaufwand aber trotzdem gering. Der Clou: Die Anlage wird, wenn sie dereinst in Dauerbetrieb ist, ohne Strom funktionieren. Das Wasser soll dann alleine aufgrund des Höhenunterschieds mit Druck durch das Schnei-Seil und die Düsen gepresst werden, und dort entsteht zusammen mit der Luft der gewünschte Kunstschnee. Das Wasser friert in den Rohren – wenn alles nach Plan funktioniert – selbst bei unter null Grad nicht ein, da es ständig in Bewegung ist. Entwickelt hat das dafür genutzte stromlose System „Nessy ZeroE“ eine Schweizer Firma, die auf Schneebearbeitung und Kunstschnee-Herstellung spezialisiert ist.

Pro „Schnei-Seil“ können pro Tag bis zu 5000 Tonnen von der kalten, weißen „Isoliermasse“ produziert werden. Insgesamt soll ein Quadratkilometer des Morteratsch-Gletschers beschneit werden, etwa zehn Prozent der Gletscherfläche. Dafür braucht es dann sieben bis neun Schnee-Seile, die täglich mindestens 30 000 Tonnen Schnee liefern sollen.

Essenzielles Detail: Aus den Düsen kommt feiner Sprühnebel, der dann zu Schnee wird.

Testbetrieb soll zeigen, ob der Gletscher-Schnee brauchbar ist

Zuerst muss sich aber nun die Testanlage im Dauerbetrieb bewähren, die 30 Meter lang ist und zumindest an den ersten Tagen gut funktioniert hat. „Wir müssen beobachten, wie sich die Düsen verhalten, ob der Schnee brauchbar ist und wie sich die Mechanik unter diesen Temperaturen verhält“, sagt Keller. Eine Forschungsgruppe der Hochschule Luzern führt dazu nun während der aktuellen Wintersaison regelmäßig Tests durch.

Und die Finanzierung? Für sein Projekt hat der Glaziologe 2,5 Millionen Schweizer Franken, das sind rund 2,3 Millionen Euro, von der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung zur Verfügung gestellt bekommen. Bewährt sich die Testversion, könnte schon im nächsten Winter eine größere Anlage installiert werden. Doch auch das wäre nur der Beginn. Um einen Gletscher wirkungsvoll zu beschneien, rechnet Keller in der Schweiz mit Kosten von 100 Millionen Franken, also etwa 93 Millionen Euro, verteilt über die nächsten 30 Jahre.

Gletscherschwund durch Klimawandel lässt sich mit Schnee nicht aufhalten

Nach Felix Kellers Modellrechnungen lässt sich der Gletscherschwund zwar nicht komplett aufhalten, aber doch deutlich verzögern – um 30 bis 50 Jahre. Der Glaziologe glaubt, dass sich der hohe Aufwand durchaus rechnen kann. Vor allem gelte das für Entwicklungsländer-Regionen, die stark von der Versorgung mit Wasser aus den Gletschern abhängig sind, und in denen die Bau- und Betriebskosten der Beschneiungsanlagen auch deutlich niedriger seien als in der Schweiz. Für die betroffenen Menschen bringe das immerhin „eine Verschnaufpause“. Und bis dahin müsse die Menschheit ohnehin auf das Klimaproblem reagiert haben, sagte er jüngst in einem Interview. „Sonst kommt es wirklich schlimm.“

Zustimmung zu Felix Kellers Vision kommt auch von anderen Fachleuten. Der Glaziologe Martin Hölzle von der Schweizer Universität Fribourg meint, Kellers Technologie werde natürlich nicht alle Gletscher retten, aber lokal, für bestimmte Einzugsgebiete, könne sie durchaus sinnvoll sein. Etwa im südlichen Himalaya-Gebirge, wo bereits heute große Trockenheit herrsche. „Dort gibt es im Sommer kaum mehr Wasser in den Flüssen.“

Inspiration für Gletscher-Schnee stammt aus Ladakh

Interessanterweise stammt eine von Kellers Inspirationen für sein „MortAlive“-Projekt von ebendort, aus der Region Ladakh. Hier hat der Inder Sonam Wangchuk sogenannte „Eis-Stupas“ entwickelt, die überdimensionalen Iglus ähneln. Sie entstehen aus einer Konstruktion aus dünnen Stämmen und Ästen, über die ein Stoff oder Seile gespannt sind. Über dieses Trägermaterial lässt man im Winter gespeichertes Schmelzwasser herabrieseln. Es friert dann fest und bildet eine Art immer dicker werdende Eispyramide. Im Frühjahr und im Somme taut das Gebilde langsam wieder ab – und das geschmolzene Wasser wird zur Bewässerung von Feldern benutzt.

Erfinder Sonam Wangchuk hat Keller in der Schweiz besucht und ihm und seinem Team gezeigt, wie man Eis-Stupas baut. Man habe die Technik etwas weiterentwickelt, berichtet der Glaziologe. Das Team hat Eis-Stupas in der Nähe der Schnei-Seil-Testanlage errichtet. Keller räumt ein, sie sähen deutlich besser aus als die von ihm entwickelte technische Anlage mit den Alu-Rohren. Allerdings könne man mit einem einzigen Schnei-Seil so viel Wasser speichern wie mit 1000 Stupas. Zudem sei der Eingriff in die Natur ja reversibel, die Seile könnten, wenn nötig oder gewünscht, schnell wieder abgebaut werden.

Schneebedeckung für Gletscher: Sinnvoll für Himalaya

Felix Keller kann sich vorstellen, dass die erste Komplettanlage für sein Schmelzwasser-Recycling gar nicht in der Schweiz gebaut wird, wo das Wasserversorgungsproblem noch nicht so drängend ist, sondern etwa in Ladakh. Voraussetzung ist, dass die jetzt laufenden Versuche zeigen, dass das Konzept tadellos funktioniert. Eine Finanzierung könne über die Weltbank oder den Grünen Klimafonds der UN laufen, der im Zusammenhang mit dem Pariser Weltklimavertrag eingerichtet wurde. Dass etwas passieren muss, steht fest, sagt Felix Keller: „Unsere Kinder und Enkelkinder werden uns nicht fragen, ob wir gesehen haben, was mit den Gletschern passiert, sondern was wir getan oder nicht getan haben.“ (Joachim Wille)

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