Klimawandel

Antarktis: Ein Friedhof für Eisberge

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Vor den Augen des FR-Autoren Willi Germund tut sich Spektakuläres auf – doch die schmelzenden Eisberge in der Antarktis sind Zeugen des zerstörerischen Klimawandels. Reportage von einem schaurigschönen Friedhof.

  • Anatarktis: Schmelzende Eisberge als Zeugen des Klimawandels
  • Westantarktis ist die labilste Region am Südpol
  • „Weltuntergangsgletscher“ Thwaites bedroht mehrere Metropolen

Die Antarktis meint es gut an diesem Tag auf dem Weg vom entlegenen Ross-Meer zur Insel Peter I. „Wir haben eine maximale Sichtweite von knapp 65 Kilometern“, erklärt Kapitän Ernesto Barria den Schiffspassagierinnen und -passagieren, die neben ihm auf der Brücke stehen und auf das südliche Eismeer starren.

Die beste Sichtweite öffnet an diesem klaren Tag mit sanft wiegendem Seegang und strahlendem Sonnenschein ein überwältigendes Panorama. Selbst der Antarktis-Veteran Barria staunt. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ So weit das Auge reicht treiben kleine und riesige, flache und bizarr gezackte Eisberge auf der Amundsen See vor der Küste der Westantarktis. Wohl nur selten war der Anblick eines Friedhofs spektakulärer.

Antarktis: Abgebrochene Eisberge treiben ihrem Schicksal entgegen

Die Eisberge befinden sich auf dem Weg in ihren sicheren Untergang zu den warmen Gewässern des Pazifiks. Die größten Giganten schaffen es bis zum 50. Breitengrad, bevor sie endgültig geschmolzen sind. Sie sind wahrscheinlich erst vor ein paar Wochen vom ewigen Eis der Antarktis abgebrochen und treiben nun ihrem Schicksal entgegen.

Unter Wasser schimmert in türkisblauen Tönen der größte Teil der Eisberge. Bei anderen schwappt die See über schmutzig braune Steinbrocken – Moränen, die beim Abbrechen mitgenommen wurden und nun irgendwann in den Tiefen des Eismeers versinken werden. Manche sind kilometerlang und flach, erinnern an einen weißen Kuchen.

Sie gehörten noch vor Kurzem zu den Eisschilden und Eiszungen, die von der Küste in den antarktischen Ozean hinausragen. Ihre seltsam gezackten und zerklüfteten Brüder stammen aus einem der Gletscher, die sich in die Amundsen-See ergießen.

Antarktis: Gewaltiges Eisberg-Spektakel in der Amundsen-See

Welch ein Trauerspiel: Der Lebensraum der Pinguine in der Antarktis schwindet.

„Wir haben heute möglicherweise über 4000 Eisberge gesehen“, schätzt der chilenische Schiffsführer am Ende des Tages. Das Fernglas vor Augen lotste Barria sein Schiff, die 91 Meter lange und 18 Meter breite Ortelius, in stundenlanger Slalomfahrt durch den Eisbergfriedhof. Die über Wasser sichtbare Spitze eines Berges stellt meist gerade mal ein Zehntel seiner gesamten Masse dar.

„Bei der Titanic war der Kapitän nicht auf der Brücke“, beruhigt Barria mit einem Augenzwinkern die Passagierinnen und Passagiere, denen ob der zahllosen Eisberge der Untergang des großen Ozeandampfers in den Sinn kommt. Eine Kollision wäre fatal für die Ortelius mit ihren rund 150 Menschen an Bord, von denen 50 zur Besatzung gehören.

Mag sein, dass seine Begeisterung die Schätzungen des Kapitäns über die Zahl der Eisberge nach oben katapultierte. Sicher ist allerdings, dass dieses gewaltige Eisberg-Spektakel in der Amundsen-See das Ende eines langen Sommers markiert, der rund 2000 Seemeilen entfernt auf der antarktischen Halbinseln neue Hitzerekorde brachte. Dort festigten Temperaturen bis zu 20 Grad den Ruf der Peninsula südlich von Feuerland als antarktische Riviera.

Schmelzende Eisberge: „Die Westantarktis ist die labilste Region rund um den Südpol“

Hier auf der Amundsen-See bleiben die Temperaturen selbst bei strahlendem Sonnenschein deutlich unter dem Gefrierpunkt. „Die Eisberge dürften eigentlich nicht hier sein“, sagt Barria. Weder eine Satellitenaufnahme noch die Eiskarte, die auf der Schiffsbrücke täglich aus dem Weltall heruntergeladen wird, zeigte den Eisbergfriedhof.

„Die Westantarktis ist die labilste Region rund um den Südpol“, sagt der Glaziologe Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Im Gegensatz zur Ostantarktis mit ihrer gegenwärtig noch weitgehend stabilen, drei bis vier Kilometer dicken Eisdecke ruhen Gletscher und Eisfelder an der zerklüfteten Küste der Amundsen-See auf Felsen, die niedriger liegen als die Oberfläche des Ozeans.

Wegen des Klimawandels unterspült warmes Wasser des Ozeans Eisschilde und Gletscher. Anfang dieses Jahres entdeckten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass ein Teil der Unterseite des Thwaites Gletschers mit einer Fläche von der Größe Großbritanniens und einer rund 600 Meter dicken Eisschicht nicht mehr auf dem Boden aufliegt.

Schmelzende Eisberge in der Antarktis: „Thwaites ist vermutlich bereits gekippt“

„Thwaites ist vermutlich bereits gekippt“, sagt Eisen. Höchst unwahrscheinlich, dass der Gletscher noch gerettet werden kann. Gegenwärtig bewegen sich seine Eismassen mit einer für Gletscher atemberaubenden Geschwindigkeit von ein bis zwei Kilometer pro Jahr.

Der „Weltuntergangsgletscher“, wie Thwaites von einigen Fachleuten genannt wird, trug während der vergangenen Jahre jährlich etwa vier Prozent zum Ansteigen des Meeres bei. Sollte er völlig abschmelzen, würde weltweit das Meer um mehr als einen halben Meter steigen. Der Glacier alleine könnte das Schicksal mancher Metropole am Meer besiegeln.

„Es gibt etwa 30 Eisfelder und Gletscher entlang der antarktischen Westküste“, sagt Julian Dowdeswell, der Leiter des Scott Polar Research Instituts (SPRI). Der Glaziologe gilt als einer der „vorsichtigsten Wissenschaftler“. Er will die Hoffnung nicht aufgeben: „Ich bin nicht sicher, ob die Entwicklung unumkehrbar ist.“

Die Zahlen des „Spezialbericht über Ozeane und Kryospheräre im Klimawandel“ des Internationalen Klimarats IPCC vom Herbst des vergangenen Jahres fallen freilich eindeutig aus: Das antarktische Eisschild verlor von 2006 und 2015 jährlich etwa 155 Gigatonnen – die dreifache Menge des vorhergehende Jahrzehnts.

Schmelzende Eisberge in der Antarktis: „Niemand hat auf uns gehört“

Das meiste Eis schmilzt in der Westantarktis. Die Zahl entspricht etwa 4000 Tonnen pro Sekunde. In Grönland im Norden des Globus verschwanden im gleichen Zeitraum jährlich 280 Gigatonnen. „Das ist keine Überraschung. Wir Wissenschaftler haben die Entwicklung schon seit 30 Jahren prognostiziert“, sagt Eisen. „Aber niemand hat auf uns gehört.“

90 Prozent der Trinkwasservorräte der Welt sind im Ewigen Eis der Antarktis gespeichert. Viel deutet darauf hin, dass dies nicht lange so bleiben wird, weil die Treibhausgase in der Atmosphäre steigen. „Die CO2-Werte, die wir derzeit haben, gab es seit zwei bis drei Millionen Jahren nicht. Wenn wir so weiter machen, werden wir in absehbarer Zeit bei atmosphärischen CO2-Werten von 800 bis 1000 ppm landen, die es seit 20 bis 30 Millionen Jahren nicht gegeben hat.“, warnt Eisen.

Schon einmal, während des Interglazials vor 116 000 bis 129 000 Jahren, war laut eines Artikels des Magazins „Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America“ (PNAS) die Eisdecke der Westantarktis verschwunden. Damals lag der Meeresspiegel allerdings sechs Meter höher. „Unsere Zahlen deuten darauf, dass die Antarktis angesichts der prognostizierten Erwärmung des Ozeane sehr verwundbar ist“, heißt es im Artikel.

Schmelzende Eisberge in der Antarktis: Im wesentlichen keine Fortschritte erzielt

„30 Jahre lang war das Ziel klar“, schrieb der amerikanische Schriftsteller Jonathan Frantzen im September 2019 im „New Yorker“, „trotz aller Anstrengungen haben wir im wesentlichen keine Fortschritte erzielt. Die wissenschaftliche Beweislage ist eindeutig.

Wer jünger als 60 Jahre sei, habe eine große Chance, die radikale Destabilisierung des Lebens auf der Erde zu erleben, so Frantzen. „Massive Ernteausfälle, apokalyptische Brände, implodierende Wirtschaft, epische Überschwemmungen und Hunderte Millionen von Flüchtlingen, die wegen extremer Hitze und permanenter Dürre aus unbewohnbaren Gebieten fliegen.“ Wenn jünger als 30 ist, erlebe das sozusagen garantiert.

Was für ein Abschluss: Die Reise in die Antarktis endet in einer uralten Hütte.

In seinem vielbeachteten Buch „Die unbewohnbare Erde“ beschreibt der Autor David Wallace-Wells einen Planeten, der sich Kaskaden gleich, mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Klimakatastrophe bewegt. Frantzen argumentiert deshalb: „Wenn wir akzeptieren, dass der Planet sich bald so überhitzen wird, dass er unsere Zivilisationen bedroht, müssen wir uns vorbereiten und eine Menge Maßnahmen vorbereiten.“

Der Schriftsteller Jonathan Frantzen mag mit dem Begriff dramatischen „überhitzen“ übertreiben. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ziehen jedenfalls das Wort „erwärmen“ vor. Der 63-jährige Julian Dowdeswell, als Leiter des SPRI in Cambridge sozusagen der oberste Polarforscher in der britischen Universitätsstadt, hofft dennoch, Vernunft könne die Realpolitik zur Einsicht bekehren. „Die These, es sei zu spät, wäre verheerend und falsch. Sie führt zu Mutlosigkeit“, meint Dowdeswell.

Die Antarktis, wie sie leibt und lebt – zumindest noch

Sein Forschungsinstitut wurde vor 100 Jahren mit überzähligen Spenden gegründet, die nach dem Tod des britischen Polarforschers Robert Falcon Scott zur Unterstützung der Familie des Expeditionsführers und seiner Begleiter gesammelt worden waren. Scott unterlag im Wettrennen zum Pol dem Norweger Roald Amundsen und erfror mitsamt seinen Begleitern bei der Rückkehr zum Basislager auf Kap Evans am McMurdo Sound.

Ein paar Tage, bevor die Ortelius in der Amundsen-See in den Eisbergfriedhof schipperte, trotzt Dowdeswell im McMurdo Sound an der Reling des blau-weiß gestrichenen und 1989 in Polen vom Stapel gelaufenen Schiffes dem widrigen Wetter. Er starrt auf eine hellbraune Hütte am Ufer. Sie wurde vor knapp 110 Jahren von dem Mann am Fuße des aktiven Vulkans Mount Erebus gebaut.

Ihm verdankt das Forschungsinstitut seinen Namen. Der britische Polarforscher Scott brach dort zu seinem Gewaltmarsch ohne Wiederkehr an den Südpol auf. Dowdeswell leitet nun eine 25-köpfige Reisegruppe, die im Jahr 100 nach der Gründung seiner Stiftung die Hütte besichtigen will. Bei 18 Grad minus verwandelt der Wind, der mit rund 40 Knoten Stärke vom Meer Richtung pfeift, das Ufer rund um die Hütte in eine schwarz-weiße Wüste aus Eis und schwarzem Vulkangestein.

Über dem Meer steigt Dampf auf. Dann bildet sich eine schwerfällige Lauge, es folgt Pfannkucheneis und nach einigen Stunden ist die See mit dünnem Eis überfroren. Die Antarktis, wie sie leibt und lebt – zumindest noch. Plötzliche Wetterumschläge gehören hier zum Alltag. „Die Bedrohung der Antarktis kommt aus dem Rest der Welt“, sagt der SPRI-Leiter.

Willi Germund

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Rubriklistenbild: © Willi Germund 

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