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Wünscht sich mehr Liebe statt Kohlendioxid in der Luft: Raina Ivanova.
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Wünscht sich mehr Liebe statt Kohlendioxid in der Luft: Raina Ivanova.

Klimaschutz

„Ich bin nicht perfekt, darum geht es auch nicht“

  • VonAndreas Sieler
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Die 17-jährige Schülerin Raina Ivanova aus Hamburg engagiert sich für den Klimaschutz. In einem neuen Buch erzählen sie und 59 weitere Jugendliche weltweit von ihrem Kampf für eine bessere Zukunft. Ein Gespräch über Ängste, Argumente und warum Aufgeben keine Option ist

Frau Ivanova, wie sind Sie Klimaaktivistin geworden?

Das hat angefangen, als ich die Dokumentation „eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore gesehen habe. Damals war ich zwölf und konnte nicht glauben, dass wir Kenntnisse über den Klimawandel schon so lange haben und niemand etwas dagegen macht. Dann habe ich mit zwei Freundinnen ein Referat über den Klimawandel halten können. Dazu habe ich recherchiert und bin auf die ganzen deprimierenden Fakten und Statistiken gestoßen, die zeigen, dass, wenn wir so weitermachen, die Temperatur um fünf Grad ansteigen könnte und was das alles für uns Menschen und auch für mich bedeutet – ich werde zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch leben. Danach habe ich angefangen, Dinge in meinem Leben zu verändern und auf Fridays-for-future-Streiks zu gehen. Die Themen Klimawandel und Nachhaltig-Leben sind bei uns zu Hause viel prominenter geworden in unserem Alltag. Und ich habe angefangen, mit meiner jüngeren Schwester darüber zu sprechen, sie war damals sieben Jahre alt. Das war einer der erschütterndsten Momente, wenn man die kleine Schwester, die das ja auch alles miterleben wird, weinen sieht und die Angst in ihren Augen sieht, wenn man berichtet, worauf wir mit der Klimakatastrophe zurasen.

Würden Sie sich überhaupt selbst als Klimaaktivistin bezeichnen?

Ich finde den Begriff komisch. Wenn mich Leute fragen, wie ich mich beschreiben würde, dann würde ich schon Klimaaktivistin sagen, weil die Menschen damit etwas verbinden. Es ist für mich nicht so wichtig, ob man mich so bezeichnet. Denn manchmal treten die ganzen anderen Aspekte, die hinter Klimaaktivismus stecken, nicht in den Vordergrund: Sich für eine gesunde Umwelt einzusetzen, ermöglicht mir, mich auch für viele andere Dinge gleichzeitig einzusetzen. Wenn man sich anschaut, wer am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen ist, dann sind das ärmere Länder im globalen Süden. Und wir wissen, dass People of Color beispielsweise stärker von Naturkatastrophen betroffen sind als Weiße und dass Frauen stärker betroffen sind als Männer, vor allem in Entwicklungsländern. Wenn ich mich für Klimaschutz einsetze, erlaubt mir das gleichzeitig, mich zu einem gewissen Grad für diese anderen Probleme einzusetzen. Wir brauchen ohnehin einen intersektionalen Ansatz, um etwas bewegen zu können.

Kommen wir auf das Buch zu sprechen: Welche Beiträge finden Sie besonders inspirierend?

Schwer zu sagen. Ich nenne jetzt mal Catarina Lorenzo, auch, weil ich sie kenne und sie bei der UN-Beschwerde dabei ist. Ihre Geschichte finde ich superinspirierend. Besonders beeindruckend finde ich die Beiträge der jungen Leute, die bereits aufgrund der Klimakrise viel Schlimmeres erlebt haben als ich, weil die Orte, an denen sie leben, stärker betroffen sind. Und wie sie dann aus den Katastrophen, die um sie herum passieren, Inspiration und Kraft ziehen, um etwas Gutes zu bewirken und mit so viel Optimismus an das Problem gehen, das finde ich sehr beeindruckend.

In Ihrem Text schreiben Sie ebenfalls, dass man aus der Krise anstelle von Angst auch Hoffnung und Zuversicht ziehen kann. Wie genau meinen Sie das?

Ich finde, das ist eine außergewöhnliche Eigenschaft meiner Generation. Im Grunde ist es ja ziemlich deprimierend, wenn man sich anschaut, in welche Richtung wir momentan rasen. Auch der IPCC-Report, der gerade herausgekommen ist, berichtet von dem Szenario, dass wir die 1,5-Grad-Erwärmung früher erreichen. Das hört sich alles nicht gut an, und wir wissen schon lange, dass es auch nicht gut aussieht. Jugendliche nehmen diese Studien und wissenschaftlichen Erkenntnisse und unglaublich traurigen Bilder und Videos von Stürmen, um daraus die Kraft ziehen, globale Bewegungen und Streiks zu initiieren wie bei Fridays for future. Sie setzen sich für eine nachhaltige Zukunft ein, anstatt zu sagen „es ist sowieso aussichtslos“. Dass wir Druck machen und nicht aufgeben, selbst wenn es momentan nicht super aussieht – das ist das, was ich damit sagen wollte.

Sie sprechen den IPCC-Report an. Glauben Sie, dass der Bericht das politische Handeln wirklich beschleunigt?

Schwer zu sagen. Ich würde gerne hoffen, dass Politikerinnen und Politiker nun stärker veranschaulicht wurde, wie ernst die Klimakrise ist. Im Grunde wissen das aber alle. Ich weiß nicht, ob das auf die Politikerinnen und Politiker, die momentan im Parlament sitzen, den Einfluss haben wird, den es sollte.

Zu Person & Buch

Raina Ivanova ist eine 17-jährige Schülerin aus Hamburg. 2019 reichte sie mit Greta Thunberg und 14 weiteren Jugendlichen in New York eine Beschwerde beim UN-Kinderrechtsausschuss ein, da Kinderrechte durch die Folgen des Klimawandels eingeschränkt und verletzt werden. Für den Klimaschutz engagiert sich Ivanova unter anderem bei Fridays-for-future-Streiks, als Teil des Unicef-Jugendbeirats und über das Jugendforum „Youth:Present“ des „World Future Council“.

Das Buch: 60 junge Klimaaktivist:innen aus rund 50 Ländern aller Kontinente berichten in kurzen Texten für ihre Generation im Kampf gegen die Klimakrise. Was sie antreibt, was sie motiviert, mit welchen Ideen sie andere inspirieren wollen, das Klima zu retten. Einzige Autorin aus Deutschland ist Raina Ivanova, die in der deutschsprachigen Ausgabe auch das Vorwort verfasst hat. ansi

Akshat Rathi (Hrsg.): „Klima ist für alle da. Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten.“ Blanvalet, München, 320 Seiten, 18 Euro

Zurück zum Buch: in vielen Beiträgen beklagen Aktivist:innen, dass sie aufgrund ihres jungen Alters kämpfen müssen, um ernst genommen zu werden. Haben Sie diese Erfahrung auch hier in Deutschland gemacht?

Ich glaube nicht, dass das in Deutschland weniger ein Problem ist als in anderen Ländern. Es kommt darauf an, mit wem man spricht. Wenn man sich mit jemandem unterhält, den das, wofür man sich engagiert, interessiert und der auf der gleichen Seite steht, dann muss man diese Person nicht überzeugen – dann ist auch das Alter irrelevant. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, wenn ich mit älteren Leuten gesprochen habe, die nicht von der Notwendigkeit des Klimaschutzes überzeugt waren, dass es schon schwer war, sich durchzusetzen, auch wenn meine Argumente nicht schwächer waren. Das liegt schon daran, dass ich jünger bin, und ich vermute, dass die Erwachsenen denken, dass ich mich deswegen nicht gut genug auskenne. Das ist durchaus ein Problem. Deswegen zeigen wir auch immer auf, dass man eigentlich nicht auf uns, die junge Generation, hören sollte, sondern auf die Wissenschaft. Das ist das, worauf wir alle hören müssten.

Wie wichtig ist der Dialog zwischen den Generationen? Schuldzuweisungen an die „Erwachsenen“ sind ja gerechtfertigt.

Das ist ein Problem, das schon im Titel des Buches steckt – „Klima ist für alle da“. Weil die Klimakrise viel zu häufig als das Problem der jungen Generation abgestempelt wird, weil wir sie länger miterleben werden. Ich finde es schade, wenn daraus ein Generationenkonflikt entsteht, dass man sagt – so dahingesagt: „Die alten Leute haben das Problem geschaffen, jetzt müssen die Jungen es klären, weil die Alten sich nicht mehr dafür interessieren und nicht mehr da sein werden, wenn es ernst wird.“ Das finde ich zum einen falsch, weil der Klimawandel jetzt schon da ist. Es ist ohnehin ein Problem von allen. Das kann und soll eine Generation nicht alleine lösen. Zum anderen finde ich es schade, wenn der Zusammenhalt fehlt. Viele von uns Jugendlichen haben gar nicht die Möglichkeit, sich jetzt schon in dem Maße für Klimaschutz einzusetzen wie Erwachsene. Weil wir, wenn wir unter 18 sind, nicht wählen können. Oder wir verfügen nicht über unsere eigenen Finanzen. Deswegen müssen alle zusammen an der Krise arbeiten, weil es anders nicht funktioniert und nicht fair ist. Das Klima ist für alle da, deswegen müssen sich alle dafür einsetzen.

Ein Satz von Ihnen: „Am meisten stört mich, dass meine Freunde sich jetzt so fühlen, als würde ich sie jedes Mal verurteilen, wenn sie mit dem Auto irgendwohin fahren oder etwas aus Plastik kaufen.“ Ist das so?

Am Anfang war das schon so, vor allem bei Leuten, die mich nicht so gut kannten. Ich hatte auf einmal diesen großen Klimaschutzstempel auf mir und das Gefühl, dass sich die Leute um mich herum anders verhalten haben. Wenn wir in den Supermarkt gegangen sind, wurden halt keine Plastik- sondern Glasflaschen gekauft – was mich natürlich gefreut hat. Der Grund, warum ich das geschrieben habe, ist, dass ich kein Fan davon bin, wenn man einzelne Menschen verurteilt, weil sie nicht 100 Prozent plastikfrei und CO2-neutral leben. Am Ende kommt es nicht auf die eine Plastikflasche an, sondern auf die ganzen Ressourcen, die wir nicht sehen, aber jeden Tag konsumieren. Wasser ist ein sehr gutes Beispiel. Man sagt, man möchte Wasser sparen. Dann ist es nicht das Schlaueste, nur noch drei statt zehn Minuten zu duschen. Natürlich sollte man das machen. Aber es wäre sinnvoller, auf die Lebensmittel, die man konsumiert, zu achten und zu schauen, wie viel Wasser geht dort in die Produktion rein. Wenn man so den Fokus verschiebt, kann das etwas bewirken.

Sind Sie selbst immer konsequent, wenn Sie zwei Optionen haben, stets die bessere für das Klima zu wählen?

Nein, und ich glaube, das geht auch nicht, in der Welt, in der wir leben. Wenn ich sagen würde, mir ist es so unglaublich wichtig, dass ich plastikfrei und CO2-neutral lebe, dann würde ich mich so fertig machen wegen einzelner Sachen, die ich nicht kontrollieren kann. Oder ich würde mich zu einem gewissen Grad isolieren, wenn jemand etwas mitbringt, das in Plastik verpackt ist, und ich sage: „Sorry, kann ich nicht essen.“ Deswegen sollte man sich nicht fertig machen. Ich mache so viel, wie es geht, und habe sehr viel umgestellt bei mir zu Hause. Vieles davon ist einfach: Plastikflaschen kaufe ich seit Jahren nicht mehr, meine Zahnbürste ist aus Bambus, ich benutze nur noch feste Duschbrocken. Klamotten haben einen großen Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck, deswegen kaufe ich Secondhand – und nicht noch mehr, weil ich genug habe. Das sind Sachen, auf die ich stark achte. Aber ich bin auf jeden Fall nicht perfekt, das muss man auch nicht sein. Wenn wir uns in den Wahnsinn treiben, weil wir auf Perfektion aus sind, rasen wir am Ziel vorbei. Denn es hat einen größeren Einfluss, wenn viele Leute unperfekt handeln, aber etwas verändern – und nicht zu 100 Prozent klimaneutral sind, aber zu soliden 70 Prozent. Das bringt mehr, als wenn nur ein paar Menschen komplett kein CO2 mehr ausstoßen.

Wie schauen Sie in die Zukunft im Bezug auf das Klima? Positiv? Hoffnungsvoll? Unsicher? Was überwiegt?

Ehrlich gesagt, denke ich nicht so oft über die Zukunft nach. Zum einen, weil es mich traurig macht, wenn ich realistisch abschätze, in welche Richtung es geht. Zum anderen, weil ich den Sinn darin nicht ganz sehe. Es ist natürlich sehr wichtig, darauf zu schauen, was für Konsequenzen unsere jetzigen Handlungen haben werden. Aber ich glaube, es ist sowieso klar, dass es superdringend ist, jetzt zu handeln, weil wir keine Zeit mehr haben. Deswegen versuche ich, im Jetzt so viel zu tun wie es geht. Und ich habe dabei dann auch eine optimistische Einstellung. Weil pessimistisch zu sein und nicht daran zu glauben, dass wir etwas verändern können, das würde mir mental nicht gut tun und dafür sorgen, dass ich weniger oder gar nichts mehr tun werde. Ich denke nicht gerne an Zukunftsszenarien, das würde mich traurig und depressiv machen.

Interview: Andreas Sieler

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