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Nachhaltig in die Ferne: Reisefotos von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser – 2013 im Iran.
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Nachhaltig in die Ferne: Reisefotos von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser – 2013 im Iran.

Reisen

„Klimaschutz muss Spaß machen“

  • Fabian Böker
    vonFabian Böker
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„Terran“ ist der Name eines neuen Vereins und ein Ausdruck für die Lebenseinstellung von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser. Ohne Flugzeug haben die beiden die Welt bereist und wollen nun – ohne erhobenen Zeigefinger – andere Menschen von den Vorzügen nachhaltigen Reisens überzeugen. Dabei spielt Sprache eine Rolle.

Das Thema Reisen ist aktuell eher schwierig. Für die allermeisten Menschen aufgrund der geltenden Corona-Regeln. Für Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser aber auch, weil sie mittlerweile drei Kinder haben. Dennoch freuen sie sich darauf, irgendwann wieder unterwegs zu sein und sich dann über ihre Erlebnisse mit anderen auszutauschen. „Wir waren jetzt drei Wochen terran unterwegs.“ – „Das klingt gut, wir wollen kommendes Jahr ein terranes Jahr machen.“ – „Unsere Freunde haben sich jetzt entschieden, nur noch terran zu reisen.“ So könnte eines ihrer Gespräche dann klingen. Aber was bedeutet „terran“? Wenn man so will, eine Lebenseinstellung von Patrick und Gwen.

Reisen ist das große Lebensthema der beiden. 2013 sind sie zu einer am Ende fast dreieinhalbjährigen Weltreise aufgebrochen, die sie später unter dem Titel „Weit“ als Film und Buch verarbeitet haben. Entscheidendes Merkmal des Trips, auf dem auch ihr erstes Kind zur Welt kam: Er wurde ohne Flugzeug bestritten. Und genau darum geht es auch bei ihrem neuen Projekt, an dem in einem Verein aktuell rund zehn weitere Personen aktiv beteiligt sind. Ziel ist nicht weniger als die Etablierung eines neuen Wortes: „terran“. „Terran“ soll zum Synonym für „ohne Flugzeug unterwegs“ werden. Wer auf dem Landweg nach Indien reist, macht das dann „terran“. Wer, statt nach Bali zu fliegen, mehrere kleine Touren innerhalb von Europa macht, und zwar mit Bus und Bahn, reist „terran“. Und wer eine Konferenz organisiert, zu der niemand mit dem Flugzeug anreist, kann hinterher vor einer „terranen“ Veranstaltung sprechen.

Für Patrick Allgaier kann „Sprache ein Schlüssel zu Veränderung sein“ und „das Bewusstsein verändern“. Dieses Bewusstsein, in diesem Fall für Klimaschutz und Nachhaltigkeit, sei ihm und seiner Partnerin während ihrer eigenen großen Tour gekommen. „Vorher stand eher der romantische Aspekt einer solchen Reise im Vordergrund“, gibt er zu. „Doch je länger wir auf dem Landweg unterwegs waren, desto mehr kreisten die Gedanken um den nachhaltigen Charakter von Reisen allgemein.“

Vor rund eineinhalb Jahren kam dann die konkrete Idee auf, ein neues Wort zu schaffen. Denn die schon existierenden Varianten gefielen Patrick, Gwen und einigen anderen nicht. Ausdrücke wie „ohne Flugzeug“ oder „flugfrei“ drückten erdgebundenes Reisen zwar auch aus, aber mit einer Verneinung. Oder der Begriff „Flugscham“, der seinen Ursprung 2017 in Schweden und dort messbare Auswirkungen wie einen starken Anstieg der Zugbuchungen bei gleichzeitigem Rückgang der innerschwedischen Flüge hatte. Tolle Erfolge, findet auch Patrick, „und trotzdem ist Flugscham begrifflich negativ assoziiert, das schlechte Gefühl steht im Vordergrund“.

2014: Strecke machen auf der Pritsche - Patrick und Gwen in Pakistan.

Genau das wollen Patrick, Gwen und der von ihnen in Freiburg mitgegründete gemeinnützige Verein „terran“ ändern. Ihr neues Wort soll bejahend und positiv sein, soll eine kommunikative Alternative bieten und, so Patrick, „Umständliches einfacher gestalten, um es in die öffentliche Kommunikation zu bringen“. Denn Klimaschutz, um den es ja letztendlich geht, „muss Spaß machen und darf keine Bürde sein“.

Daher will die „terran“-Bewegung auch eines auf keinen Fall sein: dogmatisch. Wer auf seine Flugreise nach Bali nicht verzichten will, kann oder vor allem nicht die Zeit hat, diese Strecke auf dem Landweg und per Schiff zu absolvieren – den wollen die „Terraner“ nicht an den Pranger stellen. Denn „terran“ zu sein, das bedeute „nicht unbedingt, nie mehr in ein Flugzeug zu steigen“, stellt Patrick Allgaier klar.

Aber ermöglichen Flugreisen nicht, dass man viel mehr von der Welt kennenlernt, sich häufiger mit anderen Menschen austauscht und damit etwas zur Völkerverständigung beiträgt? Patrick sieht das anders. Statt jedes Jahr für zwei Wochen in ein exotisches Land zu fliegen, könnte man auch alle sieben Jahre für mehrere Monate verreisen, um länger und intensiver in eine Kultur eintauchen zu können. Oder für längere Zeit im Ausland leben, arbeiten und studieren. Und wie Corona aktuell gezeigt habe, „können wir mit der Welt auch in Kontakt sein, ohne unseren Ort zu verlassen, dank Internet und Skype. Weniger zu fliegen schließt also eine echte Völkerverständigung nicht aus.“

Terran Reisen

Der Begriff „terran“ leitet sich vom lateinischen Wort „terra“ (Erde) ab, das Adjektiv soll Fortbewegung am Boden bedeuten. Nicht zu verwechseln ist es mit dem bereits bestehenden Nomen Terran. Damit ist ein Block der Erdkruste gemeint, der sich durch großtektonische Verschiebungen an einen anderen Kontinent angelagert hat.

Infos zum Verein, der 2019 in Freiburg entstanden ist, gibt es unter www.terran.eco. Dort wird unter anderem die Vision einer Welt, in der „terranes“ Reisen selbstverständlich ist, erklärt. Außerdem finden sich dort „terrane“ Geschichten in den Rubriken Reisen, Arbeiten, Alltag und Urlaub.

Der Verein ist in Deutschland der Haupt-Projektpartner des europaweiten Netzwerkes „Stay grounded“, das sich für die Reduktion von Flugverkehr einsetzt. Auch in der Schweiz hat sich mittlerweile ein „terran“-Verein gegründet.

Zumal „terran“ ja gar keinen ausschließenden Charakter habe. Vielmehr könne das auch punktuell gedacht werden, eben in Form von einzelnen Reisen, konkret definierten Zeiträumen (ein „terraner“ Sommerurlaub, ein „terranes“ Jahr), begrenzten Gebieten (innerhalb Europas „terran“) oder im Arbeitsleben, wie bei den vielleicht in Zukunft „terran“ organisierten Konferenzen.

2015: Mit Zelt und Bus durch Mittelamerika.

Daher will der Verein in Zukunft auch das Gespräch mit Unternehmen führen. „Wir wollen den Firmen ein Portfolio anbieten“, sagt Patrick. Und auf diese Weise zum Beispiel dafür sorgen, dass es im Betrieb möglich ist, den Chef oder die Chefin nach ein paar Tagen mehr Urlaub zu fragen, wenn die anstehende Reise auf dem Landweg – und damit „terran“ und nachhaltig – bestritten wird. Dass das möglich ist, weiß Patrick. Natürlich ist ihm klar, dass der bereits erwähnte Landweg nach Indien sehr zeitaufwendig ist. Aber muss es Indien sein? Patrick und Gwen können auch von Freiburg nach Schottland mit dem Zug fahren. In rund zwölf Stunden. Auch wenn der Flieger – reine Flugzeit – nur knapp zwei Stunden braucht. „Das längere Unterwegssein“, so seine Erfahrung, „wird meistens durch das Gefühl aufgewogen, die Strecke ohne Flugzeug gemeistert zu haben.“

Denkbar seien auch „terrane“ Reisebüros. Weitere Ideen sind gerne gesehen, der Verein arbeitet „open sourced“, nimmt also Anregungen jederzeit entgegen.

Im Freundeskreis haben Patrick, Gwen und die anderen das Wort „terran“ schon durchaus etabliert. Damit es aus dieser Blase herauskommt, muss natürlich noch viel geschehen, darüber sind sie sich einig. Ein Schritt zum Beispiel wäre die Aufnahme in den Duden. Dessen Redaktion kann sich zu konkreten Vorschlägen nicht äußern, weil es automatisierte Prozesse für mögliche neue Wörter gibt. So werden zum Beispiel mit Hilfe von Computerprogrammen unzählige Texte durchsucht und dabei ermittelt, ob dort bislang unbekannte Begriffe auftauchen. Ist diese Suche über einen längeren Zeitraum und bei verschiedenen Textarten erfolgreich, kommen die Wörter auf eine Neuaufnahmeliste. Selbiges geschieht, wenn sich bei der Sprachberatung Anfragen zu einem bestimmten Begriff häufen. Die Entscheidung selbst fällt am Ende die Redaktion.

Der Verein hofft, dass das Wort irgendwann zur Alltagssprache gehört, und zwar auch bei denen, die eben nicht „terran“ reisen. „Der Fleischesser verwendet ja auch das Wort ‚vegan‘“, zieht Patrick Allgaier einen nicht nur phonetischen Vergleich.

Aber auch unabhängig von der Verankerung des konkreten Begriffes in der Sprache kann die Idee des Vereins, der kürzlich den 2. Platz beim Umweltpreis der Stadt Freiburg erreicht hat, eine Diskussion in Gang setzen. So sagt zum Beispiel Petra Thomas, Geschäftsführerin von „Forum anders reisen“, dem Verband für nachhaltigen Tourismus: „Grundsätzlich hat das Thema Anreise eine große Bedeutung im Tourismus und ist aktuell in der gesellschaftlichen Wahrnehmung auf dem Vormarsch. Daher begrüßen wir die Freiburger Initiative mit dem Ansatz, Informationen modern aufzubereiten und damit sichtbar zu machen. Ob es für die erdgebundene Anreise oder Überlandfahrt einer neuen Wortschöpfung bedarf, kann ich nicht beurteilen.“

2016: Hoch hinaus mit Nachwuchs – die Familie in den spanischen Pyrenäen.

Regine Gwinner, Chefredakteurin des Magazins „Anderswo“, das sich seit mehr als 30 Jahren den Themen nachhaltige Mobilität und nachhaltiger Tourismus widmet, sieht es ähnlich. Sie stimmt mit dem „terran“-Verein dahingehend überein, dass Sprache das Bewusstsein prägt: „Ich bin überzeugt davon, dass treffende und schlagkräftige Begrifflichkeiten einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung und unser Handeln haben.“ Als Beispiel wählt sie den für Patrick Allgaier zu negativ besetzten Begriff „Flugscham“, an dem man gut sehen könne, „wie plötzlich ein Thema breit in der Öffentlichkeit diskutiert wird, das vorher zwar auch schon da war, aber eher als Randthema wahrgenommen wurde“. Daher findet Gwinner den Ansatz gut, einen neuen unbelasteten Begriff einzuführen. Ob sie dafür aber auch „terran“ verwenden würde? „Mir liegt es immer auch am Herzen, die Verkehrsmittel zu nennen, die involviert sind, weil ich das im Reisekontext emotionaler und greifbarer finde.“

Mit einer Sache aber dürfte Gwinner die uneingeschränkte Zustimmung der „Terraner“ finden: „Begriffe wie ‚verträglich‘, ‚nachhaltig‘ oder ‚erdgebunden‘ bleiben dann doch immer ein bisschen kühl.“ Und der Kühle zu entfliehen, dass wollen sie alle, ob nun mit einer Reise auf dem Landweg oder sprachlich.

2014: Nach Irkutsk? Manchmal kommt man per Daumen voran.

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