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Kleiner Pinsel in rauer Hand

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Warum sich Männer im Oktober die Nägel lackieren sollten. Und wenn sie wollen auch im November noch.

In „Snow White and the Huntsman“ spielt er 2012 den heldenhaften Jäger, ein Jahr zuvor mimt er den Marvel-Superhelden „Thor“. Und 2016 begibt er sich in der Neuverfilmung von „Ghostbusters“ auf Geisterjagd: Chris Hemsworth ist „ein ganzer Kerl“, hieße wohl die tradierte Personenbeschreibung bunter Medien. Würde auch zu seinem aktuellsten Instagram-Bild passen. Fast: Vollbärtig-markant lässt er seine Muskeln spielen, blickt grimmig in die Kamera. Und dann der Störfaktor: Hemsworth hält seine linke Hand in die Kamera, den Zeigefinger rot lackiert. Chris Hemsworth, der „Sexiest Man Alive 2014“, der „Huntsman“, „Thor“, der Geisterjäger – mit rotem Nagellack. Was ist hier bloß los?

Ein guter Zweck: Bereits zum dritten Mal fordert die Social Media-Kampagne „Polished Man“ der australischen Nonprofit-Organisation Ygap Herren dazu auf, sich den Oktober hindurch einen Fingernagel ihrer Wahl in einer Farbe ihrer Wahl bunt anzumalen. Eines von fünf Kindern weltweit würde bis zu seinem 18. Lebensjahr physisch oder sexuell missbraucht, zitiert Ygap einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation aus 2014. Eben darum ein lackierter Finger von den fünfen einer Hand.

So soll die Kampagne aufmerksam machen: Unter dem Hashtag „#polishedman“ können die „lackierten Männer“ Bilder ihrer Ein-Finger-Maniküre über Facebook, Twitter oder Instagram teilen. Zudem können Teilnehmer auf der Website des Projekts ein Profil anlegen und darüber ihre eigene Spendensammlung initiieren. Alle Erlöse gehen an Präventionsprojekte und Therapieangebote für die Opfer sexueller Gewalt im Kindesalter.

Neben Hemsworth zeigten sich in diesem Jahr bereits die Schauspieler Don Cheadle („Iron Man“), Gabriel Macht („Suits“) und Tyler Blackburn („Pretty Little Liars“) mit einem bunten Nagel. 2014 waren zum Beispiel Starkoch Mario Batali, Football-Spieler Tony Richardson und Schauspieler Alec Baldwin mit dabei.

Ein Fingerchen lackieren gegen Kindesmissbrauch – ist das nicht einfältig? Kritikern kann die Organisation Ygap mit ihrem Vorjahresbericht antworten: 261 933 US-Dollar hat das Projekt 2015 eingebracht, 60 Prozent mehr als im ersten Kampagnenjahr 2014. Bringt also schon etwas. Aber warum beschränkt sich die Kampagne auf männliche Teilnehmer? „90 Prozent aller Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder werden von Männern ausgeübt“, antwortet die Organisation. So sollen speziell sie ein Zeichen setzen. Frauen lädt Ygap dazu ein, zumindest symbolisch mitzumachen: „I prefer a #PolishedMan“, „ich bevorzuge einen Mann mit Nagellack“, möge auf den sozialen Medien geteilt werden. Zudem sollen die Frauen den Herren beim gewöhnungsbedürftigen Umgang mit dem Miniaturpinsel unter die Arme greifen, steht auf der Projekt-Website.

Und warum überhaupt Nagellack? Hinter der Idee steckt eine persönliche Anekdote des Initiatoren und Ygap-Geschäftsführers Elliot Costello: Während eines Besuchs in Einrichtungen der Hilfsorganisation Hagar International in Kambodscha lernte er die kleine Thea kennen. Die beiden freundeten sich an, zum Abschied lackierte das Mädchen dem Mann die Fingernägel blau. Erst am nächsten Tag erfuhr Costello ihre Geschichte: Mit acht Jahren wurde Thea von ihrem Betreuer in einem Waisenhaus physisch und sexuell missbraucht, zwei Jahre hindurch, jeden Tag. Als Erinnerung an seine Begegnung mit Thea fing Costello damit an, sich einen Nagel bunt zu färben. Das war der Anfang der Nagellack-Kampagne.

Nicht die einzige Aktion, die bunte Nägel mit einem wohltätigen Zweck verbinden will: 2015 forderte die New Yorker Organisation Safe Horizon dazu auf, über die sozialen Medien Fotos eines violett lackierten Ringfingers zu teilen, um auf häusliche Gewalt aufmerksam zu machen. In Deutschland rief Anfang des Jahres Reality-Darsteller Philipp Stehler als Reaktion auf die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht zu zwei lackierten Fingernägeln samt Facebook-Foto auf.

Und eben erst wurde auch eine ganz persönliche Nagellack-Geschichte im Internet hundertfach geteilt: Eine junge Frau in den Vereinigten Staaten hatte ihren kleinen Finger verloren, traumatisiert von dem Ereignis fühlte sie sich speziell beim Lackieren ihrer Fingernägel an den Unfall zurückerinnert – ein Finger weniger nun mal. Also legte ihr Mann seine eigene Hand unter die ihre, um ihr den fehlenden Nagel zu ersetzen. Auf dem Foto, das sodann im Mai viral lief, sieht man ihre Hand auf seiner liegen – die vier Nägel ihrer Hand und der eine an seiner blau lackiert.

Männer mit Nagellack – das geht nur in Verbindung mit einem guten Zweck. Oder einer herzzerreißenden Anekdote wenigstens. Könnte man zumindest meinen. Dass Nagellack für Männer aktuell jedoch auch ganz ohne tragische Geschichte dahinter Thema wird, verdeutlichen entsprechende Magazinartikel und Blogs wie „maennerlack.de“: Hier werden gewichtige Fragen beantwortet wie „warum kann auch ein Mann Nagellack tragen?“, „wie gewöhne ich mich und meine Umgebung an die lackierten Nägel?“ oder „sind lackierte Nägel bei einem Mann typisch für einen Schwulen?“ Und vor allem: „Wie mache ich den Nagellack wieder ab?“ Es bleiben aber die Prominenten, die die größte Aufmerksamkeit für den lackierten Männernagel generieren: Johnny Depp, Brad Pitt, Jared Leto, Zac Efron. Sänger Seal mit neongelben Fingernägeln, Fußball-Star Ronaldo färbt sich die Zehennägel schwarz. In den 70ern lackierten Reed und Bowie, in den 90ern Kurt Cobain. Deutscher Vorreiter ist Lars Eidinger: Der Schauspieler trägt am liebsten schwarzen oder dunkelblauen Lack. Eigentlich so gut wie immer sogar, zumindest privat, wenn er nicht auf der Bühne oder vor der Kamera steht und ihm keine Rolle nackte Nägel abverlangt.

Und sowieso: Die männliche Nagelkunst hat eine lange Tradition. Als Zeichen der Macht färbten sich schon 3000 Jahre vor Christus Männer und Frauen der chinesischen Kaiserfamilie die Nägel rot und schwarz. Die Babylonier benutzten goldenes Werkzeug für die Maniküre, ägyptische Wandmalereien zeigen die Vorgänge einer Pediküre auch am Mann.

Wer sich also gern die Nägel bunt bemalen will, der darf das auch – ganz geschlechterunabhängig. Und wenn doch mal jemand blöde guckt, dann sei auf die lange Tradition verwiesen. Oder auf den guten Zweck, wenn es denn einen gibt. Und übrigens: Männer entfernen sich den Nagellack mit Nagellackentferner. Genau wie die Frauen.

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