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Weil sie nicht rein durften, tanzten die Teilnehmer des "Rolezinhos" kurzerhand vor der Tür der Shopping Mall.
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Weil sie nicht rein durften, tanzten die Teilnehmer des "Rolezinhos" kurzerhand vor der Tür der Shopping Mall.

Proteste in Brasilien

„Kleine Rolle" in Brasilien

  • Wolfgang Kunath
    VonWolfgang Kunath
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In Brasilien ist eine neue Protestform angekommen. Die „Rolezinhos". Die Jugendlichen dürfen nicht in die Mall rein, also tanzen sie vor den Türen. Diese Flashmobs von jungen Schwarzen verunsichern die weiße Mittelschicht.

Geschlossene Einkaufszentren, Polizisten in Mannschaftsstärke, Androhung von hohen Bußgeldern, erregte öffentliche Debatten – und das alles nur wegen ein paar trommelnden Jugendlichen? Brasiliens Konsumgesellschaft ist zutiefst verunsichert über die „Rolezinhos“, eine Protestform, von der man nicht einmal so genau weiß, ob sie wirklich Protest ist.

Über 3000 hatten am Samstag via Facebook ihr Kommen angekündigt, am Ende standen nur 50 vor Brasílias luxuriösestem Einkaufszentrum. Aber das „Shopping Iguatemi“ mit seinen rund 150 Läden, Restaurants und Kinos hatte aus Angst vor der Invasion seine Pforten geschlossen, sodass die Jugendlichen auf einer Rasenfläche zu Funk-Musik tanzten, gegen Diskriminierung wetterten und die Polizei von São Paulo beschimpften.

Die war kürzlich auf eine ähnliche Kundgebung mit Gummigeschossen und Tränengas-Granaten losgegangen und hatte mit dieser Überreaktion, wie schon bei den Massendemonstrationen im vergangenen Juni, das Feuer noch angefacht statt es zu ersticken.

Denn mittlerweile finden überall im Land solche Versammlungen statt – überall dort, wo Shopping Center stehen, und von denen gibt es im konsumtrunkenen Brasilien in jeder Mittel- und Großstadt genug. Die Verunsicherung ist groß, entsprechend unterschiedlich waren am Wochenende die Reaktionen: In Niterói bei Rio de Janeiro erwirkten die Betreiber, dass die Justiz die Zusammenrottung bei Bußandrohung von 10 000 Reais (3300 Euro) verbot. In Porto Alegre dagegen wurden die Jugendlichen eingelassen – sie tanzten, sangen, skandierten Parolen und verschwanden wieder.

Aber in den meisten Fällen – in Franca, Manaus, Campinas und anderen Städten – schlossen die Malls, oder sie riefen die Justiz. Und das, obwohl bei solchen Aufläufen so gut wie nie Randale gemacht, geklaut oder geplündert wird. Es ist die schiere Anwesenheit von Anderen, die nicht ins Shopping Center gehören.

Mittel- und Oberschicht verbringen in Shopping-Centern ihre Freizeit

Obwohl das Phänomen in den USA als Flashmob an der Tagesordnung ist, reagiert Brasiliens Gesellschaft überrascht, verunsichert und erregt, und Heerscharen von Soziologen, Pädagogen und Psychologen bemühen sich, die Bewegung zu erklären. Dass das nicht befriedigend gelingt, liegt daran, dass die „Rolezinhos“ (kleine Rolle) nur schwer über einen Kamm zu scheren sind.

Sicher ist allen gemein, dass die Jugendlichen aus den ärmeren Schichten stammen, während die Einkaufszentren geradezu der Inbegriff der reichen Welt sind. Da in Brasilien die Armen meist schwarz und die Reichen so gut wie immer weiß sind, erhält das Phänomen eine antirassistische Komponente. Tatsächlich sieht man in den Malls, vor allem in den feineren, kaum schwarze Gesichter, es sei denn beim Bedienungs- oder Wachpersonal.

Was die Brasilianer kurz „o shopping“ nennen, ist eine abgeschlossene Lebenswelt, in der nicht nur eingekauft wird. Man verabredet sich zum Essen, man trifft Freunde, in den Zentren gibt es Kinos, Theater, Arztpraxen, Fitness-Studios. In Einkaufszentren verbringt man seine Freizeit, sie sind Orte der Entspannung und des sozialen Zusammenlebens, an denen man sich, anders als draußen, sicher fühlen kann.

Aber die meisten Brasilianer der Mittel- und Oberschicht leben am liebsten mit ihresgleichen zusammen. Das Prinzip der Abkapselung, das dem Shopping Center zu eigen ist, kommt in der Praxis immer dem Ausschluss gleich.

Man kann also kaum behaupten, dass „Shoppings“ demokratische Räume sind, wie das der Verband ihrer Betreiber am Wochenende in einer Anzeige tat, in der die Umsatzeinbußen beklagt und das harte Vorgehen gerechtfertigt wird. In der ganzen Aufregung wird der Öffentlichkeit ein Widerspruch klar, den die Experten seit langem erörtern: Malls erfüllen eine öffentliche Funktion, aber sie sind private, geschlossene und gewinnorientierte Räume. Ist es also ihr Recht, bestimmte Menschen abzuweisen, wie man es ja bei Pennern oder Betrunkenen akzeptiert? Oder ist es Diskriminierung und Rassismus?

„Die Kinder, die da kommen, sind ja unsere Kunden“

Hinzu kommt, dass die Stoßrichtung der Aufläufe nicht immer Konsumkritik ist. „Funk ostentação“ heißt die Musikrichtung, die bei den „Rolezinhos“ erklingt und in deren Texten ostentativ Luxusmarkennamen erwähnt werden – was manche Interpreten reicher gemacht haben soll als nur die Vermarktung der Musik. Vor allem in den Vorstädten, wo die „Shoppings“ nicht so exklusiv sind, zeigen die Demonstranten zugleich auch in anderer Eigenschaft Präsenz: Als Kunden, die Markenkleidung kaufen. Denn die Konsumgier zieht sich durch alle Schichten in Brasilien. Und die Attraktivität von Einkaufszentren ist offenbar größer als die von Kultur- und Jugendzentren, von denen es meist viel zu wenige gibt.

„Die Kinder, die da kommen, sind ja unsere Kunden“, zitiert die Presse einen erstaunten Shopping-Manager. Die Jugendlichen, die der unteren Mittelklasse Brasiliens angehören, verfügen über eine höhere Kaufkraft als die Jugendlichen der – deutlich kleineren – Oberschicht, nämlich 130 Milliarden Reais (40 Milliarden Euro). Ist es klug, die Polizei zu rufen, wenn von diesen Kunden auf einmal so viele kommen?

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