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Seit 75 Jahren ein Klassiker.

75. Geburtstag Monopoly

Kleine Kapitalisten

Monopoly wird 75. Am 5. November 1935 sicherte sich der Verlag Parker die Rechte an dem Spielehit – seitdem kämpfen Millionen begeistert um Schloss- und Parkallee.

Von Kathrin Dorscheid und Peter Kirnich

Wir haben vier Spieler gefragt, die sich mit Geld und Immobilien auskennen, ob sie eine bestimmte Monopoly-Taktik verfolgen und mit wem sie am liebsten um Straßen, Bahnhöfe und Häuser zocken. Jürgen Schneider, Rüdiger Grube, Dirk Müller und Sahra Wagenknecht haben geantwortet. Wer beim Spielen immer eine Weihnachtsmütze trägt und wer bevorzugt Bahnhöfe kauft, lesen Sie hier.

Der Schummler

Jürgen Schneider, Deutschlands bekanntester Pleitier, erschlich Anfang der Neunziger Jahre Milliarden von Banken für aufwändige Sanierungsprojekte in Städten wie Frankfurt und Leipzig. 1997 wurde Schneider wegen schweren Betrugs zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Derzeit steht der 76-Jährige wieder wegen des Verdachts auf Betrug vor Gericht.l

Mit wem spielen Sie Monopoly?

Ich hab dieses „Spiel“ im bitteren Ernst gespielt, bis hin zum Knast. Das Brettspiel spiele ich nicht. Das ist so ähnlich, wie wenn der Kapitän eines Kriegsschiffs untergegangen ist und mit viel Glück wieder an Land gezogen wurde – der wird danach auch nicht „Schiffe versenken“ spielen. Meine Frau spielt das mit meinen Enkeln. Ich wusste mit meiner Zeit immer etwas Besseres anzufangen, ich habe immer viel gearbeitet.

Was ist Ihre Taktik?

In meinem Leben hab ich es ja gerade falsch gemacht, da hatte ich nur Schlossalleen. Damit kann man das Spiel nicht gewinnen, aber das habe ich eben gemacht. Deshalb habe ich das Spiel in der Praxis verloren. Ich bin aber immer ein guter Verlierer gewesen.

Was gefällt Ihnen am Spiel?

Ich halte das für ein sehr intelligentes Spiel. Es kommt auch der Wahrheit ziemlich nahe, es übt sehr. Es geht um Geld, Macht und Ansehen. Es ist auch gefährlich, man kann alles verlieren und wandert in den Knast. In der Praxis gibt es natürlich keinen Würfel. Aber auch in der Praxis weiß man nicht, wie die Zukunft sein wird. Deshalb ist das Spiel ziemlich lebensnah, wenn man den Würfel als Zukunft versteht.

Was stört Sie am Spiel?

Gar nichts. Ich finde, das ist ein ganz tolles Spiel.

Hand aufs Herz: Schummeln Sie beim Spielen manchmal?

Natürlich. Wenn's geht. Tricksen und schummeln, das machen sie alle in der Wirtschaft – auch die Banken, die edlen Geldhäuser. Das ist Inhalt des Lebens, das ist nun mal so.

Der Bahnhofsbauer

Rüdiger Grube, 59, trat im Mai 2009 die Nachfolge von Bahnchef Hartmut Mehdorn an. Seither muss sich der Topmanager mit kaputten ICEs und den Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 herumschlagen. Zuvor war Grube Vorstandsmitglied bei DaimlerChrysler und Verwaltungsratsvorsitzender des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Grube ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Mit wem spielen Sie?

Manchmal in den Ferien mit meiner Frau und unseren Kindern.

Wer gewinnt?

Das ist das Schöne: Immer wieder ein anderer.

Was ist Ihre Taktik?

Ich setze alles daran, die vier Bahnhöfe zu kaufen: Das sichert laufende Einnahmen – aber bitte nicht weitersagen.

Was gefällt Ihnen an dem Spiel?

Dass es immer mal eine überraschende Einkommenssteuer-Rückzahlung gibt – im wirklichen Leben ist das leider seltener der Fall.

Der Zocker

Dirk Müller wurde international als „Mister DAX“ bekannt, weil sein Arbeitsplatz an der Frankfurter Börse jahrelang direkt unter der DAX-Anzeigetafel lag. Der 41-jährige Börsenmakler gibt auf der Homepage cashkurs.com Anlagetipps für Bezahlkunden. In seinem Buch „C(r)ashkurs“ erklärt er die Finanzkrise.

Mit wem spielen Sie?

Als Jugendliche haben wir uns einmal pro Woche zum Monopolyspielen getroffen. Heute treffen wir uns noch einmal pro Jahr, immer mit den gleichen drei Freunden. Immer um den Nikolaustag herum und immer mit den gleichen Ritualen, die zwingend eingehalten werden müssen: Wer im Vorjahr verloren hat, muss für die anderen kochen. Der zweite muss im Weihnachtsmannkostüm erscheinen und einen Grabbelsack mit Geschenken mitbringen. Alle haben Weihnachtsmützen auf, die darf man auch während des ganzen Spiels nicht abnehmen. Das ist sehr kultig. Es fallen auch jedes Mal die gleichen Sprüche: Wenn die Karte gezogen wird „Sie haben den zweiten Preis bei einer Schönheitskonkurrenz
gewonnen, ziehen Sie 200 Mark ein“, dann rufen alle anderen gleichzeitig: „Ich hab’ den ersten gemacht!“

Was gefällt Ihnen am Spiel?
Zum einen ist es der Reiz dieser Rituale mit meinen Freunden. Zum anderen ist Monopoly einfach und verständlich, man entwickelt etwas, es ist ein Konkurrenzkampf. Es wird natürlich auch laut verhandelt und gefeilscht. Das macht den Spaß am Spiel aus, es geht gar nicht so sehr ums Geld. Monopoly ist ein sehr kommunikatives Spiel.

Wer gewinnt in der Regel?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir führen zwar eine ewige Bestenliste und vergeben Punkte wie in der Formel 1. Da sind wir aber ziemlich eng beieinander. Ich glaube, ich bin gerade auf dem zweiten Platz.

Was ist Ihre Taktik?

Man muss einige große Straßen haben und natürlich einige kleine, um frühzeitig Geld reinzubekommen und auf den großen Straßen bauen zu können. Und ich will immer die Bahnhöfe haben. Der Cashflow ist ja bei den Unternehmen auch an der Börse unheimlich wichtig, und dieser Cashflow ist mit den Bahnhöfen gewährleistet. Die sind schön verteilt, ich kriege ordentlich was in die Kasse und ich muss nichts bauen.

Die gute Verliererin

Sahra Wagenknecht ist stellvertretende Parteivorsitzende der Partei Die Linke und wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion. Die 41-jährige Kapitalismus-Kritikerin gilt als überzeugte Marxistin. Sie wuchs in Jena und Ost-Berlin auf, war FDJ-Mitglied und trat ein halbes Jahr vor Mauerfall in die SED ein. In der DDR war Monopoly nicht erhältlich, auch die Einfuhr aus dem Westen war verboten.

Mit wem spielen Sie Monopoly?

Ich habe das in den Neunzigern zum ersten Mal gespielt, mit Freunden und Familie. Damals war ich schon Mitte zwanzig. In der DDR war Monopoly nicht sehr verbreitet. Und heute finde ich leider selten Zeit zu spielen, obwohl Monopoly auch für mich einen gewissen Reiz hat.

Worin besteht dieser Reiz?

In seiner Ähnlichkeit mit dem wirklichen Leben: Für den, der viel wirtschaftliches Eigentum besitzt, Häuser und Hotels, sind Spiel und Leben toll. Wer aber in den ersten Runden Pech hatte und leer ausging, zahlt nur noch drauf.

Gibt es noch weitere Parallelen zwischen Monopoly und dem realen Kapitalismus?

Es gibt einen wichtigen Unterschied: Im Spiel werden die Karten immer wieder neu verteilt und man kann von vorne anfangen. Im wirklichen Leben sind die ersten Runden oft schon vor

Generationen gelaufen. Wir werden in eine Gesellschaft hineingeboren, in der vieles schon verteilt ist. Manche Gewinner sitzen seit Generationen in der Schlossallee.

Was ist Ihre Taktik?

Ich bin, ehrlich gesagt, keine sehr geübte Spielerin.

Was stört Sie am Spiel?

Monopoly wird ja oft dafür kritisiert, dass es Gier und Profitmacherei anheizt, aber es ist nur ein Spiel. Ich kritisiere nicht das Spiel, sondern eine Realität, in der es oft vom Glück und Elternhaus abhängt, ob man gewinnt oder verliert. Nicht von der persönlichen Leistung.

Entwickeln Sie einen besonderen Ehrgeiz beim Spielen?

Man sollte natürlich ein guter Verlierer sein. Aber wenn ich spiele, dann will ich gewinnen. Dann muss man sich auch auf die Logik des Spiels einlassen. Im realen Leben sollte man sich aber nicht so verhalten, wie Monopoly es nahe legt.

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