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Verrückt nach Mode

„Kleidung formt unsere Identität“

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Mode-Expertin Maaike van Rijn über die Wertschätzung von Textilien und den Wunsch, sich in ihnen zu verwandeln

Frau van Rijn, Modenschauen sind ein Medienereignis, beim Schlussverkauf drehen manche völlig durch. Seit wann sind wir so verrückt nach Mode?

Historisch gesehen war Mode – zunächst in den oberen Gesellschaftsschichten – vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts – ein Thema, dem immer größere Bedeutung zukam. In Deutschland erschien 1786 die erste Ausgabe des „Journal des Luxus und der Moden“ – die sozusagen erste deutsche Modezeitschrift. Das monatlich erschienene Heft stellte in kolorierten Kupferstichen die neuesten Entwicklungen der Bekleidungsmode aus den europäischen Metropolen vor, diskutierte aber auch Musik, Theater oder Möbel. Da es sich bei den aufwendig gearbeiteten Kostümen aber um Handarbeit aus edlen Materialien handelte, konnten sich nur Adlige und die oberen gesellschaftlichen Schichten die neuesten Entwürfe nach Pariser Vorbild schneidern lassen. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Mode durch die industrielle Massenproduktion für eine größere Gesellschaftschicht zugänglich.

Warum fasziniert uns Kleidung so?

Mode bietet vielerlei Möglichkeiten mit der eigenen Identität zu spielen: sich sozialen und gesellschaftlichen Gruppen zuzuordnen oder aber die eigene Individualität zu betonen. Da jeder Mensch sich zwangsläufig mit der Frage auseinandersetzen muss, was er morgens anzieht, liegt hier die Auseinandersetzung mit Kleidung als identitätsformendes Medium besonders nahe.

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Auch in früheren Jahrhunderten – das kennt man ja auch aus der Literatur des 19. Jahrhunderts, in der sich junge Mädchen in rüschige Kleider der oberen Gesellschaftsklassen hineinträumen – war Kleidung immer eine Brücke in eine Traumwelt, in eine was-könnte-ich-noch-alles-sein-Idee.

Inwiefern bilden Modetrends Strömungen in der Gesellschaft ab?

In der Mode zeigen sich immer diejenigen Themen, die für eine Gesellschaft, eine Zeit, eine Region gerade wichtig sind. So stand in der höfischen Mode des 17. Jahrhunderts mit ihren ausladenden Röcken und spitzenverzierten Seidenstoffen der Aspekt der Repräsentation im Vordergrund, während nach der Französischen Revolution zunächst einmal alle Korsetts und Einengungen wegfielen und auch der Körper in seiner natürlichen Freiheit gefeiert wurde. Ein Thema, das heute in der Mode eine immer größere Rolle spielt, ist die Frage nach Herstellung und Produktionsbedingungen, worin sich zeigt, dass in unserer globalen Welt doch auch diesen Fragen eine zunehmende Brisanz zukommt.

Was treibt Menschen dazu, trotzdem immer mehr Kleidung zu kaufen?

Eine wichtige Rolle spielt hier sicherlich die ständige Angst etwas zu verpassen und die sehr starke Abhängigkeit des Einzelnen von der Akzeptanz der Masse. Wer mehr Kleidung hat, fühlt sich wohl sicherer, den Erwartungen der Umwelt an ihn in seinen unterschiedlichen Rollen gerecht werden zu können.

Viele Trends wiederholen sich. Glauben Sie, Reifröcke und Zylinder werden irgendwann wieder in?

Dass man seinen Alltag zukünftig in Reifrock oder paillettenbesticktem Herrenrock bestreiten wird, ist wohl eher unwahrscheinlich, da die Kleidung des 18. Jahrhunderts in unserer heutigen Arbeitswelt einfach unpraktisch ist. Am zunehmenden Interesse an Burlesque und 20er Jahre Revival-Veranstaltungen, bei denen die Besucher dann entsprechend kostümiert kommen, lässt sich jedoch erkennen, dass eine Sehnsucht nach dem Lebensgefühl vergangener Zeiten durchaus vorhanden ist und dann durch das Tragen dieser historischen Kostüme gestillt werden kann. Immer wieder greifen zeitgenössische Modedesigner ja auch einzelne Elemente vergangener Stilepochen auf. So lassen sich die bodenlangen Kleider aus fließenden Stoffen in der kommenden Frühling-Sommerkollektion von Valentino beispielsweise durchaus auch als eine Reminiszenz an die Empire-Kleider des 19. Jahrhunderts verstehen.

Wie hat sich die Qualität von Kleidung im Laufe der Zeit verändert?

In früheren Jahrhunderten war die Herstellung von Kleidung reine Handarbeit und die einzelnen Stücke waren so qualitativ hochwertig, dass sie Jahrzehnte lang getragen, immer wieder ausgebessert und oft sogar an zukünftige Generationen weitervererbt wurden. Mit der Verbreitung der so genannten Fast Fashion – billige Produkte, die unter oft menschenunwürdigen Umständen im Ausland produziert werden – geht natürlich auch ein Qualitätsverlust einher. Die Konsumenten sind heute nicht mehr bereit für ein Kleidungsstück das zu zahlen, was es tatsächlich kostet, wenn es zu fairen Preisen und aus hochwertigem Material hergestellt wäre. Vor zweihundert Jahren war ein Kleid teuer, weil es handgenäht, aus echter italienischer Seide und von Hand mit Glasperlen aus einer kleinen Manufaktur bestickt war. Heute ist man bereit für einen Namen und eine Marke mehrere hundert Euro auszugeben, während die Materialbeschaffenheit, Verarbeitung und die Herstellungsumstände eher zweitrangig sind.

Wie steht es um die Wertschätzung für Mode?

In der Wertschätzung für Mode zeigt sich gewissermaßen ein Paradox: Einerseits gab es noch nie so viel mediale Aufmerksamkeit für angesagte Modedesigner, Fashion Weeks, Hochglanz-Magazine, Mode-Blogs und Fashion-TV-Shows: sogenannte Must-Haves und It-Pieces werden gefeiert, wertgeschätzt und mit Bedeutung aufgeladen. Andererseits scheint der Konsument den Bezug und die Achtung für das einzelne Kleidungsstück, dessen Materialwertigkeit und Herstellungstechnik zu verlieren.

Farbhersteller Pantone taucht dieses Jahr in Rosa und Hellblau. War diese Kombination in der Modegeschichte denn schon einmal angesagt?

Die Idee einer Jahresfarbe ist ja noch ganz jung. In dieser Konsequenz – wobei sich erst zukünftig in der Rückschau zeigen wird, inwieweit dies die Mode tatsächlich beeinflusst – gab es das vorher noch nicht. Rosa und Hellblau waren jedoch immer wieder Teil der Modegeschichte. Zuletzt in einer weniger pastelligen und eher kräftigen Form in den 1990er Jahren, wo wir rosafarbene Glitzerminis zu bauchfreiem hellblauem Strickpulli zum Beispiel bei Gianni Versace finden.

Lassen sich denn anhand dieser beiden Jahresfarben Rückschlüsse auf unsere Gesellschaft ziehen?

Es ist immer schwierig, Aussagen über seine Zeit ohne einen gewissen historischen Abstand zu machen. Pantone selbst begründet die Auswahl ja darin, dass die Farben einen Gegenpol zum Stress des modernen Lebens bilden und Rosa und Hellblau „psychologisch unsere Sehnsucht nach Beruhigung und Sicherheit erfüllen“. Schon allein die Tatsache, dass Pantone den Farben diese Wirkung zuschreibt und eine Sehnsucht des heutigen Menschen nach Ruhe und Sicherheit konstatiert, zeigt jedoch, dass dies Themen sind, die in unserer Zeit bewegen und uns beschäftigen.

Aus welcher Epoche stammt Ihr Lieblingslook?

Von den bei uns im Modemuseum in Ludwigsburg ausgestellten historischen Kostümen aus mehreren Jahrhunderten gefallen mir vor allem diejenigen, die durch eine kunstvoll entworfene Silhouette aus einem Körper ein Kunstwerk machen. Deutlich wird das zum Beispiel bei einem Cocktailkleid von Carven aus den 1950er Jahren, das über und über mit kunstseidenen Margeriten bestickt ist und nicht nur mich, sondern auch immer wieder viele Besucher des Modemuseums begeistert.

Interview: Jennifer Hein

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