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Keine Menschenmassen – auch nicht zum orthodoxen Osterfest: die Alexander-Newski-Kathedrale im bulgarischen Sofia. NIKOLAY DOYCHINOV/AFP (2)

Orthodoxe

Klackern im kleinen Kreis

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Es geht um mehr als Gottvertrauen: Die Corona-Krise überschattet auf dem Balkan die Vorfreude auf das orthodoxe Osterfest.

Nur die sich mehrenden Rezepte in den Gazetten künden auf dem Balkan in diesem Frühjahr vom nahenden üppigen Fest der Sinne. Statt Heerscharen ausgebeinter Lämmer und Spanferkel läuten vor den geschlossenen Märkten in Serbiens Hauptstadt Belgrad die Maskenmänner der Polizei die orthodoxe Osterwoche ein: Unbarmherzig werden die fliegenden Händler samt Osterglocken und Weidenkätzchen von den Gesetzeshütern vertrieben.

Ein „völlig ungewöhnliches Ostern“ sagt auch das Webportal „Aljazeera Balkans“ für das Wochenende voraus. Tatsächlich wird vieles anders sein. Normalerweise pflegen nicht nur praktizierende Christen den kalorienreichen Festmarathon im Kreis ihrer Großfamilien und Nachbarn zu zelebrieren. Während für orthodoxe Gläubige mit dem wichtigsten Kirchenfest des Jahres eine entbehrungsreiche, sexlose und 46 Tage währende Fastenzeit endet, ist Ostern für viele Balkanbewohner vor allem eine willkommene Gelegenheit zur tagelangen Familienvöllerei – und zudem der fröhlich gefeierte Auftakt des Frühlings.

Erneut strenge Ausgangssperren

Ob mit Wachsbatik verziert, mit Zwiebelschalen oder gekauften Farben gefärbt: Viele Familien decken sich an Ostern fast mit einem ganzen Jahresbedarf an Eiern ein. Doch in diesem Jahr überschattet die Viruskrise die Vorfreude auf das Osterfest. Das muntere Eierklackern wird am Sonntag notgedrungen im kleinen Kreis erschallen: Fast alle Staaten der Region haben für das orthodoxe Osterwochenende erneut strenge Ausgangssperren angekündigt.

Die Griechisch-Orthodoxe Kirche hat wegen der Viruskrise gar die Vertagung der kirchlichen Osterfeiern auf Ende Mai beschlossen. Nur Bulgariens Premier Bojko Borissow hat bisher für Ostern offene Kirchenpforten gelobt. Er rufe seine Landsleute auf, auch an Ostern zu Hause zu bleiben und in den eigenen vier Wänden „zu beten“, so der Regierungschef. Doch die Bischöfe hätten ihm gesagt, dass viele Gläubige „verzweifelt“ seien: Er könne die Gotteshäuser darum nicht schließen lassen.

Obwohl auch in Rumänien und Serbien bärtige Kirchenfürsten an ihre weltlichen Kollegen appellieren, zumindest den Besuch von Freiluftgottesdiensten zu genehmigen, sind die Chancen dafür gleich null. Aufnahmen rumänisch- und serbisch-orthodoxer Abendmahlfeiern zu Monatsbeginn, bei denen Popen den brav mit zwei Meter Sicherheitsabstand wartenden Gläubigen das in Wein getränkte Brot mit demselben Löffelchen verabreichten, haben Epidemiologen genauso verschreckt wie die Bilder von eifrig Ikonen und Bischofsringe küssenden Kirchenschäflein.

Alle würden den Ring küssen

„Fürchtet Euch nicht: Wo Gottes Segen ist, werden alle Mikroben verbrennen“, versichert zwar der bulgarische Bischof Gavriil. Doch auf das Gottvertrauen der Kirchenherren wollen selbst ihnen nahestehende Politiker in der Viruskrise dann meist lieber doch nicht bauen. Wenn den Gläubigen die Teilnahme an den Ostergottesdiensten genehmigt würde, „werden alle den Ring des Popen küssen, und alles wird ins Wasser fallen, was wir bisher getan haben“, zitiert die Belgrader „Blic“ eine anoyme Stimme aus Serbiens Präsidentenpalast.

Wer die Ostergottesdienste mit Rücksicht auf die Kirche offiziell nicht verbieten mag, sperrt die Gläubigen darum sicherheitshalber lieber ein. In Serbien ist am Osterwochenende eine Ausgangssperre von Freitag bis Dienstag und in Nordmazedonien gar von Donnerstag bis Dienstag geplant. Sie wisse, wie sich die Gläubigen auf Ostern freuten, doch „die Verhinderung von Infektionen hat Priorität“, so die serbische Epidemiologin Darija Kisic Tepavcevic.

Im Interview spricht der Schriftsteller Radu Vancu über die Corona-Situation in seiner Heimat Rumänien, paradoxe Mitmenschlichkeit und Poesie.

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