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Christian Bale als Moses. Für die Rolle musste sich der US-Schauspieler erst wieder in Form bringen.

Hollywood Ridley Scott

„Kinofilme werden immer dümmer“

Regisseur Ridley Scott spricht im Interview mit FR über seinen neuen Film „Exodus: Götter und Könige“, Eitelkeiten und warum die Zehn Gebote unschlagbar sind.

Von Ulrich Lössl

Sir Ridley Scott, warum wollten Sie die Exodus-Geschichte noch einmal erzählen?
Es gab schon lange keinen guten „Exodus“-Film mehr. Der einzige, der mir wirklich gefallen hat, ist Cecil B. DeMilles „Die Zehn Gebote“ aus dem Jahr 1956 mit Charlton Heston als Moses und Yul Brynner als Ramses. Ich fand es an der Zeit, dass diese Geschichte aus dem Alten Testament noch einmal neu erzählt wird. Und zwar in meinen Worten und mit meinen Bildern.

Haben Sie sich „Die Zehn Gebote“ vor den Dreharbeiten zu „Exodus“ noch einmal angesehen?
Nein, ich wollte mich dadurch nicht beeinflussen lassen, und sei es auch nur unterbewusst. Was ich getan habe, war so viele Aspekte der biblischen Exodus-Geschichte wie möglich zu studieren. Ich wollte unbedingt ein stabiles Fundament haben, auf das ich meinen Film aufbauen konnte. Dafür habe ich mir Jeffrey Caine geholt, einen der versiertesten Drehbuchautoren in Hollywood. Er schrieb unter anderem das Drehbuch zur John le Carré-Verfilmung „Der ewige Gärtner“ und zu „James Bond: Golden Eye“. Die Zusammenarbeit mit Caine war nicht ganz einfach, aber er hat ein geradezu enzyklopädisches Wissen über Moses und das Alte Testament. Wir haben über viele Monate daran gearbeitet, aus dem Thema einen dreistündigen Film herauszukristallisieren.

Hatten Sie jemals Bedenken in einen Bibelschinken abzurutschen?
Nein, mir war klar, dass ich diese alte Geschichte zwar quellentreu, aber dann doch auch auf moderne Art und Weise erzählen wollte. Und ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen.

Hätten Sie sich ohne Ihre Historien-Filme „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“ überhaupt an diesen Stoff gewagt?
Schwer zu sagen. Eigentlich bauen alle meine Filme aufeinander auf. Und fast 40 Jahre Kinofilmerfahrung ist sicher nicht spurlos an mir vorübergegangen. (lacht) Ich lasse mich aber auch immer noch von den großen Meistern des Kinofilms inspirieren. Spuren von David Lean oder Akira Kurosawa kann man in fast jedem meiner Filme finden. Und Anklänge an Orson Welles und Carol Reed. Seltsamerweise ist diesmal nichts von meinem größten Vorbild Michael Powell eingeflossen. Aber diese Regisseure haben mich sicher am meisten beeinflusst. Sie hatten alle das große Talent, sehr persönliche Geschichten vor einem gewaltigen, oft historischen Hintergrund erzählen zu können. Sie kannten das Geheimnis der Totalen – des „großen Bildes“ – und der Nahaufnahme.

Bale die erste Wahl

Gab es auch einen religiösen Grund für Sie „Exodus“ zu verfilmen?
Nein. Ich gehöre zwar, wie die meisten in England, der anglikanischen Kirche an. Aber im Herzen bin ich Agnostiker. Ich habe mir aber mein ganzes Leben lang einen Respekt für Religionen bewahrt, und nicht nur für die christlichen. Deshalb wollte ich mit meiner „Exodus“-Version auch keinen Anhänger der drei großen Religionsgemeinschaften vor den Kopf stoßen. Seien es Anhänger das Christentums, des Judentums oder des Islams. Ganz abgesehen davon haben die Zehn Gebote doch auch noch heute ihre Gültigkeit, oder etwa nicht? Nicht, dass sich viele Leute daran halten, aber als Kompass für ein aufrichtiges Leben sind sie eigentlich unschlagbar.

Sie drehten unter anderem im südspanischen Almería, auf Fuerteventura und in den Pinewood Studios bei London. Welche sind denn die größten Herausforderungen bei so einem Mammut-Projekt?
Ich liebe im Kino alles, was überlebensgroß ist. Ich habe keine Angst vor gigantischen Set-Aufbauten oder großangelegten Kampfszenen, bei denen ich nicht selten fünf Kameras gleichzeitig laufen lasse. Manchmal sogar zehn. Natürlich sind bei so einem Projekt die logistischen und technischen Anforderungen enorm – ganz zu schweigen von den vielen künstlerischen Aspekten. 74 Tage reine Drehzeit wollen gut organisiert sein. Aber mir macht es – spätestens seit „Galadiator“ – großen Spaß, diese längst versunkenen Welten auf die Leinwand zu bringen. Und diesmal sogar in 3D. Ich mache ja nun schon seit ein paar Jahren diese großen Filme und die Voraussetzung dafür ist auch, dass ich technisch immer auf dem neuesten Stand bin. Mir kann man nichts Neues erzählen. Im Gegenteil: In Punkto Computeranimation führe ich das Feld an. Da schauen sich viele bei mir etwas ab.

Ex-„Batman“ Christian Bale als Moses zu besetzen – war das Ihre erste Wahl?
Es gibt nicht viele Schauspieler von der Statur eines Christian Bale, die – ähnlich wie Russell Crowe – so einen Film schultern können. Christian ist einer davon. Und er ist populär – was für die Finanzierung eines so aufwändigen Projekts sehr wichtig ist.

Christian Bale hat erzählt, dass Sie entsetzt waren, als Sie ihn nach Ende der Dreharbeiten zu seinem Film „American Hustle“ zum ersten Mal gesehen haben.
Ja, das war – gelinde gesagt – ein Schock! Er hatte eine Halbglatze und war viel zu fett. Moses hatte volles, langes Haar und war mager, fast ausgezehrt. Wir haben es dann mit einer Crash-Diät und einem besonderen Workout-Programm aber doch hingekriegt, ihn schnell wieder in Form zu bringen. Das ähnliche Problem hatte ich übrigens seinerzeit auch mit Russell Crowe bei „Gladiator“: Da kam er auch aus einem anderen Film, für den er Gewicht zugelegt hatte. Zum Glück hatte ich mit Joel Edgerton, der den Ramses spielt, keine Probleme. Er war sportlich extrem austrainiert. Er surft, glaube ich, viel in seiner Heimat Australien. Und er war auch jemand, der diese schweren Tuniken würdevoll tragen konnte und dabei trotzdem männlich wirkte. (lacht) Ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Man hat Ihnen vorgeworfen, zu viele weiße Schauspieler in wichtigen Rollen besetzt zu haben. Wie stehen Sie dazu?
Natürlich weiß ich, dass damals die Menschen überwiegend dunkelhäutig waren. Aber kein Mensch hätte mir Geld gegeben, wenn ich dunkelhäutige Schauspieler dafür verpflichtet hätte. Das ist der einzige Grund für diese Entscheidung. Abgesehen davon habe ich schon dunkelhäutige Schauspieler in anderen Filmen prominent besetzt. Der Rassismus-Vorwurf, der im Internet herumgeistert, ist deshalb total absurd.

Verletzt es Sie sehr, wenn Sie missverstanden werden?
Es hält sich im Rahmen. Aber da ich immer sehr persönliche Filme mache, wünsche ich mir schon, dass ich richtig verstanden werde. In jedem Film stecke ich selbst. Und wer will, kann genau erkennen, in welchem Bewusstseinsstand ich mich befand, als ich den Film machte.

Ihr Film wird explizit als großes Epen-Spektakel vermarktet. Der religiöse Aspekt wird dabei fast ganz ausgeblendet…
… worüber ich nicht sehr glücklich bin. Aber was soll ich machen? Ich liefere die Bilder, den Stoff, den Film. Mit der Vermarktung habe ich nichts zu tun.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Gott durch einen zehnjährigen Jungen sprechen zu lassen?
Der Junge ist ja nicht Gott, wie oft fälschlich behauptet wird, sondern ein Malakh, also ein Gottesbote. Oder ein Engel. Den Jungen nehme ich gern auf meine Kappe. Den habe ich erfunden. Ich wollte Gott nicht durch einen brennenden Dornbusch sprechen lassen oder durch eine Stimme aus dem Off. Denn dann hätte man mir wahrscheinlich vorgeworfen, ich würde Cecil B. DeMille plagiieren. Für mich symbolisiert der Junge auch das Gewissen von Moses. Wenn Moses nämlich aus einer gewissen Distanz zu diesem Jungen spricht, ist niemand da. Wissen Sie, ich bin ein sehr pragmatischer Filmemacher. Irgendwie musste ja Gott zu Moses sprechen. Also habe ich mich für diese Variante entschieden.

Sie haben Ihren neuen Film „Exodus“ Ihrem Bruder Tony Scott gewidmet, der 2012 gestorben ist…
… was aber nicht der Grund war, warum ich den Film gemacht habe. Mein Bruder und ich hatten eine sehr enge Beziehung, deshalb vermisse ich ihn immer noch sehr. Aber ich mache meine Filme nicht für Familienangehörige. Allerdings wäre ich schon neugierig, was meine Mutter von dem Film gehalten hätte. Sie war nicht gerade übermäßig religiös, hatte aber einen ganz pragmatischen Gottesglauben, so nach dem Motto: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ Sie war auch jemand, der sagte: „Du hast Dir den Arm gebrochen? Und wenn schon! Willst du im Bett liegen bleiben und dich selbst bemitleiden? Gehe lieber hinaus. Mach etwas!“ Diese Einstellung hat mich sehr fürs Leben geprägt. Und die Tatsache, dass Gott erlaubt, dass so schreckliche Dinge auf dieser Welt passieren, heißt vielleicht nichts anderes, als dass wir selbst – als Menschheit – etwas dagegen unternehmen sollen. Es ist also an uns, unsere Probleme selbst zu lösen! Sonst wird es die Welt, wie wir sie kennen und lieben, bald nicht mehr geben.

Für einen Agnostiker sind Sie aber ganz schön gottesfürchtig!
(lacht) Vielleicht habe ich ja deshalb die freundliche Version der „Exodus“-Geschichte gedreht. Man weiß ja nie… Im Alten Testament ist Gott jedenfalls sehr grausam zu Moses und den Menschen…

Sie haben mittlerweile bei allen Ihren Filmen den „final cut“…
… und darüber bin ich auch sehr froh. Denn ich hasse es, wenn andere an meinen Filmen herumschnippeln. Früher habe ich den Kampf um den final cut oft verloren. Vor allem bei „Blade Runner“ hat mich das sehr geschmerzt. Aber ich habe dadurch auch eine gewisse Reife erlangt. Der Schnitt ist für mich das Wichtigste beim Filmemachen. Erst im Schneideraum wird aus belichtetem Material Film. Und je mehr man sich bei diesem Prozess der Logik und Dramaturgie der Story unterordnet, desto besser ist das Resultat.

Sie sind einer der erfolgreichsten Regisseure der Filmgeschichte. Inwieweit müssen Sie sich bei Ihrer Arbeit vor Ihrer eigenen Eitelkeit in Acht nehmen?
Sie meinen durchs Filmemachen wird man eitel?

Nein, aber vielleicht durch großen Erfolg?
(lacht) Da ist etwas dran. Ich hoffe aber, dass meine persönliche Eitelkeit keinen Einfluss auf den Film hat. Mittlerweile habe ich mich immerhin so gut im Griff, dass ich überflüssige Szenen – die nur meiner Befriedigung dienen würden – erst gar nicht drehe. Oder zumindest später herausschneide. Ich gebe zu, das war nicht immer so.

Niveauvolle Unterhaltung

Und wie haben Sie Ihre Hybris besiegt?
Indem ich mich wieder auf das Wesentliche konzentriert habe – nämlich meine Arbeit. Das glamouröse Drumherum ist doch nur Ablenkung.

Und was ist als Filmemacher Ihr Hauptanspruch?
In erster Linie möchte ich – niveauvoll – unterhalten.

Böse Zungen behaupten, Sie seien tief in Ihrem Herzen ein Werbefilmer geblieben. Nervt Sie das?
Das stört mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Das war die beste Filmschule, die ich mir vorstellen kann. Als Werbefilmer habe ich gelernt, auf die Sekunde genau zu arbeiten. 15 Jahre Film-Praxis – das ist unschlagbar. Nach schätzungsweise 2500 Werbefilmen war ich schließlich immerhin in der Lage, die Signifikanz von Dingen besser zu erkennen. Ganz abgesehen davon konnte ich sehr gute Kontakte zu Autoren, Beleuchtern, Cuttern und Kameramännern knüpfen, von denen ich später sehr profitiert habe.

Drehen Sie noch Werbespots?
Nein. Der letzte, den ich gemacht habe, war 1984 für den Macintosh Computer von Apple.

Viele große Regisseure verlieren im Alter an kreativer und künstlerischer Potenz. Bei Ihnen ist das nicht der Fall. Wie machen Sie das?
Gute Frage. Keine Ahnung. Außer, dass ich eben immer noch neugierig und begeisterungsfähig bin. Und immer noch ein paar neue Ideen und kreative Visionen habe. Ich glaube auch nicht, dass es eine Frage des Alters ist, ob man gute oder schlechte Filme macht. Es ist in erster Linie eine Frage der Energie – physisch und psychisch. Und vielleicht ist die mentale Kraft noch wichtiger. (lacht) Der große John Huston hat noch aus dem Rollstuhl heraus, mit der Sauerstoff-Flasche an seiner Seite, Regie geführt.

Gehen Sie oft ins Kino?
Nein. Ich finde, dass die meisten Kinofilme immer dümmer und belangloser werden. Mit scheint, dass sie am Reißbrett für ein Massenpublikum konzipiert werden und sich immer am „kleinsten gemeinsamen Vielfachen“ orientieren. Also das, was auch noch der Letzte kapiert. Mir fehlt da die persönliche Handschrift.

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