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„King Khoisan“ von Südafrika: Dagga - das Cannabis des Königs

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Von: Johannes Dieterich

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Als gelte es, ein Nest von Widerstandkämpfern auszuheben: die Razzia im Garten des Regierungssitzes in Pretoria.
Als gelte es, ein Nest von Widerstandkämpfern auszuheben: die Razzia im Garten des Regierungssitzes in Pretoria. © Phill Magakoe/AFP

Hinter Südafrikas Regierungssitz campiert seit Jahren ein Mann, der sich King Khoisan nennt und für die Rechte seines Stammes kämpft. Nun sorgte eine Razzia im Garten des Königs für einigen Wirbel.

Pretoria - Wenn es einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde für den längsten ununterbrochenen Protest eines Menschen gäbe, ginge dieser an „King Khoisan“. Das traditionelle Oberhaupt der Volksgruppe der Khoisan, die zu den ältesten Bewohnern Südafrikas zählen, protestiert seit mehr als drei Jahren auf dem Rasen vor dem monumentalen Präsidentenamt in Pretoria. Nicht weit von der überlebensgroßen Bronze-Statue Nelson Mandelas entfernt schlug der König mit seiner Frau, Königin Cynthia, und Chief Peter Paul Lucas ein Lager mit Bambusstöcken und Zeltplanen auf.

Der Protest des Monarchen, der mit bürgerlichem Namen Thomas Edgar Brown heißt, richtet sich gegen die Diskriminierung des „Ersten Volks“, zu dem sich die San (einst „Buschleute“ genannt) und Khoisan (einst: „Hottentotten“) zählen. Im Gegensatz zu allen anderen elf in Südafrika gesprochenen Sprachen wird ihre nicht als offizielle anerkannt; ihnen gehört das Land nicht, auf dem sie leben; und sie werden als „Coloured“ (Farbige) bezeichnet statt als Khoisan, wie sie das wünschen. Seit Jahren warten sie darauf, dass Präsident Cyril Ramaphosa die paar Schritte von seinem Büro zu ihrem Lager geht, um sich ihrer Sache anzunehmen. „Er hat uns keine Minute seiner Zeit gewidmet“, klagt Königin Cynthia.

Am Boden: King Khoisan klammert sich an eine der Pflanzen. Phill Magakoe/AFP
Am Boden: King Khoisan klammert sich an eine der Pflanzen. © Phill Magakoe/AFP

Verkauf finanziert Protest

Stattdessen tauchten am Mittwochmorgen um sieben zwei Dutzend Polizistinnen und Polizisten auf. Einige zu Pferd, andere in den martialischen Uniformen der Bereitschaftspolizei, als gelte es, ein Nest von Terroristen auszuheben. Ihr Interesse galt jedoch weniger König Khoisan und seinem kleinen Hofstaat als dem Gemüsegarten, den die Ureinwohner neben ihrem Lager eingerichtet haben. Genauer gesagt: mehreren mächtigen Büschen mit den berüchtigten sieben Finger-Blättern – allgemein als Marihuana oder Cannabis, in Südafrika als Dagga bekannt.

Nun ist der Dagga-Anbau in Südafrika seit drei Jahren gar nicht mehr verboten – vorausgesetzt, man kultiviert die Pflanzen auf eigenem Grund und zum privaten Konsum oder baut sie zu medizinischen Zwecken an. Doch King Khoisan hätte die Mengen an Gras, die er im Park des Präsidenten erntete, beim besten Willen nicht alleine rauchen können: Er soll es zur Sicherung seines Lebensunterhalts an Besucher verkauft haben. „Die Leute kamen mit Rückenschmerzen oder Krebserkrankungen zu uns“, sagt Königin Cynthia: „Wir Khoisan kennen Dagga als Heilmittel schon seit Tausenden von Jahren.“

Am Zug: King Khoisan (Mitte) vor dem Gerichtsgebäude. Phill Magakoe/AFP
Am Zug: King Khoisan (Mitte) vor dem Gerichtsgebäude. © Phill Magakoe/AFP

Von derartigen Erklärungen wollte die Polizei nichts wissen. Gegen den erbitterten Widerstand des nur in einen Fellschurz gehüllten Königs rissen die Einsatzkräfte einen Busch nach dem anderen aus dem Boden. Wie Schiffbrüchige auf hoher See klammerten sich der Monarch und Chief Lucas an ihren Lebensunterhalt – und wurden von den Uniformierten mitsamt den Marihuanabüschen bis zur Mandela-Statue gezerrt. Dort wurden sie wegen Rauschgifthandels verhaftet: Die Nacht verbrachten sie hinter Gittern, anderntags wurden sie dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Der ließ sie bis zum Beginn des Verfahrens im Mai wieder frei. Doch zum Handel mit Rauschgift war unterdessen noch ein zweiter Anklagepunkt hinzu gekommen: Dass sich die beiden Ureinwohner – trotz polizeilicher Aufforderung – weigerten, Mund und Nase mit einer Maske zu bedecken.

Brand in Südafrika

Nach dem Feuer kommen die Gerüchte. Die Ursache für den Brand im Parlament Südafrikas ist unklar. Doch es mangelt nicht an Schuldzuweisungen. Laut einer Sprecherin waren „dunkle Mächte“ am Werk.

Über die weiteren Pläne des Königs ist bislang nichts bekannt. King Khoisan war erstmals 2017 zu Fuß von der 1200 Kilometer entfernten Hafenstadt Port Elizabeth in die Hauptstadt gekommen, um zunächst drei Wochen vor dem Union Building zu protestieren und anschließend in einen 17-tägigen Hungerstreik zu treten. Ob der Monarch nach der Razzia die Rückreise antritt, stand bis Redaktionsschluss nicht fest. Erst einmal zündete er sich nach dem Gerichtstermin und noch vor dem Amtsgebäude ein Pfeifchen mit dem traditionellen Heitermacher an: Alles andere wird sich dann schon ergeben. (Johannes Dieterich)

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