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Trostlose Umgebung: Der kleine Junge wächst in dem kurdischen Dorf Kani Sherin, 50 Kilometer nordwestlich von Mossul, auf.

Irak

Kindheit in Kurdistan

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Wie wachsen Kinder in einem Kriegsgebiet auf? Der Fotograf Jonas Deitert hat drei Monate in einem kurdischen Dorf in der Nähe von Mossul verbracht und Mädchen und Jungen porträtiert, die dort leben.

Drei Kinder auf dem Dach eines rostigen Autos, im Hintergrund ein Rohbau. Eines der Kinder trägt eine Uniform der Peshmerga (die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan) in Kindergröße. Weniger als 15 Kilometer entfernt bewachen Männer in derselben Uniform die Front zwischen der Region Kurdistan im Nord-Irak und des vom sogenannten „Islamischen Staat“ besetzen Gebiets.

Vergangenes Jahr verbrachte ich drei Monate in dem kleinen kurdischen Dorf Kani Sherin, 50 Kilometer nordwestlich von Mossul. Dort arbeitete ich als Teil der deutschen Entwicklungshilfeorganisation Grünhelme an dem Wiederaufbau einer Schule, die während der sechsmonatigen Besetzungszeit durch den „Islamischen Staat“ zerstört wurde.

Während meiner Zeit dort beobachtete ich, wie Kinder inmitten von Ruinen und ausgebrannten Autos spielen und nachts zum tiefen Bass der Luftangriffe auf IS-Stellungen hinter der Front einschlafen. Ich fragte mich: Wie muss es sich anfühlen, in einem Kriegsgebiet aufzuwachsen? Wie kann die mit Kindheit untrennbar assoziierte Unbeschwertheit und Leichtigkeit existieren, in dieser aus Instabilität und Unsicherheit geprägter Umgebung, in der Krieg und Gewalt omnipräsent sind? Können sich die Kinder Kani Sherins überhaupt ein Leben in Frieden vorstellen? Und kann ich mir als Europäer überhaupt eine Kindheit in einem Kriegsgebiet vorstellen?

Mindestens genauso groß wie die Unterschiede der Lebenssituationen im kriegsgeplagten Irak und im friedlichen Europa stellte ich mir die Diskrepanz zwischen meiner eigenen Perspektive auf Kindheit vor, verglichen mit derer der Kinder.

Um diese Perspektiven sichtbar zu machen und gegenüber zu stellen, näherte ich mich dieser Fragen mithilfe von Fotografie an. Eine Collage aus den fotografisch dokumentierten Blicken durch die Augen der Kinder sowie eines fremden Erwachsenen als eine multi-perspektivische Auseinandersetzung mit Kindheit im Kriegsgebiet. Meine schwarz-weiß Fotos zeigen neben Portraits auch die Umgebung, in der die Kinder aufwachsen. Dieser Kontrast zeigt eine starke Dissonanz zwischen den äußerlichen Schäden der Umgebung und der Vitalität und Unbeschwertheit von Kindheit.

Kinder spielen Fußball, egal ob der Untergrund Rasen oder eine Trümmerlandschaft ist. Jedoch lässt sich in den Gesichtern eine Ernsthaftigkeit finden – eine Unschuld, die erst in ihrer Abwesenheit spürbar wird.

Die Farbfotos der beiden Jungen Omar Aziz Khader und Alaa Sabah Ibrahim, denen ich Einwegkameras gegeben habe, zeigen sie selbst und ihre Freunde in den Straßen des Dorfes. Wenn man die von den beiden Jungen aufgenommenen Fotos betrachtet, sind im Vergleich zu meinen Bildern die Ausdrücke auf den Gesichtern der dargestellten Personen sehr unterschiedlich. Das wirft interessante Fragen über die Rolle des ausländischen Fotografen auf, sowie die Wirkung, die seine Präsenz auf das Subjekt hat.

Mit mehr als 30 Millionen Menschen bilden Kurden das größte staatenlose Volk auf der Erde. Die kurdische Unabhängigkeitsbewegung fordert einen autonomen Kurdenstaat auf dem kurdischen Mehrheitsgebiet, das sich über die Grenzen Syriens, Iraks, Irans und der Türkei spannt.

Im irakischen Anteil des Gebietes konnten die Kurden während des politischen Machtvakuums nach der Invasion im Jahr 2003 die Autonome Region Kurdistan etablieren, die fast vollständig selbstverwaltet ist.

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