Alicia Kozakiewicz wurde als 13-Jährige entführt und vergewaltigt – von einem Mann, der sich im Internetforum als Teenager ausgegeben hatte.

Missbrauch

„Kinder machen Fehler. Das nutzen die Täter aus.“

Alicia Kozakiewicz wurde als 13-Jährige entführt und vergewaltigt – von einem Mann, der sich im Internetforum als Teenager ausgegeben hatte. Ein Gespräch über ihr Leben mit dem Trauma, ihren Kampf gegen Missbrauch und Kinderpornografie – und wie Eltern ihre Kinder vor den Gefahren des Internets schützen können

Alicia Kozakiewicz, Sie waren eines der ersten Kinder der Welt, die über das Internet zum Opfer von Pädophilen wurden. Was ist damals passiert?

Als ich 13 war, war ich ein ganz normales, etwas schüchternes Mädchen. Doch in den ersten Chatrooms, die es damals im Internet gab, war ich sehr selbstsicher und habe leicht neue Menschen kennengelernt. Ich fühlte mich dabei absolut sicher. Schließlich stand der Computer im Wohnzimmer meiner Eltern. Ich dachte, sie sind bei mir und können auf mich aufpassen. Weder meine Eltern noch ich, noch die allermeisten anderen Menschen hatten damals ein Bewusstsein für die Gefahren, die das Internet birgt.

In einem Chatroom haben Sie damals einen Mann kennengelernt, der sich als 13-Jähriger ausgegeben hat.

Wir haben über Monate gechattet. Und dann, am 1. Januar 2002, wollten wir uns erstmals persönlich treffen. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, der mein Leben für immer verändern sollte. Ich saß mit meiner Familie in unserem Haus in Pittsburgh beim Neujahrsdinner. Jeder, der uns so gesehen hätte, hätte uns für die perfekte, glückliche Familie gehalten. Dann log ich meine Eltern an. Ich sagte, ich hätte Bauchschmerzen und bat darum, auf mein Zimmer gehen zu dürfen.

Aber Sie gingen nicht auf Ihr Zimmer.

Stattdessen schlich ich mich aus dem Haus. Dort hatte ich mich um 19 Uhr mit meinem „Freund“ aus dem Chatroom verabredet. Draußen war es ganz still. Eine innere Stimme sagte mir: „Alicia, geh zurück! Du machst einen Fehler.“ Dann hörte ich eine andere Stimme, die meinen Namen rief. Es war nicht die Stimme eines 13-Jährigen, es war die Stimme eines Mannes. Diese schreckliche Stimme höre ich heute immer noch.

Was passierte dann?

„Ich fühlte mich dabei absolut sicher“: Alicia Kozakiewicz als 13-Jährige am PC.

Er packte mich, zerrte mich in sein Auto und fuhr los. Er drückte meine Hand so fest, dass ich dachte, er würde sie mir brechen. Er sagte, dass er mich fesseln und in den Kofferraum stecken würde, wenn ich schreie. Ich schrie nicht. Ich dachte nur noch: Überlebe! Überlebe! Überlebe! Ich wollte nicht in den Kofferraum. Wer im Kofferraum landet, kommt da nicht lebend wieder raus. Leichen liegen im Kofferraum. Das wusste ich aus dem Fernsehen. Er war ein großer Mann, ich war ein kleines Mädchen. Ich wusste, dass ich nicht gegen ihn kämpfen konnte. Ich wusste, dass ich keine Kontrolle mehr über mein Leben hatte. Ich weinte, er fuhr. Ungefähr fünf Stunden.

Wohin brachte er sie?

Schließlich hielt das Auto, und er zerrte mich in den Keller seines Hauses. Es war stockfinster. Dann schaltete er das Licht an. An der Wand hingen jede Menge Geräte. Heute weiß ich, dass es Sexspielzeuge waren. Es war ein Verließ. Damals dachte ich nur: Dies ist der Ort, an dem Menschen gefoltert werden. Er setzte mich auf einen Tisch, zwang mich, ihm in die Augen zu gucken und sagte: „Was jetzt passieren wird, wird sehr wehtun. Es ist okay, wenn du weinst.“

Was tat er Ihnen an?

Er legte mir ein Hundehalsband an, zog mich aus, nahm mir meine Identität, entmenschlichte mich – und vergewaltigte mich das erste Mal. In den nächsten vier Tagen hat er mich immer wieder gefoltert und vergewaltigt. Immer wieder! Ich weiß nicht mehr, wie oft. Als ich mich gewehrt habe, hat er mir die Nase gebrochen. Außerdem hat er mir nichts zu essen gegeben.

Hatten Sie die Hoffnung aufgegeben?

Nein! Ich wollte überleben. So lange wie möglich. Aber mir war klar, dass er mich schließlich umbringen würde. Nachdem, was er mir angetan hatte, hatte er keine andere Option. Und ich wusste, dass es kein angenehmer Tod werden würde, denn es bereitete ihm Lust, mich zu foltern.

Sie wurden dann nach vier Tagen von der Polizei befreit. Was geschah am Tag Ihrer Rettung?

An meinem letzten Tag in Gefangenschaft, hat mein Entführer mich in seinem Schlafzimmer im ersten Stock am Boden festgekettet und verließ das Haus. Plötzlich hörte ich, dass die Tür im Erdgeschoss mit einem lauten Knall geöffnet wurde. Ich dachte: Jetzt er ist gekommen, um mich zu töten. Ich rollte mich unter das Bett, um mich zu verstecken. Dann hörte ich eine laute Stimme: „Da drüben bewegt sich was!“ Dann rief die Stimme: „Rauskommen! Hände über den Kopf!“ Nackt kroch ich unter dem Bett hervor und starrte in den Lauf einer Pistole. Ich dachte: Jetzt sterbe ich. Das war’s! Aber dann drehte der Mann sich um, und ich sah, dass auf dem Rücken seiner Jacke FBI stand. Dann stürmten viele Polizisten ins Zimmer. Sie gaben mir etwas, um mich zu bedecken, sie befreiten mich und retteten mein Leben!

Wie hatte das FBI Sie gefunden?

Während der Entführer mich folterte und vergewaltigte, ließ er die Kamera mitlaufen und streamte live, was er mir antat. Einer der Zuschauer erkannte mich. Er hatte mich auf einem Vermisstenplakat gesehen. Aus Angst, man könnte ihm auf die Schliche kommen, rief er das FBI an. Über die IP-Adresse hat das FBI das Haus gefunden, in dem ich gefangen gehalten wurde.

Im Zuge der Ermittlungen mussten Sie sich Ausschnitte des Videos Ihrer eigenen Vergewaltigungen anschauen, um sich zu identifizieren ...

Ja. Missbraucht und gefoltert zu werden, ist das eine. Aber das Ganze danach durch die Augen des Täters zu sehen, ist etwas anderes. Zu wissen, dass die schlimmste Zeit deines Lebens anderen Lust bereitet hat, ist so entwürdigend, dafür gibt es keine Worte. Es ekelt mich an, dass es heute noch immer Menschen gibt, die diese Videos sehen wollen. Wenn man mich googelt, schlägt Google oft „Livestream“ vor. Die Vorstellung, dass diese Filme vielleicht noch immer irgendwo kursieren, ist für mich unerträglich. Es ist, als würde der Missbrauch nie aufhören, als sei man für immer in der Gewalt des Täters.

Der Täter wurde zu 19 Jahren und sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Macht es Ihnen Angst, dass er voraussichtlich in weniger als zwei Jahren freikommt?

Er wird wegen mir 20 Jahre im Gefängnis gesessen haben. Natürlich habe ich Angst davor, dass er sich rächen will. Er weiß nicht, wo ich lebe, aber er weiß, wo meine Eltern leben.

Wenige Monate nach Ihrer Befreiung beschlossen Sie, kein passives Opfer zu sein.

Ja, denn alles, was ich tun wollte, war andere Kinder vor einem Schicksal wie meinem zu bewahren. Darum habe ich mit 14 Jahren das Alicia-Project gegründet, ging an Schulen, erzählte meine Geschichte und erklärte den Kindern, wie sie sich schützen können. Ich habe vor dem Kongress und mit dem FBI gesprochen, damit sie mehr tun können, um Kinder vor dieser neuen Form von Kriminalität zu schützen.

Sie haben bereits ein Jahr nach Ihrer Entführung öffentlich über das gesprochen, was Ihnen widerfahren ist. War das nicht unerträglich?

Alicia Kozakiewicz im „National Center for Missing and Exploited Children“ in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia. 

Ja, es fiel mir unglaublich schwer, und es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen. Das Verbrechen wird immer Teil meines Lebens sein. Es hat mir die Kindheit geraubt. Viele schreckliche Details der viertägigen Folter habe ich verdrängt. Therapeuten haben mir gesagt, dass ich das Verlorene durch Hypnose wieder hervorholen könnte, aber das will ich gar nicht. Ich habe schon so noch immer Flashbacks. Ich habe akzeptiert, dass dies mein ganzes Leben lang passieren und es mich jedes Mal so überwältigen kann, dass ich weinen muss.

Trotzdem haben Sie sich entschieden, offen über das Erlebte zu sprechen.

Ja, denn es war und ist für mich die beste Therapie. So konnte ich dem, was mir widerfahren war, zumindest einen Sinn geben. Ich habe in den letzten 17 Jahren vor Hunderttausenden Menschen gesprochen, darunter auch viele Eltern, deren Kinder getötet wurden. Sie zu treffen, ist am Schlimmsten. Auch wenn ich und andere Überlebende wissen, dass uns keine Schuld trifft, empfinden manche von uns in diesen Situationen eine Schuld, überlebt zu haben.

Seit vier Jahren sind Sie verheiratet. Wie gehen Sie und Ihr Partner mit Ihrer Vorgeschichte um?

Ich werde oft gefragt: Wie konntest du dich, nachdem was dir angetan wurde, überhaupt verlieben? Wie kannst du jemandem vertrauen? Wie kannst du mit einem Mann intim sein? Es hat in der Tat Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, dass es bei einer Vergewaltigung um Macht und Kontrolle geht, bei echter Liebe ist das nie der Fall. Natürlich war es auch für meinen Mann am Anfang nicht einfach, damit umzugehen. Meine sehr vertrauensvolle Beziehung zu ihm war ein wichtiger Teil meines Heilungsprozesses.

Mittlerweile arbeiten Sie als Expertin für Internetsicherheit und Beraterin für Kinderschutz. Gerade jetzt, da viele Kinder wegen der Corona-Krise nicht zur Schule gehen können, surfen sie viel unbeaufsichtigt im Internet. Die EU-Polizeibehörde Europol warnt zudem, dass Täter während der Pandemie im Netz verstärkt nach kinderpornografischem Material suchen.

Das ist eine große Gefahr! Viele Kinder haben Angst, langweilen sich und fühlen sich einsam. Das können Täter ausnutzen.

Was raten Sie Eltern, um Ihre Kinder vor Onlinegefahren zu schützen?

Es ist wichtig, dass sie mit ihren Kindern über die Gefahren des Internets sprechen, auch wenn das unangenehm sein kann.

Manche haben vielleicht die Sorge, dass sie ihre Kinder unnötig verängstigen …

Wir bringen Kindern doch auch bei, dass sie nach rechts und links gucken sollen, bevor sie eine Straße überqueren, dass sie keinen heißen Topf anfassen und ihre Finger nicht in Steckdosen stecken sollen. Wir weisen sie also ständig auf potenziell tödliche Gefahren hin, ohne sie dadurch zu traumatisieren. Es wäre doch absurd, wenn wir so tun würden, als gäbe es ausgerechnet im Internet keine Gefahren. Wir müssen in altersgerechter Weise ihr eigenes Urteilsvermögen stärken. Denn letztendlich müssen sie selbst die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen.

Wann sollten Eltern mit Kindern über diese Gefahren sprechen?

Sobald die Kinder anfangen, das Internet zu nutzen. Auch wenn sie dort nur Online-Computerspiele spielen. Eltern müssen kontrollieren, was ihre Kinder im Internet tun, sie sollten die Apps und sozialen Netzwerke, die ihre Kinder nutzen, kennen und wissen, wie man sie bedient. Dazu müssen sie auch alle Passwörter ihrer Kinder kennen und die Privatsphäre-Einstellungen und Onlineaktivitäten ihrer Kinder auf allen Geräten überprüfen.

Manche kritisieren ein solches Verhalten als übergriffig.

Natürlich ist es besser, wenn das nicht heimlich geschehen muss. Deshalb ist es überaus wichtig, dass Kinder wissen, sie können sich mit jedem Problem ihren Eltern anvertrauen! Aber wenn es nicht anders geht, haben Eltern auch das Recht und die Pflicht, ihre Kinder heimlich zu kontrollieren.

Sollten Eltern die Handys, Tablets und Computer Ihrer Kinder konfiszieren, wenn sie sich Sorgen machen?

Nein! Gerade in Zeiten von Corona sind diese Geräte oft ihre wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Wenn Kinder Angst haben, dass ihnen die Geräte weggenommen werden, könnte es sie davon abhalten, Hilfe zu suchen.

Welche Kinder sind Ihrer Erfahrung nach besonders gefährdet?

Alle Kinder sind gefährdet. Unabhängig vom Geschlecht und vom sozialen Status der Eltern. Statistisch sind Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren am stärksten gefährdet. Jedes Kind hat in der Pubertät Probleme mit der Identitätsfindung. Hinzu kommt, dass für viele Kinder und Jugendliche die virtuelle Welt mittlerweile wichtiger als die echte Welt ist. Likes und Follower in sozialen Netzwerken sind ihnen heute extrem wichtig, davon hängt ihr Selbstbewusstsein ab. Und um viele Follower zu haben, muss man oft schockieren. Viele Kinder und Jugendliche geben deshalb mehr von sich preis oder zeigen mehr, als sie eigentlich wollen. Trotz der Metoo-Bewegung werden Mädchen heutzutage hypersexualisiert. Viele Mädchen denken deshalb, dass es ihre wichtigste Aufgabe sei, sexy zu sein.

Kommt es auch deshalb immer wieder vor, dass vor allem Mädchen Nacktbilder von sich machen und diese per Whatsapp verschicken?

Das ist leider ein anhaltender und sehr gefährlicher Trend. Viele Mädchen und Frauen werden später von ihrem Ex-Partner mit solchen Bildern erpresst.

Wie finden die Täter im Internet ihre Opfer?

Kinder und Jugendliche sind impulsiv und können die Risiken ihres Handelns oft nicht gut einschätzen. Alle Kinder machen Fehler. Das machen die Täter sich zunutze. Sie suchen gezielt nach anfälligen, wehrlosen Kindern – und jedes Kind ist irgendwie anfällig: hat Probleme mit den Eltern oder seinen Freunden, findet sich nicht schön oder hat Ärger in der Schule. Geübte Manipulatoren finden schnell diese verwundbaren Stellen. Sie hören zu, bestätigen die Kinder in dem, was sie denken, sagen, was sie hören wollen, schenken ihnen Zeit, geben vermeintlich gute Ratschläge und den Eindruck, dass sie die einzigen Mensch der Welt sind, die immer und uneingeschränkt für die Halt und Anerkennung suchenden Kinder da sind. Sie spenden Trost und versuchen, einen immer größeren Keil zwischen ihre Opfer und ihre Familie und Freunde zu treiben. Das ist nichts anderes als Gehirnwäsche, und es kann die Persönlichkeit eines Kindes in kurzer Zeit total verändern. Im schlimmsten Fall verschließt es sich dann gegenüber seiner Umwelt und ist nur noch für den Manipulator aus dem Internet zugänglich.

Wo können die Täter den Kontakt zu ihren potenziellen Opfern knüpfen?

Sie gehen im Internet dorthin, wo die Kinder und Jugendlichen sind. Das sind unter anderem soziale Netzwerke, Dating-Apps für Jugendliche und Gaming-Plattformen.

Also spielt sich das alles im nur im Internet ab?

Nein, sie lauern ihnen auch im wirklichen Leben auf. Viele Kinder posten ständig, wo sie sind, andere haben Geotagging-Funktionen aktiviert. Eltern sollten diese Ortungsfunktionen auf den Geräten ihrer Kinder deshalb unbedingt ausschalten.

Wer sind die Täter?

Wie die Opfer kommen sie aus allen gesellschaftlichen Milieus. Weil die Kontaktaufnahme im Internet heute fast immer mit Fotos und Videos geschieht, werden die Täter jünger. Die meisten 14-jährigen Mädchen würden sich nicht mit einem Mann treffen, der aussieht, als sei er 65 Jahre alt, mit einem 19-Jährigen hingegen durchaus.

Interview: Philipp Hedemann

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