1. Startseite
  2. Panorama

Killerpilze mit neuem Sound

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Kathrin Rosendorff

Kommentare

Die Killerpilze waren als Punkrock-Teenies ziemlich erfolgreich. Der Hype ließ nach, aber sie haben nie aufgehört, neue Alben rauszubringen. Jetzt, zehn Jahre später, könnten sie mit ihrem Pop-Album „High“ wieder die Massen erreichen.

Alter, euch gibt es noch? Cool.“ Solche und ähnliche Kommentare finden sich oft unter den aktuellen Youtube-Videos und auf der Facebook-Seite der Killerpilze. „Würden wir jedes Mal fünf Euro bekommen, wenn wir diese Frage hören, hätten wir für immer ausgesorgt“, sagt Johannes „Jo“ Halbig, Frontmann und Sänger der Münchner Band. Er lacht. Der 26-Jährige würde in einer TV-Serie sehr wahrscheinlich den coolen, grüblerischen, unerreichbaren Typen spielen, so wie Jared Leto in der 90er-Jahre-Serie „Willkommen im Leben“.

Sein Lachen ist nicht unbegründet. Denn das Trio, das früher mal zu viert war, war nie weg. Vor 14 Jahren gründeten sie ihre Band im Kinderzimmer. Als Teenies waren sie Dauergast in der „Bravo“ und sangen Punkrock-Songs wie „Richtig Scheisse (auf ’ne schöne Art und Weise)“ oder „Springt Hoch“. Sie wurden als ernste Konkurrenz zu Tokio Hotel gehandelt. Der Jüngste der Band ist Fabian Halbig, der jüngere Bruder von Johannes. „Fabi“ war bei ihrem ersten Studio-Album „Invasion der Killerpilze“ (2006), das sich 140 000 Mal verkaufte, gerade mal niedliche 13 und trug da noch längeres Haar zu lila Shirt.

Heute ist er 23 und trägt die Haare kurz zu grüner Bomberjacke beim Interview im Frankfurter Café „Beste Freunde“. Der Schlagzeuger ist mittlerweile einen Kopf größer als die beiden anderen und hat das markanteste Gesicht der Band. Fabian Halbig ist auch Schauspieler und spielte bei den Jugendroman-Verfilmungen der „Vorstadtkrokodile“ und 2013 im Münchner Tatort mit. Er sagt: „Eigentlich haben wir jetzt erst gelernt mit dem Satz: „Ach, euch gibt es noch!“ umzugehen. Ich meine, wir haben ständig Alben gemacht und 60 bis 100 Konzerte im Jahr – von kleinen Clubs bis zu großen Festivals – gespielt und hörten den Satz trotzdem immer wieder.“

Das soll sich ändern. Mit ihrem sechsten Studioalbum „High“ gehen sie im April auf Club-Tour. Ein Titel heißt „Wir sind immer noch jung“.

„Als Teenieband waren wir mit unserer ersten Platte omnipräsent. Wir freuen uns, dass die Leute uns jetzt wieder mit unserem neuen Sound mitbekommen“, sagt Maximilian Schlichter, 27, der weißblond gefärbte Sänger und Gitarrist. Für die Fans heißt er „Mäx“. Er hat Gitarre studiert und unterrichtet einmal die Woche auch an seiner eigenen Musikschule. Den neuen Sound der Killerpilze beschreibt Fabian Halbig als „stylische Popmusik mit Gitarre“. Noch sind sie nicht wieder dort, wo sie mal waren. Aber es gibt erste Schritte.

„Gerade durften wir im Tagesschau-Studio für ein Interview des Kulturressorts sitzen und beim ZDF-Morgenmagazin auftreten. Das war bei den Vorgänger-Alben nicht der Fall. Es fühlt sich gerade so an, als ob wir wieder einen Moment haben, wo sich alles gut fügt“, sagt Johannes Halbig, der einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften hat. Zusammen mit Schlichter schreibt er die Songs.

Auf dem Platten-Cover von „High“ sind die nackten Band-Popos festgehalten. Bilder, die am Ende eines entspannten Fotoshootings auf einem Hippie-Hof in der Nähe von München entstanden sind. Natürlich hätten sie dann noch überlegt: Soll das wirklich unser Cover werden? „Aber es passte. Es drückt den Spirit, die jugendliche Unbekümmertheit, den Spaß, aber eben auch diesen Mut, für uns als Killerpilze Popmusik zu machen, aus. Wir haben auch musikalisch die Hosen runtergelassen“, sagt Johannes Halbig.

Die Killerpilze hatten sich zuvor von Punkrock bis Elektro ziemlich ausgetobt. Als sie vor fünf Jahren „eine Art Metal-Album“ veröffentlichten, sei ihnen klar gewesen, dass das wenig massentauglich war. Aufgeben war nie eine Option: „Wir unterscheiden uns gegenüber 99 Prozent aller anderen Bands, dass wir unheimlich viel Durchhaltevermögen haben und in vielen Situationen wirklich Eier gezeigt haben“, sagt Frontmann Halbig.

Bereits 2009 war es zum Bruch mit Universal gekommen und sie beschlossen, ihr eigenes Label „killerpilzerecords“ zu gründen. „Wir wussten, dass wir nicht immer eine Teenieband sein werden und nicht immer nur Punkrock machen wollten. Damals waren wir aber in dieser Schublade drin und wir sollten weiter dort platziert werden. Wir aber wollten uns musikalisch weiterentwickeln“, so Johannes Halbig.

Maximilian Schlichter ergänzt: „Bei Universal hatten allein 40 Leute nur für uns gearbeitet. Plötzlich waren wir nur noch ein kleines Team. Klar haben wir anfangs noch Fehler gemacht, aber wir haben viel in den Jahren dazugelernt.“ Ihr aktuelles Album „High“ haben sie mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanziert. Rund 75 000 Euro sammelten sie ein, sogar aus Island, Kolumbien und Russland hätten Fans gespendet.

In Frankreich haben sie eine große Fangemeinde. „In Paris sind wir regelmäßig mit jedem Album. Die Anschläge dort und in Brüssel, wo wir auch schon aufgetreten sind, haben uns sehr erschüttert. In Paris wollen wir im Herbst wieder spielen“, sagt Jo Halbig. „Wir hoffen, mit unserer Musik den Leuten etwas Positives schenken zu können.“

Auch wenn manche Song-Titel wie „Major Love“, das einen 80er-Sound hat, englisch sind, singen sie auf Deutsch. Es geht um die Sinnsuche von Mittzwanzigern, Party, Sex, aber auch um die große Liebe. Schlichter hat dieses „High-mit-Dir“-Gefühl bereits gefunden und ist verheiratet.

Bei ihrem Beziehungs-Aus-Lied: „SchneeSonneSchnee“ sind Blues-Elemente drin. Der Musikclip dazu in einer Schneelandschaft erinnert an den Tarantino-Western „The Hateful 8“. Die Spielfilm-Qualität ist kein Zufall, denn Fabian Halbig studiert in München Filmproduktion.

Aber nicht nur in der Musikwelt sind die drei aktiv: Seit zehn Jahren engagieren sie sich für die von Karlheinz Böhm gegründete Stiftung „Menschen für Menschen“. Damals schrieb sie Böhm persönlich an. „Wir reisen regelmäßig nach Äthiopien und haben mit Hilfe unserer Fans sehr viele Schulen bauen können“, so Schlichter. Das aktuelle Projekt in Äthiopien heißt „High Five 4 life“. „Da geht es darum, die Kernpunkte Bildung, Ernährung, Ackerbau und Gesundheitswesen zu stärken und so Fluchtursachen zu bekämpfen“, sagt Fabian Halbig. Auch engagieren sie sich bei der Initiative „Kein Bock auf Nazis“.

Für die bevorstehende Tour proben sie in ihrer Heimatstadt Dillingen, 100 Kilometer von München entfernt. Danach essen sie bei ihrem Stamm-Italiener die nach ihnen benannte Pizza.

„Früher haben wir erzählt, dass unser Bandname entstanden ist, als ich eine Pizza bestellte, auf der so große Pilze drauf waren und ich sagte: ‚Das sind ja Killerpilze‘“, so Fabian Halbig. Aber das sei nur ausgedacht, weil sie sich nicht mehr richtig erinnern können, wie sie eigentlich auf den Namen kamen.

„Auf der Killerpilze-Pizza ist alles drauf, was man sich vorstellen kann. Es ist die teuerste und die, die satt macht“, sagt Fabian Halbig lachend. „Das beschreibt unsere Band auch ganz gut: Da geht man richtig zufrieden nach Hause.“

Auch interessant

Kommentare