+
Na endlich: Nur wenige Minuten nach der Bekanntgabe zündeten die ersten Genießer öffentlich ihre Pfeifen an.

Südafrika

Kiffen am Kap

  • schließen

Über die Legalisierung von Cannabis in Südafrika freuen sich nicht nur die Konsumenten: Auch die Wirtschaft des Landes könnte durch die grünen Pflänzchen ein echtes „High“ erleben.

High Noon am Kap der Guten Hoffnung. Die Entscheidung des südafrikanischen Verfassungsgerichts, den privaten Konsum von Cannabis zu legalisieren, hat die sozialen Netzwerker an der Südspitze des afrikanischen Kontinents zu regelrechten Höhepunkten der anzüglichen Formulierungskunst geführt: „Highest Court in the Country Rules“, meldet ein Twitter-Nutzer; „State Laws up in Smoke“, freut sich ein anderer; der „grünen Ökonomie“ sei endlich Tür und Tor geöffnet, vermerkt ein Dritter. Als einer der ersten Staaten der Welt hat Nelson Mandelas Regenbogennation jetzt den Genuss der anregenden Hanf-Produkte nicht nur entkriminalisiert, sondern ausdrücklich erlaubt – zumindest, wenn die Cannabispflanze im Eigenanbau geerntet und im Privatbereich zu sich genommen wird.

„Es ist kein Verbrechen, wenn eine erwachsene Person Cannabis in seinem Privatbereich besitzt oder konsumiert“, gab der stellvertretende Präsident des Verfassungsgerichts, Raymond Zondo, die einmütige Entscheidung der höchsten Richter des Landes zu Beginn der Woche in Johannesburg bekannt – nur wenige Minuten später zündeten sich zahlreiche Rastafaris vor dem Gerichtsgebäude der Stadt in aller Öffentlichkeit ihr Pfeifchen an.

Die Entscheidung hatte sich bereits seit einem Jahr angebahnt: Seit ein Richter des Landgerichts in Kapstadt mehrere bekennende Marihuanakonsumenten freigesprochen hatte – unter Verweis auf die südafrikanische Verfassung, die zu einer der liberalsten der Welt zählt. Der Staat dürfe im Fall des Cannabiskonsums in den eigenen vier Wänden nicht strafend eingreifen, befand der Jurist Dennis Davis. Doch sein Urteil wurde von Südafrikas Regierung angefochten und vor das Verfassungsgericht gebracht.

Dieses erweiterte die straffreie Zone des Kapstädter Richters nun sogar noch von den eigenen vier Wänden auf die Privatsphäre überhaupt, wozu auch das eigene Auto oder der breiten Öffentlichkeit nicht zugängliche Bereiche zählen sollen. Welche Mengen an „Dagga“, wie Cannabis in Südafrika genannt wird, als Eigenbedarf gewertet werden sollen, wollten die Richter nicht festlegen: Sie forderten das Parlament in Kapstadt auf, innerhalb von zwei Jahren einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der solche Einzelheiten regeln soll.

Bisher ist der Besitz, Handel und Konsum von Cannabis nur in wenigen Staaten der Welt ausdrücklich erlaubt: Als erstes Land hat Uruguay vor fünf Jahren den Anbau, Verkauf – allerdings nur durch zwei lizensierte Unternehmen – und die Einnahme von Marihuana und Haschisch ausdrücklich erlaubt. Spanien, Georgien und die tschechische Republik erlauben den Besitz und Konsum begrenzter Mengen von Cannabis, in den Niederlanden gibt es kleine Mengen schon lange in sogenannten Coffeeshops zu kaufen, Kanada will ab Mitte nächsten Monats mit der Legalisierung von bis zu 30 Gramm Gras folgen. In den USA besteht das landesweite Verbot des Rauschmittels zwar fort, acht Staaten und die Hauptstadt Washington haben seine Einnahme jedoch legalisiert. Der Einsatz von Cannabis als schmerzlinderndes Mittel vor allem bei der Krebsbehandlung ist dagegen schon in zahlreichen Staaten der Welt, unter anderem auch in Deutschland, erlaubt.

In Südafrika wird Dagga bereits seit Hunderten von Jahren vor allem unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit geraucht: Das in der Provinz Kwa-Zulu/Natal („Durban Poison“), aber auch in Swasiland („Swazi Gold“) angebaute Gras ist am Kap der Guten Hoffnung für nur wenige Euro-cents pro Gramm zu haben. Die Polizei vernichtet zwar immer wieder ganze Dagga-Felder und beschlagnahmt regelmäßig auch große Mengen der geernteten Pflanzen. Trotzdem hat sich an dem Anbau des milden Rauschmittels über die Jahre hinweg wenig verändert. Viele Kleinbauern sind auf die Einnahmen aus der Anpflanzung angewiesen.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Cannabis auch in anderen Teilen der Welt ist das südliche Afrika als Anbaugebiet immer mehr in den Mittelpunkt gerückt: Inzwischen soll ein Viertel des weltweit konsumierten Cannabis aus diesem Teil der Erde stammen. Nach Angaben der UN-Drogenbehörde nehmen rund 200 Millionen Menschen regelmäßig Marihuana oder Haschisch zu sich, davon rund ein Viertel in Afrika. Mit der Legalisierung des Cannabishandels, der weltweit fast 200 Milliarden US-Dollar umfassen soll, könnte sich das südliche Afrika einen lukrativen Markt erschließen, sagen Experten. Schon heute bereiten sich Pharmakonzerne, aber auch Getränkeriesen wie Coca-Cola zumindest insgeheim auf eine Erweiterung ihrer Produktpalette mit Hanf-Derivaten vor. Nach Prognosen von William Newlands, Geschäftsführer von Constellation Brands („Corona“-Bier), wird der legale Handel mit Cannabisprodukten in den nächsten 15 Jahren auf über 200 Milliarden US-Dollar in die Höhe schnellen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion